Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: JUNGE CHREOGRAPHEN. Viele Lichtkreise und eine bayerische Hetz

Stuttgart: „JUNGE CHOREOGRAPHEN“ 20.4. 2017 (Schauspielhaus) – Viele Lichtkreise und eine bayerische Hetz

Zehn Uraufführungen, darunter drei Gast-Choreographen-Anwärter und vier Debutanten – die alljährliche Mischung der von der Stuttgarter Noverre-Gesellschaft getragenen Abende mit ausgewählten Teilnehmern weckt allemal spannende Erwartungen – mit dem Wissen, dass es sich dabei um eine Plattform des Ausprobierens und keinen Wettbewerb des Besten, Innovativsten oder Sensationellsten handelt.

Noverre E=mc2 Tänzer Ballettstudio Karlsruhe 2017_13
Tänzer des Ballettstudios Karlsruhe in „E=mc2“. Copyright: Roman Novitzky

Auffällige Gemeinsamkeiten der meisten neuen Stücke dieses Jahrgangs liegen in der Positionierung des Geschehens in unterschiedlich dimensionierten Lichtkreisen sowie der optischen Präsentation der Tänzer in schwarzen Hosen und oft freien Oberkörpern. Wie verschieden die Ergebnisse dann doch ausfallen zeugt von der choreographisch-stilistischen Phantasie des Nachwuchses. Nach wie vor auffallend ist der Mangel an Mut zu heiteren oder komischen Ideen und Geschichten, weshalb der Beitrag des vom Bayerischen Staatsballett kommenden Dustin Klein mit dem bereits Schmunzeln hervorrufenden Titel „WER KO DER KO“ umso mehr heraus ragte. Für seine beiden Kollegen Nikita Korotkov und Ilia Sarkisov hat er zu uriger Akkordeon-Musik der Bayerischen G’Stanzl-Musikanten einen ungewöhnlichen Pas de deux entworfen, in dem sie sich mit der köstlichen Verwendung klassischer Ballett-Erscheinungen in Haltung und Form durchgängig in einfallsreichen Bewegungen, Positionen und Posen und zuletzt gar noch im langen Zug aus der Bierflasche messen. Statt der eher düster grauen Gewandung hätten da nur noch die Lederhosen und Holzfällerhemden gefehlt, aber vielleicht wäre dann der Bogen des Persiflierens überspannt worden. Jedenfalls eine mit stürmischen Lach- und Bravosalven gefeierte Supergaudi.

Nach ihrem in guter Erinnerung gebliebenen Debut mit einem klassisch geprägten Klimt-Pas de deux im letzten Jahr erwies sich Aurora De Mori erneut als Schrittmacherin mit viel Gespür für die Beziehung zwischen Choreographie und Musik. In „DEVENIRE ANIMA“ lässt sie zu meditativen Klängen von Arvo Pärt die Schwingungen der Seele in viel fließenden Motionen spürbar werden. Dabei verwendet sie als Einzige an diesem Abend Hebungen, sowohl über die Schulter, den Kopf und den Rücken, die von den fünf Compagnie-Kollegen Agnes Su, Elisa Ghisalberti, Kieran Brooks, Timoor Ashfar und Noan Alves reibungslos bewältigt und ausgefüllt werden. Letzterer versuchte sich erstmals mit einer Kreation und zeigt in „VENUS“ gleich vier Liebegöttinnen, die sich zu illustrativer Musik in geschlitzten violetten Röcken, zuvor in schwarzen Bikinis, teilweise auf Spitze in vielen Drehungen und Windungen ein Stelldichein geben, während die Schweinwerfer ein Wolkenmuster auf den Boden zaubern.

Zum ersten Mal dabei ist der Eleve Alessandro Giaquinto, der sich in „ELEGIA“ mit dem so benannten Viola-Solo von Strawinsky eines vom Autor Giuseppe Ungaretti selbst gesprochenen Gedichtes angenommen hat, in dem der unsichtbare Schrei innerer, durch die Verluste während des Ersten Weltkriegs hervorgerufener Qualen mit den Eigenschaften eines heiligen Steins verglichen wird. In einem sich zur Scheibe weitenden warm ausgeleuchteten Lichtkreis recken und strecken Myriam Simon, Paula Rezende und Aurora De Mori vor allem ihre Arme weit in die Höhe, um im nächsten Moment wieder Richtung Boden zurück zu fallen. Das leichte Pathos des Textes wie auch des Vortrags wird von der Choreographie angenehm aufgefangen.

Mit ähnlich annähernd klassischen Ballett-Elementen arbeitete Tadayoshi Kokeguchi als Gast vom Ballett der Opéra Lyon. In „FENCES“ stellt er vier Stuttgarter TänzerInnen und sich selbst in fünf getrennte Scheinwerfer-Kegel, die entsprechend den Bewegungen mitwandern und die Isolierung so lange aufrecht erhalten, bis die „Zäune“ fallen und alle in einem Lichtkreis vereint sind. Brahms Cellosonate Nr. 1 ist eine gut gewählte, weil strukturell passende Grundlage zu dieser sehr musikalisch gearbeiteten Kreation.

Eine ähnlich gute Struktur wie auch musikalisch durchdachte Konzeption ist Guilherme Carola als Gast von der Akademie des Tanzes Mannheim und seinem Stück „E=mc2“ zu bescheinigen. Einsteins berühmte Existenz-Formel von der Zusammensetzung aus Energie, Masse und Lichtgeschwindigkeit übersetzt der Brasilianer sehr anschaulich in eine trotz gewisser kantiger Bewegungs-Muster fließend bewegte Choreographie, die durch typisch kreisende Minimal-Music von Philipp Glass den entsprechenden Sog erhält und von fünf Tänzerkollegen mit Verve und Frische umgesetzt wird.

Erstmals stellte sich der Solist Pablo von Sternenfels als Tanzschöpfer und gleichzeitig eigener Interpret seines Solos „A DROP OF OCEAN“ vor. Das ganz und gar individuelle Konzept betrifft sowohl die Live-Begleitung durch seinen Bruder Santiago von Sternenfels am Saxophon und Schlauch sowie Fuensanta Mendez am Kontrabass und als atonale Vokalistin als auch die Form der Bewegungen. Vom blau schimmernden Boden windet sich der Solist meist aus der Hocke in immer ungewöhnlichere Positionen empor, meist auf ganz engem Radius und erzielt dabei eine enorme Körperspannung, geboren aus viel Bühnenpräsenz und leidenschaftlicher Ausstrahlung.

Alisa Scetinina kam erst diese Spielzeit ins Stuttgarter Corps de ballet und wagt mit „INTACT“ sogleich ihren ersten Versuch. Der ebenfalls in einem wandernden Lichtkegel entwickelte Pas de deux schildert auf intime Weise die kleine Welt eines jungen Paares im Schlabberlook und in Strümpfen. Eigens komponierte Klaviermusik schmiegt sich gleichsam den umtanzenden und umspielenden Details der Choreographie an und umgekehrt. Ein beachtenswerter Einstand!

Noverre Fraternal Stories McGowan,Comak 2017_2Alexander McGowan und Enes Comak in ihrer Eigen-Kreation „Fraternal Stories“. Copyright: Roman Novitzky

Bleiben noch zwei im Doppelpack jeweils für sie selbst entworfene Arbeiten: Alexander McGowan und Enes Comak rücken sich zuerst in weißen Hemden und umgelegten Krawatten, dann in lässigen Jacken auf nacktem Oberkörper und unter wechselnden Beleuchtungsfarben in zwei „FRATERNAL | STORIES“ mal zu sanften Klaviertönen, dann zu harten Beat-Rhythmen mit irrsinnig schnellen Drehungen und wiederholten Zuckungen in vorteilhaftes Licht.

Noverre Room 29 Robinson,Russell Jones 2017_11
Starke Interpreten ihres eigenen Stücks: Robert Robinson und Adam Russell Jones in „Room 29“. Copyright: Roman Novitzky

Robert Robinson und Adam Russell Jones wiederum setzen den Gedanken von Jarvis Cockers Song-Text „ROOM 29“, die sich bei allem Glamour unter Künstlern in ihrem Hotelzimmer breitmachende Einsamkeit, ganz in Schwarz gehüllt, sehr einfühlsam und mit exaktem Timing in geheimnisvoll dräuende Kombinationen aus Fall- und Kipp-Positionen um. Die hohe Bewegungs-Qualität wie auch die Kraft ihrer Bühnenerscheinungen erhöhen noch die Aussage dieses kurzen starken Kammerballetts.

Die sehr differenzierte Begeisterung sprach wieder einmal für das hoch entwickelte Einschätzungsvermögen des Stuttgarter Publikums.

                                                                                                          Udo Klebes    

 

Diese Seite drucken