Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: FAUST I – Des Pudels Kern

 Premiere „Faust I“ im Schauspielhaus Stuttgart
DES PUDELS KERN
Premiere „Faust I“ von Goethe im Schauspielhaus am 7.10. 2017/STUTTGART

Zum vorerst letzten Mal hat Stephan Kimmig hier Regie geführt. Mit „Faust I“ ist ihm eine durchaus abwechslungsreiche Inszenierung gelungen, die nur zuletzt etwas aufgesetzt wirkt. Die Tragödie scheint sich in Belanglosigkeiten aufzulösen, der Schrecken ist plötzlich vorüber. In der Mitte sieht man einen großen Vogel. Zu den Texten des großen Goethe kommt das „Sekundärdrama“ zu „Faust“ der Wiener Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Es überträgt die Gretchentragödie ins Heute und nennt sich „FaustIn and Out“. Der Text variiert die Taten des Josef Fritzl, der für seine Tochter Elisabeth und die gemeinsamen Kinder 24 Jahre lang jener männliche Gott war, dem Goethes „Faust“ gleicht. Und aus dem Kellerverlies im österreichischen Amstetten spricht eine junge Frau, die Fritzl so zum Opfer gefallen ist wie Gretchen Mephisto: „Wir sind halt die, die wir sind. Auch Gott kann ja nur der sein, der er ist. Wie ich„.

Auf einer drehbaren Bühne mit alabasterfarbenem-weißen Gerüst entfaltet sich diese szenisch-literarische Collage mit erschreckender Konsequenz. Faust verlässt das mittelalterliche Studierzimmer und verfällt der Bewegung und der atemlosen Geschwindigkeit: „Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben, und Fluch vor allem der Geduld!“ Gleich zu Beginn erscheint der von Sandra Gerling mit facettenreicher Dämonie verkörperte Mephisto als Dompteur eines angeketteten Pudels, der sich ziemlich hilflos hin und her windet. Hier steckt in der Inszenierung auch eine leise Ironie. Mephisto bezeichnet den Pudel schließlich als „bösen Hund“ – und er überträgt in der gelungenen Darstellung Sandra Gerlings dessen Charakterzüge in unheimlicher Weise auf den Menschen Faust, den Paul Grill sehr lebenshungrig mimt.

Der Teufel hält Faust an der Leine und lässt ihn nicht mehr los. Die Rolle ist bei dieser vielschichtigen Inszenierung in zwei Personen aufgeteilt worden, denn Elmar Roloff spielt zudem Faust, der sehr lebensbejahend ist. Der Teufelspakt wird geschlossen. Es ist eine Hymne auf Mammon, Konsum und Verzehr. Die Figuren steigern sich bei dieser Inszenierung in einen leidenschaftlichen Rausch hinein. Lea Ruckpaul spielt Gretchen und Gott zugleich. Sie hat nicht nur mit Faust, sondern vor allem auch mit dem von ihr gefürchteten Mephisto ihre liebe Not. In seinem unstillbaren Verlangen und seinem Durst nach Leben kann Faust Gretchen nicht retten, sie landet schließlich im Kerker und wird gnadenlos zugrundegerichtet.

Das kommt bei der Aufführung drastisch zum Vorschein. Die Todeszelle wird schließlich zum Grab. Hinzu kommt Elfriede Jelineks Text über den „Allumfasser und Allerhalter„, das Kerkerverlies und die unendliche Einsamkeit dieser unglücklichen jungen Frau, die zuletzt keinen Ausweg mehr weiß, was Lea Ruckpaul in ihren ungeheuren Verzweiflungsausbrüchen hervorragend darstellt.

Die Frage bleibt, woher das Böse eigentlich kommt. Darauf weiß natürlich auch der von Elmar Roloff ziemlich verschlagen, aber auch unbeholfen gemimte „Famulus“ Wagner keine Antwort. Bei Stephan Kimmig findet immer wieder Theater auf dem Theater statt. Das ist amüsant und abwechslungsreich zugleich. So beginnt die Werbung Fausts um Gretchen im zweiten Teil nach der Pause zunächst im oberen Foyer, wo das Publikum schließlich wieder in den Zuschauerraum des Schauspielhauses gescheucht wird. Zwischen einem Zitat von Adorno, der fünften Sinfonie von Gustav Mahler und dem Adagio von Samuel Barber gewinnen die Protagonisten im Nebelzauber allmählich immer stärkere Konturen. Sandra Gerling erobert als Teufel schließlich den Zuschauerraum, streckt den Leuten humpelnd und keuchend die rote Zunge heraus. Da triumphiert wiederholt das Sarkastische und Grausige, die ganze Welt scheint sich in ein grandioses Tollhaus zu verwandeln. Faust und Mephisto spielen hier hungrig mit einem Ei, das Auditorium glänzt in schwarz-weißem Licht.

Die Originalmusik stammt von Malakoff Kowalski, der auch die E-Gitarre spielt und am Klavier musiziert. Man hört „featuring Fink“, „The Doors“, „PJ Harvey“ oder „Archive“. Das Outfit wirkt bei dieser Inszenierung ziemlich zeitlos (Bühne: Katja Haß; Kostüme: Sigi Colpe). Das Sekundärdrama von Elfriede Jelinek mutiert dabei immer mehr zum beklemmenden Begleitdrama, das sich zuspitzt. Auf der drehbaren Bühne sieht man Sequenzen aus dem „Faust“-Stummfilm, das ist überhaupt Stephan Kimmigs bester Regieeinfall. Das Theater arbeitet dabei mit eindrucksvollen Hall-Effekten, die nicht nur Elmar Roloff, sondern auch Sandra Gerling sehr geschickt nutzen. Und der Teufel mutiert zur Schlange: „Ich bin eine Fotze“. Lea Ruckpaul musiziert zudem am Cello und am Schlagzeug und verleiht Gretchen damit eine Aura zwischen lyrischer Poesie und Rebellion.

Dazwischen meldet sich immer wieder Elfriede Jelinek mit ihren fast surrealistischen Texten zwischen Lust und Wahnsinn: „Ich bin seelisch krank, ich bin eine Frau„. Elmar Roloff verwandelt sich als Josef Fritzl in einen Unhold: „Wir holen dieses Mädel in unseren Keller hinunter...“ Als Gretchen revoltiert Lea Ruckpaul vehement, sie fordert ihr Recht ein: „Ich habe anderes zu tun als von dir gefickt zu werden, Papa!“ Doch Gretchen versinkt auch hier zuletzt rettungslos in der Unterwelt, aus der es kein Entrinnen gibt.

Paul Grill macht Fausts ruheloses und durch keine Erfüllung zu sättigendes Begehren deutlich, ein Titan, der die Grenzen des Menschlichen überschreiten möchte. Sandra Gerling ist als Teufel wahrhaftig der zynische „Geist, der stets verneint“. Und bei Stephan Kimmig ist „Faust“ sowohl ein Mensch des 16. als auch des 18. Jahrhunderts und natürlich auch unserer heutigen Zeit. Er ist seiner Zeit weit voraus, auch wenn er sich seiner Kleider entledigt und zuletzt nackt auf der Bühne steht. Einzig der Schluss dieser ansonsten recht plausiblen Inszenierung wirkt etwas unbeholfen. Bei Paul Grill ist Faust durchaus ein moderner Mensch, der sich nicht unbedingt mit antiquierten Vorstellungen aus der Frühe der Neuzeit oder des Mittelalters herumschleppt. Sandra Gerling gelingt es als Mephisto souverän, sich in verschiedenartige Charaktere in bestürzender Weise aufzuspalten. Da brennen sich die Bilder dieser Aufführung stark ins Gedächtnis. Manche Szenen gehen dagegen unter – so etwa die Erscheinung des bösen Geistes in der Kirche. Sie werden hier geradezu entdämonisiert. Die Verwandlungsfähigkeit der Figuren, die Blutverschreibung, das warnende Lied für Gretchen oder das Angebot der Befreiung aus dem Gefängnis besitzen immer wieder durchaus suggestive Momente. Manchmal fehlen vielleicht die leisen Töne – auch in der Beziehung Fausts zu Gretchen. Fausts böswillige Begleiter und die Idee der Naturnotwendigkeit beherrschen dabei das Element Erde und den „Lauf der Welt“. Die mythischen Erscheinungsformen leben vor allem in der Stummfilmszene mit dem Erdgeist auf. Hierbei verschmelzen die Figuren mit den realen Darstellern zum Leben und zur Einheit. Gretchen beziehungsweise Margarete hat ja auch eine mythische Lesart durch die Lebensgeschichte der heiligen Margareta von Antiochia, die man nicht vergessen sollte. Faust ist gleichzeitig ein Magier der Neuzeit, was Stephan Kimmig in seiner Inszenierung aber etwas abschwächt. Sinnenhaftigkeit und Selbstbehauptungswillen kann Paul Grill als ungestüm-forscher Faust durchaus über die Rampe bringen – und nicht nur dann, wenn er Gretchen einfach im Huckepack auf den Rücken nimmt.

Kimmigs Inszenierung wirft einen interessanten Blick auf neue Sichtweisen in der Rezeptionsgeschichte von Goethes „Faust“-Dichtung“, nicht nur wegen Elfriede Jelineks Einwürfen. Das Publikum quittierte die Premiere jedenfalls mit deutlicher Zustimmung, „Bravo“-Rufen und langem Beifall.
 
Alexander Walther

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