Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: „EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT“ von Eugene O’Neill. Premiere

STUTTGART:  „EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE NACHT“ von Eugene O’Neill im Schauspielhaus Stuttgart

GESPENSTER DER VERGANGENHEIT

Premiere von O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ am 18. 2. 2017 im Schauspielhaus/STUTTGART

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Caroline Seifarth, Manolo Bertling, Robert Kuchenbuch, Edgar Selge, Peter Kurth, Peter Rene Lüdicke, Julischka Engel. Copyright: Thomas Aurin

Eugene O’Neill entdeckte die Psychologie für die amerikanische Bühne. Die Welt Ibsens und Strindbergs lebt in seinen Stücken auf. Armin Petras trägt dieser Tatsache in seiner Inszenierung des autobiographischen Dramas „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ durchaus Rechnung. Die düsteren und heftigen Leidenschaften der Protagonisten werden hier thematisiert. Geschildert wird ein einziger Tag im Leben und Leiden der Familie Tyrone. James Tyrone, den Edgar Selge mimisch sehr beweglich verkörpert, kann seine armselige Jugend auch als gefeierter Schauspieler nicht vergessen. Er tyrannisiert die Familie mit seinem Geiz, an dem bereits ein Sohn zugrunde ging. Peter Kurth stellt seine morphiumsüchtige Frau Mary in vielen Schattierungen und nicht ohne traurige Ironie dar. Sie zerbricht seelisch am Bewusstsein der Schuld – jedoch nicht so stark, wie ihre unglücklichen Söhne. Der Sohn James wird zum Trinker und unheilbaren Zyniker. Peter Rene Lüdicke bietet hier eine hervorragende schauspielerische Leistung.
Die Bühne von Aleksandar Denic lässt den Darstellern viel Freiraum. Und der von Manolo Bertling ebenfalls ausdrucksstark verkörperte Bruder Edmund leidet an der Schwindsucht. Sie wird als Sommergrippe bezeichnet: „So eine Sommergrippe kann einem schon den Appetit verderben.“ In dieser Inszenierung verfängt sich die Familie Tyrone immer mehr in ihren Lebenslügen.

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Manolo Bertling, Peter Kurth, Edgar Selge. Copyright: Thomas Aurin

Das Stück spielt im Jahre 1912, hinter dem jüngsten Sohn der Familie verbirgt sich Eugene O’Neill selbst. Er ist 23 Jahre alt, spielt kleine Nebenrollen und ist glücklos als Reporter. In diesem Jahr sinkt auch die „Titanic“, was die Inszenierung von Armin Petras visuell thematisiert. Man sieht einen riesigen Schiffsrumpf mit der Aufschrift „Titanic“, wobei sich die Bühne immer wieder dreht und den Blick auf das Haus der Familie Tyrone freigibt. O’Neill interessiert sich vor allem für jene Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben – nicht für jene, die erfolgreich sind. Verwandt ist dieses Werk mit Albees „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ und Tennessee Williams‘ „Die Katze auf dem heißen Blechdach“. Die Menschen sind allerdings auch bei Eugene O’Neill von bösen Leidenschaften und Lastern befallen. Nachklänge des Naturalismus und der Seelenentblößung im Stil Strindbergs verleugnet Armin Petras nicht. Das Morsche, Verlorene und Verlogene wird hier gnadenlos und sarkastisch karikiert. Als „Der Graf von Monte Christo“ tingelt der Vater James Tyrone durch Amerika, versucht sich mehr oder weniger erfolgreich auch als Shakespeare-Darsteller. In der oberen Etage des Hauses befällt den alternden Schauspieler die Arbeitswut, er schlüpft hier in unzählige Shakespeare-Rollen. Eine weitere starke Szene, bei der Edgar Selge brilliert. Psychoanalytischer Realismus und Phantastik dominieren. Es ist ein spannungsvolles Theater im Theater. Wie wenig die beiden Söhne eine Heimat finden, bringen Peter Rene Lüdicke und Manolo Bertling eindrucksvoll zum Vorschein. Sie schreien nach „Mama“ und „Papa“: „Ich brauche Hilfe!“ Das sind dann überhaupt die stärksten Szenen bei dieser Premiere. Es folgt der völlige seelische und körperliche Zusammenbruch. Der Untergang dieser Familie wird so mit schonungsloser Offenheit erzählt.

Auch in der Realität sind Eugene O’Neills Eltern früh verstorben, sein Bruder säuft sich zu Tode. Diese schrecklichen Ereignisse treibt die Inszenierung von Armin Petras auf die Spitze. Diese Gespenster der Vergangenheit beherrschen das Bühnengeschehen bald vollständig, beeinflussen im Nebel-Auditorium auch das subtile Spiel des Hausmusikers Miles Perkin und der drei Hausmädchen Cathleen, Celine und Rebekka (Julischka Eichel, Celine Seifarth und Rebekka Irion). Armin Petras denkt hier durchaus immer wieder an Details. Interessant sind in diesem Zusammenhang die Video-Einblendungen von Rebecca Riedel an der Bühnendecke. Dort sieht man einzelne Personen bei einer spiritistischen Sitzung oder nimmt undefinierbare seelische Alpträume wahr. Das Bühnengeschehen im unteren Raum wird so nach oben hin wie in einem seltsamen Spiegelbild reflektiert. Und die Kostüme von Michael Graessner tragen zu dieser Erkenntnis ebenfalls bei. Berit Jentzsch legt bei ihrer Choreografie auf bewegungstechnische Rasanz großen Wert. Hier werden an die Darsteller hohe Anforderungen gestellt. Die Figuren sind durch ihre Vergangenheit ineinander verfangen – sich gegenseitig verachtend, bedauernd und liebend. Auf eine Reise ins Licht wartet man zuletzt vergeblich. O’Neill  meinte damit auch Amerika, dessen Entwicklung er als größten Fehlschlag bezeichnete.

Insgesamt gesehen gelingt es Armin Petras trotz einiger Abstriche, den „American way of life“ als grandiose Lebenslüge zu entlarven. Die Menschen zerbrechen schließlich an ihrer Beziehungslosigkeit, an den leeren Worthülsen ihrer verlorenen Tage. Gott hat da keinen Platz mehr. Es ist ein verlorenes Spiel.

Starker, auch begeisterter Schlussapplaus des Premierenpublikums. 

Alexander Walther

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