Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: DIE GLORREICHEN – Politwestern von Mario Eick

STUTTGART/ Schauspielhaus: Gastspiel „Die Glorreichen“ im Schauspiel Stuttgart

DIE POSITION VERTEIDIGEN

Gastspiel „Die Glorreichen“ am 8. Juli 2017 im Schauspiel Nord/STUTTGART
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Die Theatergruppe. Copyright: Schauspiel Nord

In 90 Minuten soll in diesem verrückten Politwestern von Mario Eick die Welt gerettet werden. Schauspieler und Musiker aus der Republik Moldau und Deutschland wollen die Bewohner des „Global Village“ vor Geopolitik und Terror sowie neoliberalen Ideen schützen. Sie spielen den Film „Die glorreichen Sieben“ mit Yul Brynner und Horst Buchholz einfach nach, agieren als einsame Revolverhelden. Ein mexikanisches Dorf soll verteidigt werden, das jedes Jahr aufs Neue von Räubern ausgeplündert wird. Da geht richtig die Post ab, die Schauspieler lassen sich einfach ins Internet übertragen, Lady Macbeth lässt grüßen. Die Mexikaner selbst verhalten sich jedoch ebenfalls wenig zimperlich. Und Donald Trump wird plötzlich als Pflaume hingestellt. Die Darsteller Romanita Alexeev, Igor Babiac, Marina Frenk, Janosch Fries, Godje Hansen, Jens Lamprecht, Esra Laske, Erich Maier, Anastasia Nasko, Marcela Nistor, Genia Pasat und Balint Walter agieren in der subtilen Regie von Mario Eick, Manuel Harder und Sava Cebotari voller Energie und mit elektrisierender Kraft. Zwischen Nebelwolken wedelt man mit Putzlappen, ein ehemaliger Student und Universitätsassistent berichtet von seiner Zeit bis zur Promotion in Wien und wird ebenfalls immer wieder erschossen, obwohl er jedes Mal erneut aufsteht.

Das Absurde, Groteske und Surrealistische lässt sich nicht mehr trennen. Im wilden Gewitter der Maschinenpistolen geht auf einmal das Licht aus, die Protagonisten suchen aber ein Land, in dem man ein Zuhause findet. „Ich möchte mein Solo haben!“ fordern die Rivalen untereinander und treten in einen wilden Wettkampf ohne eigentlichen Sieger. Die „sexy“ wirkende Frau mit gebrochenem Herzen lässt einen Luftballon zerplatzen, zwischen Mann und Frau kommt es zu sensiblen Beobachtungen. Und wieder wird gedroht: „Wenn Sie noch einmal den Mund aufmachen, erschieße ich sie!“ Der Schuss wird hier sogar als erotisches Erlebnis zelebriert: „Sex mit dir ist besser als dich zu erschießen...“ Gelegentlich vermisst man bei dieser wirren Handlung aber den roten Faden. Das können die 12 mit Herzblut spielenden Schauspieler aus Ludwigsburg, Berlin, Burghausen, Chisinau und Bukarest auch nicht wettmachen. Alles läuft aus dem Ruder.

Das ist natürlich auch so gewollt. Man hält Monologe über sein Leben und seinen Beruf, sucht das große Glück und verfehlt das Ziel. Die Frage nach dem tieferen Sinn von Politik wird ebenfalls intensiv gestellt: Inwieweit sollte sich der Einzelne in unser Gemeinwesen einmischen? Die schlichte Ausstattung von Peter Schickart und die Musik (Leitung und Sound: Marina Frenk, Erich Maier) verbinden sich suggestiv miteinander. Die Augen sind oft voller Furcht – selbst beim Gespräch mit den Großeltern. „Was willst du wirklich?“ steht als zentrale Frage im Raum. Volkslieder dämpfen nicht die Sehnsucht nach Streit. Sarkasmus und Witz haben aber ihren Platz: „Eine Pizza kann die Familie im Gegensatz zu einem Schauspieler ernähren!“ Immer wieder verhüllen sich die Darsteller in einem schwarzen Tuch, das gelegentlich aufgefaltet wird. Ein berührender „Stehblues“ beendet dann schließlich die zahlreichen und oft unvermittelten Aktionen. Das Publikum applaudierte mit begeisterter Zustimmung. Diese Produktion ist eine Kooperation mit der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, dem Theater „Veniamin Apostol“ Soroca, Teatrul National „Vasile Alecsandri“ Balti – unterstützt vom Auswärtigen Amt, der Stadt Burghausen und der Regierung von Oberbayern. 

Alexander Walther

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