Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: DIE ERFINDUNG DER ROTEN ARMEE FRAKTION von Armin Petras

STUTTGART: Die Erfindng der Roten Armee Fraktion“ im Schauspiel Stuttgart

NAZIS UND ROTE REVOLTE

„Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ am 19. Dezember 2016 im Schauspiel Stuttgart

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Copyright: Thomas Aurin

„Ich will nicht mehr hier sein!“ Ein Junge aus der hessischen Provinz bleibt in der Schule sitzen, wird plötzlich in die Psychiatrie eingewiesen, er scheitert an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Diese Lehr- und Wanderjahre werden in Frank Witzels Roman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ad absurdum geführt. „Was habt ihr eigentlich gegen die DDR?“ lautet die ultimative Frage. Militärmärsche aus der Honecker-Zeit begleiten eine junge Frau in Uniform, die das Publikum für eine bessere Form des Sozialismus begeistern will. Die Bundesrepublik möchte sich hier vom Muff der Nazi-Zeit befreien, das Gesprächsprotokoll wechselt rasant zu atemlosen Action-Szenen. Ein innerer Monolog führt plötzlich zum philosophischen Traktat. Dazu gibt es fetzige Live-Musik mit der Band „Die Nerven“ (Julian Knoth, Kevin Kuhn, Max Rieger), die den Geist der Beatles und Rolling Stones beschwören. Dem Regisseur Armin Petras liegt insbesondere die Auseinandersetzung mit der Ost-West-Geschichte am Herzen. Darauf zielt seine Theaterfassung des Romans ab, die er zusammen mit Maja Zade geschaffen hat. Das Bühnenbild von Katrin Brack ist von vielen Plastikfiguren bevölkert, hinter denen die Schauspieler hervorschlüpfen und die Nachkriegsgeschichte Revue passieren lassen. Gegen die kalte Gesellschaft begehrt die Jugend auf. Es ist die Zeit zwischen erster Liebe und Radikalisierung. Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader lassen grüßen, die Terror-Zeit der Roten Armee Fraktion beginnt mit einer Warenhausbrandstiftung. Man mokiert sich über alte Nazis wie Kiesinger, dieses „Nazibehaftetsein“ ruft aber auch die Polizei auf den Plan. Mit diesem verhaltensauffälligen Dreizehnjährigen wird eine Bundesrepublik geschildert, die so kaputt wie Österreich und so abgründig wie Kalifornien ist. Annette Riedels Kostüme weisen zuweilen ironisch auf den Zeitgeist hin. Und Rebecca Riedels Video-Einblendungen beleuchten unterschiedliche Stress-Situationen des Lebens bis hin zu einer verendenden Fliege im Wasserglas. Das alles wird von der Live-Band mit zuweilen ohrenbetäubenden Einlagen begleitet: „Ich mach‘ den Mund auf zähl meine Narben meine Frisur stört mich unheimlich...“ Wahn und Wirklichkeit werden hier immer wieder wild durcheinandergeschüttelt. Das Sittenbild reicht von den verstörten Erwachsenen bis zu den abweisenden Mädchen und der Einweisung des depressiven Teenagers in die „Klapsmühle“. Die Leugnung des Holocaust wird gegeisselt: „Ich war es nicht gewesen.“ Es ist die Unfähigkeit, sich mit der Hitler-Zeit angemessen zu beschäftigen, die die Menschen schmerzt. Witzels hessische Impressionen aus Wiesbaden-Biebrich schildern auch die revoltierenden „Vorderberger“, die den etablierten Großbürgern das Leben zur Hölle machen. Man klatscht eine gelbe Schmiere an die Wand – Vergewaltiger, Mörder und Entführer machen die Gegend unsicher.

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Copyright: Thomas Aurin

Die Normalität wird angesichts angehender Terroristen zu Grabe getragen. Und auch den Katholizismus nimmt Armin Petras gehörig auf die Schippe – etwa dann, wenn Peter Rene Lüdicke als würstchenverspeisender Beichtvater Tilman Strauß die Absolution erteilt. Und auch die anderen Schauspieler Jule Böwe, Julischka Eichel und Paul Grill erwecken den Wahnsinn dieser Nachkriegszeit zum Leben. Der Teenager blickt durch die „rosarote Beatles-Brille“ auf die Zeitläufe, die für ihn die Welt bedeuten. Im Jahre 1969 verwandelt sich das Unbewusste in unheimlicher Weise zum Bewusstsein. Alles endet in einem Furioso zwischen Frotteesocken und psychedelischen Farbspielen, die sich vervielfältigen. Der „Summer of Love“ mit sphärenhaftem Hippietum weicht auf einmal der brutalen RAF-Welt, die in die gutbürgerliche Stube wie eine ungeheure Krake hereinbricht. Die Wut der Jugend nimmt Armin Petras zum Anlass, den Erwachsenen die Leviten zu lesen. Da geht es richtig ab, die Wiedergänger der verdrängten Gewalt kehren zurück. Verschiedene Brechungen in der Erinnerung der Protagonisten lassen das System zusammenbrechen. Man beantwortet keine Fragen mehr, sondern nimmt den verrückten Gründungsmythos der BRD einfach nur so hin. Doch Friede, Wohlstand und Sicherheit sind gefährdet. Das zeigt Armin Petras‘ Inszenierung sehr deutlich. Der Absturz ist nicht aufzuhalten, die Risse im Fußboden werden immer größer. Kindermörder und Entführer wie Jürgen Bartsch und Timo Rinnelt geistern als imaginäre Gespenster über die Bühne, die die Nerven der Protagonisten strapazieren. Die Aura des „Film noir“ lässt grüßen. Armin Petras zeigt, wie plötzlich das Grauen über dem biedermeierlichen „Wirtschaftswunder“ Ludwig Erhards hereinbricht und den ewigen Spießer Ödon von Horvaths verzweifeln lässt. Natürlich überzeugt hier nicht jede Sequenz in der gleichen Weise. Aber die Musik der Band „Die Nerven“ erreicht eine ungeahnte Intensität und Glaubwürdigkeit: „Inmitten der Leere hinter Raststätten versteckt deine Stimme die wie Teer die Straßen bedeckt…“ Ganz versteckt lauert das Grauen des Dritten Reiches, das nachts im Luftschutzkeller zwischen Brandbombem endet. Diese deutsche Wunde will sich nicht schließen. Man wünscht sich sehnlichst ein Happy End, das hier nicht stattfindet.

Alexander Walther

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