Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: DER RAUB DER SABINERINNEN – Mahler und Wagner vereint. Premiere

Premiere „Der Raub der Sabinerinnen“ im Schauspielhaus Stuttgart

MAHLER UND WAGNER VEREINT

Premiere nach dem Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“ von Paul und Franz von Schönthan im Schauspielhaus am 18.11.2016/STUTTGART

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Copyright: Conny Mirbach

Die bildungsbürgerliche Kleinstadt in Deutschland verwandelt sich in Sebastian Hartmanns Inszenierung rasch in eine überdimensionale Landschaft, wenn sich der rote Vorhang öffnet. Da sieht man dann zuletzt zwischen einstürzenden römischen Säulen und sich in Zeitlupe räkelnden Schauspielern eine illustre Atmosphäre. Der von Peter Rene Lüdicke mit hektischer Betriebsamkeit gemimte Professor Martin Gollwitz hat als Gymnasialprofessor in seiner Jugendzeit ein Theaterstück verfasst, das sein Dasein in der Schublade fristet, weil es ihm jetzt peinlich geworden ist.

Die Römertragödie „Der Raub der Sabinerinnen“ wird nur vom Dienstmädchen Rosa geliebt, dem Manja Kuhl eine starke darstellerische Präsenz verleiht. Holger Stockhaus tritt dann als heftig sächselnder Theaterdirektor Emanuel Striese auf den Plan, der auf Aufmerksamkeit und Prominenz ein besonderes Auge geworfen hat. Mit Rosa liefert er sich eine heftige Liebesszene auf dem Sofa. Er verspricht Gollwitz eine grandiose Aufführung – und die Inszenierung Sebastian Hartmanns gewinnt hier gewaltig an Fahrt: „Ich bin nicht lesbar, ich will raus aus mir!“ Verwechslungen, Streitereien und Enthüllungen sorgen auf der Bühne schließlich für ganz erheblichen Aufruhr, die das Familienleben in ein Chaos stürzen. Nach den völlig gescheiterten ersten zwei Akten dieser seltsamen Römertragödie wird kurzerhand die Erfolgskomödie „Hasemanns Töchter“ gespielt, wobei man jetzt alles umkrempelt. Abak Safaei-Rad als Gollwitz‘ hysterische Frau Friederike gerät genauso außer sich wie die von Sandra Gerling mit nie nachlassender Energie gemimte Tochter Paula und der von Manuel Harder furios gespielte Arzt Dr. Neumeister. Alles ist außer Rand und Band: „Sehen Sie, Herr Doktor, das wird an einer Schmiere geleistet!“ Die Protagonisten bekommen ihre Probleme nicht mehr in den Griff, Striese versinkt im „Tuschelbusch“. Diese Pflanze droht zum Wahrzeichen zu werden. Reflektionen und verschiedene Assoziationen führen hier zu einem chaotischen Sammelsurium des Theaterspiels, dessen Intensität sich unaufhörlich steigert.

Dazu tragen die passenden Kostüme von Adriana Braga Peretzki mit römischen Faltenwürfen und Ritterrüstungen bei. Hinter dem pompösen roten Vorhang öffnen sich plötzlich die „Bretter, die die Welt bedeuten“. Die Sperrholzkulisse scheint sich zu verschieben – und man sieht auf einmal drei merkwürdige Säulen der Dreifaltigkeit, die die Sicht auf einen imginären Theaterhimmel freigeben und diesen stützen. Das ist überhaupt der beste Regieeinfall von Sebastian Hartmanns zuweilen doch recht lärmender Inszenierung. Hanna Plaß überrascht bei dieser insgesamt erfreulich frischen und temperamentvollen Aufführung mit Charlie Chaplins Song „Smile“, Goats „Union of Sun and Moon“, Scout Nibletts „Kiss“, Max Höggs „Württembergmarsch“ und Emil Dörles „Badnerlied“.

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Copyright: Conny Mirbach

Die Einspielung von Thomas Braschs „Titel, Thesen, Temperamente“ aus dem Jahr 1982 weckt Reminiszenzen zu Kunst-Fragen. Da steht dann plötzlich alles auf dem Prüfstand: „Es ist die Frage, in wie weit eine Gesellschaft tatsächlich das Bedürfnis nach Kunst hat.“ Das Ensemble singt zuletzt gemeinsam „Moonlight Mile“ der Rolling Stones. Bei Richard Wagners Ouvertüre zu „Lohengrin“ und Gustav Mahlers Lied „Ich bin der Welt abhandengekommen“ finden die beiden so unterschiedlichen Komponisten in berührender Weise zusammen. Da erreicht Sebastian Hartmanns ansonsten komische und burleske Inszenierung ein erstaunliches ästhetisches Niveau. Man denkt an den Juden Mahler, der es in Bayreuth nicht leicht hatte. Birgit Unterweger brilliert als Neumeisters Frau Marianne mit burschikosem Outfit und „wienerischem Schmäh“ – auch als Kellnerin. Gollwitz ist davon überzeugt, dass er für die Regierung arbeitet – und als Menü wird sogar „Hitler-Gulasch“ angepriesen. Manuel Harder vermag als Karl Groß das Tempo der Aufführung genauso zu steigern wie Manolo Bertling als dessen Sohn Emil. Sie bieten immer wieder hitzige Wortgefechte.  Hans Mosers Lied „Wenn der Herrgott net will“ liegt wie ein Motto über dieser rasant und atemlos daherkommenden Inszenierung: „Wenn der Herrgott net will, nutzt es gar nix, sei net bös, net nervös, denk es war nix.

Beim mit großem Beifall bedachten Finale kommt es zuletzt sogar noch zu einer gewaltigen Feuerexplosion im Hintergrund. Fazit: Ein kurzweiliger Abend ist dieser „Raub der Sabinerinnen“ in der Neufassung allemal.  

Alexander Walther

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