Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: DER MENSCHENFEIND“ von Moliere. „Ein Flittchen mit Niveau“. Premiere

STUTTGART/ Schauspielhaus:  Premiere „DER MENSCHENFEIND“ von Moliere. EIN FLITTCHEN MIT NIVEAU. 7. 7.2017

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Michael Lieb (Live-Musik), Christian Czeremnych. Copyright: Björn Klein

In die heutige Zeit und ins Foyer des Schauspielhauses übertragen hat Wolfgang Michalek seine Inszenierung von Molieres Komödie „Der Menschenfeind“, die 1666 im Theater des Palais-Royal uraufgeführt wurde. Hier trifft sich die absolutistische Hofgesellschaft zur großen Party im Stil von Versailles. Aber der strenge Sittenrichter Alceste möchte nicht dabei sein. Er verachtet die Schleimereien seiner adligen Freunde und bleibt lieber einsam: „Ach, ich könnte speien, wenn ich euch sehe! Diese Kriechereien, am liebsten möcht ich fliehen...“ Er ist mit der ganzen Welt zerfallen, sieht nichts als Unrecht und Lüge. Aber er betet Celimene an, deren oberflächliches und flatterhaftes Wesen ihn scheinbar aus der Fassung bringt. Alceste rechnet aber auch mit seinem Rivalen Oronte ab, dessen Verse und dichterische Ergüsse Alceste verabscheut. Schonungslos sagt er Oronte die Wahrheit. Celimene greift er wegen deren Verhältnissen mit zahlreichen Liebhabern an. Arsinoe klärt Alceste schließlich über Celimenes Briefwechsel mit Oronte auf. Obwohl er jetzt endlich einen Beweis für die Untreue seiner Angebeteten in Hände zu haben glaubt, erliegt er wieder ihren Reizen. Schließlich kommen die Bewerber um Celimenes Gunst bei ihr zusammen und entlarven sie mit unwiderlegbaren Brief-Dokumenten. Jetzt wird sie plötzlich von allen Liebhabern verlassen – bis auf Alceste, der ihr verzeihen möchte. Sie soll ihm in die Einsamkeit folgen. Doch dazu ist die junge und lebenslustige Celimene nicht bereit. Also wird sich Alceste endgültig von der Welt zurückziehen.

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Michael Lieb (Live-Musik), Peer Oscar Musinowski, Christian Czeremnych, Birgite Unterweger.Copyright: Björn Klein

Wolfgang Michalek (Raum: Julian Marbach; Kostüme: Cinzia Fossati; Musik: Michael Lieb) hat diese eigentlich recht einfach gestrickte Handlung merklich aufgelockert. Dabei helfen ihm der vorzügliche Pianist Michael Lieb und vor allem der brillante Christian Czeremnych als jugendlich-forscher Alceste, dem man die Verbissenheit eigentlich gar nicht abnimmt. Auf dem Holz-Podium vollbringt er jedenfalls vor dem blauen Vorhang allerlei tänzerische Kunststücke. Birgit Unterweger überzeugt als gewiefte Celimene, die von der als ältliche Jungfer agierenden Arsinoe (fabelhaft: Lucie Emons) bis aufs Blut gereizt wird. Zwischen diesen beiden Damen kommt es später zu einem grandiosen Primadonnen-Furioso, bei dem beide Schauspielerinnen alle Register ihres komödiantischen Könnens zeigen können.

Zwischen Chopin und Mozarts „Königin der Nacht“ springt die Dramaturgie dieser rasanten Aufführung immer wieder von Höhepunkt zu Höhepunkt: „Nimm alles von mir!“ Alceste beschimpft Celimene schließlich als „Flittchen mit Niveau“, was zu weiteren erheblichen Turbulenzen führt. Celimene erklärt, dass ihr nur noch ein 20jähriger Student zur Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse recht sei. Sektgläser stürzen herab und es ergießt sich plötzlich ein goldener Konfetti-Regen über Celimene, die vom Pianisten in ihrem weißen Kleid mit einer Luftmaschine geradezu „aufgeblasen“ wird. Dazu hört man die Stimme von Edith Piaf. Das nützt aber alles nichts, denn speziell in der Liebe fehlt den Protagonisten immer der Schwung. Alceste schimpft: „Die Menschen hier sind schlecht!“ Celimene steht zwischen Alceste und Oronte: „Sie müssen mir sagen, ob Sie mich wollen oder nicht!“ Und Oronte ergänzt: „Sie müssen jetzt erklären, wen Sie lieben!“ Doch Celimene kontert: „Merken Sie eigentlich nicht, wie Sie mir auf die Nerven gehen?“ Zwischen Alceste und Oronte entfacht Wolfgang Michalek abermals einen heftigen Steit um die Liebe, was sehr gut inszeniert ist. Birgit Unterweger brilliert als Celimene wiederholt als Chanson-Sängerin: „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre„. Und Lucie Emons macht als verwirrte Arsinoe aus Giacomo Puccinis Arie „O mio babbino caro“ eine satirische Slapstick-Nummer. „Gianni Schicchi“ lässt als gefoppter Erbonkel wirklich grüßen. Die Reimwut der Protagonisten erreicht immer neue Siedepunkte: „Und auf dem Tisch hat sie’s getrieben mit dem Herrn in Reihe 7!“ Birgit Unterweger und Lucie Emons heizen die Stimmung mit dem berühmten Schlager „Wenn die beste Freundin mit der besten Freundin“ weiter an. „Ich führe dich fort von hier“, erklärt der eigentlich ziemlich verzweifelte Alceste seiner zuletzt immer noch Angebeteten Celimene. Doch das „bessere Leben“ ist nicht erreichbar. „Ich passe“, bemerkt Alceste lakonisch. „Ich weiß nur eines – dass ich die Menschen hasse…“

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Michael Lieb (Live-Musik), Birgit Unterweger. Copyright: Björn Klein

Wolfgang Michalek hat aus Molieres Komödie eine hintersinnige und trotzdem lustige Party gemacht, das Tragische tritt dabei eher in den Hintergrund. Das liegt vor allem an Christian Czeremnych als Alceste, der hier im Grunde genommen als Clown agiert, den man nicht allzu ernst nehmen sollte. Selbst am Ende ist nicht sicher, ob er seine Meinung nicht doch noch ändert und sich von anderen einfach umstimmen lässt. Das gesellschaftliche Leben und Treiben am Hofe König Ludwig XIV. könnte man hier in unsere Zeit übertragen. Nicht nur Macron lässt grüßen. Als „Special Guest“ ist auch die unverwüstliche Rahel Ohm zu jeder „Schandtat“ bereit und hat die Lachsalven auf ihrer Seite.

Das Publikum wird mit Fächern und Wasserflaschen hitzegerecht ausgestattet. Jubelstürme fürs Ensemble für diese ansprechende Leistung, die kaum szenische Schwächen besitzt.  Als Zugabe überrascht der stets wandlungsfähige Peer Oscar Musinowski als Oronte noch mit dem Song „As Time Goes By“, nachdem die Damen „Warum liebt der Wladimir g’rade mir“ von Claire Waldoff angestimmt haben.

Alexander Walther

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