Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: DER KIRSCHGARTEN – Liebe als Krankheit. Premiere

Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ im Schauspielhaus Stuttgart : LIEBE ALS KRANKHEIT

Premiere von Anton Tschechows „Der Kirschgarten“ am 13.4.2017 im Schauspielhaus/STUTTGART

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Robert Borgmann stellt in seiner Inszenierung von Tschechows Schauspiel „Der Kirschgarten“ (Kostüme: Thea Hoffmann-Axthelm) die psychologischen Prozesse subtil heraus. Auch die berühmte russische Seele kommt nicht zu kurz. Auf einer schrägen Bühne sieht man in roter und weißer Beleuchtung die Protagonisten des Stückes, die mit sich selbst kämpfen. Astrid Meyerfeldt bietet eine virtuose und sensible Darstellung der Gutsbesitzerin Ljubow Andrejewna Ranjewskaja, die nach Jahren im Ausland wieder in ihre Heimat zurückkehrt. Das Landgut ist komplett verschuldet, obwohl der Kirschbaum noch in voller Blüte steht. Später sieht man dann den Kirschbaum, der hin- und herfährt. Die Gutsbesitzerin hat vor ihm auf einem beweglichen Wagen Platz genommen und füllt den Raum aus. Nachdem ihr kleiner Sohn ertrunken war, ist sie mit ihrem Geliebten nach Frankreich geflohen. In schemenhaften Erinnerungen lässt sie ihr Leben Revue passieren. Wegen des drohenden Ruins wurde sie von ihrer Tochter Anja zurückgeholt. Anna Gesa-Raija Lappe spielt Anja als durchaus verletzliches Wesen, das ihrer Mutter jedoch ziemlich hilflos gegenübersteht. Sie kann ihr in entscheidenden Punkten nicht helfen. Das bringt Robert Borgmann in seiner abwechslungsreichen Inszenierung gut über die Rampe. Jetzt droht sogar die Zwangsversteigerung. Der windige Geschäftsmann Jermolaj Alexejewitsch Lopachin, den Manuel Harder zynisch und cholerisch zugleich mimt, zeigt ihr und ihrem Bruder Gajew (emotional: Peter Rene Lüdicke) den einzig möglichen Ausweg – der Kirschgarten muss nämlich abgeholzt werden. Außerdem werden für das Land Ferienhäuser benötigt, damit man mit dem Besitz Geld verdienen kann. Doch die Gutsbesitzerin Ranjewskaja weigert sich energisch, sich auf diesen Vorschlag einzulassen. Astrid Meyerfeldt arbeitet diese Konfliktsituation darstellerisch überzeugend heraus. Sie gibt aber eigenes Versagen durchaus zu: „Oh, meine Sünden…Ich habe immer mit Geld um mich geworfen, hemmungslos wie eine Wahnsinnige…“ Liebe wird hier außerdem zur Krankheit. Daran leiden die handelnden Personen in diesem Drama. Sie können nämlich nicht zueinander finden. Lopachin ist zuletzt der neue Besitzer des Kirschgartens, den er gekauft hat. Er verhöhnt die ehemalige Gutsbesitzerin, die ihn dafür ohrfeigt. Doch das nützt ihr nichts. Am Ende reist die Ranjewskaja gemeinsam mit dem jungen Diener Jascha wieder zurück zu ihrem erkrankten Geliebten in Paris, obwohl sie zuvor sagte: „Mit Paris ist es aus.“ Ihr Bruder Gajew nimmt dann die Stellung in der Bank an. Und die Pflegetochter Warja (furios: Julischka Eichel) wird bei den Ragulins in Jaschnewo nach der Wirtschaft schauen, während für die leibliche Tochter Anja ein neues Leben im Gymnasium beginnt. Das Stück endet mit einem berührenden Dialog zwischen Mutter und Tochter: „Mama, du weinst?“ Dann geht ganz langsam das Licht aus, man sieht viele Blätter schemenhaft herabfallen. Das ist eine eindrucksvolle visuelle Lösung von Robert Borgmann.

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Die letzte Szene mit dem Diener Firs hat Borgmann gestrichen. Das gesellschaftliche Abgleiten des Adels stellt er auch im schrägen Bühnenbild dar, die Personen fallen hier tatsächlich oftmals in die Tiefe. Wie in einem spitzen Dreieck führen die fahlen Wände nach hinten, lassen jedoch einen Spalt offen – das scheint wie ein letzter Ausweg zu sein. Man spürt zuweilen den Geist Dostojewskijs in dieser Inszenierung. Auch der realistisch-symbolistische Charakter dieser Komödie kommt trotz einiger szenischer Schwächen recht gut zum Vorschein, wobei Astrid Meyerfeldt als Gutsbsitzerin immer am überzeugendsten agiert. Sie arbeitet auch die fatale Zerbrechlichkeit dieser zentralen Figur ausgezeichnet heraus. Wenn Tschechows Regieanweisung sagt „…Und die Stille bricht herein. Und nur noch in der Tiefe des Gartens schlagen die Äxte dumpf auf das Holz der Bäume“ scheint man dies förmlich zu spüren und zu hören. Die vielen kleinen Nebenhandlungen bündelt Robert Borgmann hier zu einem eindrucksvollen Ganzen. Dies zeigt sich auch in der einfühlsam gezeichneten Rolle des ewigen Studenten Pjotr Sergejewitsch Trofimow, den Manolo Bertling als einen Tunichtgut und Lebemann darstellt, der auch mit Anja anbandelt. In weiteren Rollen gefallen Robert Kuchenbuch als Gutsbesitzer Boris Borrisowitsch Simeonow Pischtschik, Gina Henkel als oftmals außer sich geratene Gouvernante Charlotta Iwanowna, Wolfgang Michalek als Kontorist Semjon Pantelejewitsch Jepichodow, Birgit Unterweger als hervorragend hysterisches Dienstmädchen Dunjascha, Elmar Roloff als greisenhafter 87jähriger Diener Firs, Christian Czeremnych als junger Diener Jascha sowie der junge Lopachin in der Darstellung von Luca Harr und Nikolai Krafft.
Die Live-Musik von Philipp Weber ist sehr suggestiv und berührt ganz unmittelbar das Unterbewusstsein der Zuschauer. So gab es zuletzt großen Beifall und kaum Widerspruch. 

Alexander Walther

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