Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspielhaus: DAS SCHLOSS nach Franz Kafka – Der unerreichbare Palast

„Das Schloss“ nach Franz Kafka mit dem Theater Bremen im Schauspielhaus Stuttgart: DER UNERREICHBARE PALAST

Gastspiel des Theaters Bremen im Schauspielhaus mit Kafkas „Schloss“ am 19.11.2016/STUTTGART

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Copyright: Jörg Landsberg

Es ist ein Projekt der besonderen Art: Zusammen mit der Prager Kafka Band und einem der bekanntesten Schriftsteller der jungen Generation, Jaroslav Rudis, setzt sich das fulminante Schauspielensemble des Theaters Bremen mit Franz Kafkas Romanfragment „Das Schloss“ auseinander. Hier führt der Landvermesser Josef K. einen hoffnungslosen Kampf mit einer imaginären Verwaltung, um den Zutritt in das Schloss und das dazugehörige Dorf zu gelangen. Der Held ist hier eigentlich ein moderner Parzival, der um die göttliche Gnade ringt. Man spürt bei dieser Aufführung in der subtilen Regie von Alexander Riemenschneider (Bühne: David Hohmann; Kostüme: Anna Sophia Röpcke) die gnadenlose Kälte des tschechischen Winters und der Fremdenfeindlichkeit der Dorfbewohner des Riesengebirges. K. ist hier ein Einsamer und Getriebener, der unentwegt auf der Flucht ist. Er versteht nie die Regeln der fremden Welt und erreicht so auch das begehrte Schloss nicht. Die Geschichte von Josef K. bricht mitten im Satz zusammen. Kafka hat das Werk nicht vollendet. „Wer zeigt mir den Weg ins rechte Leben? Wer hilft meiner großen Not? Wohin mit mir, wohin?“ fragt der Protagonist hilflos. Der Bote Barnabas erklärt, dass K. kein Wohnrecht habe, weil dies aus seinen Akten zweifelsfrei hervorgehe. Der Charakter der mystischen Tragikomödie sticht auch in dieser Fassung deutlich hervor. Beherrschend ist die Ausweglosigkeit des Geschehens. Es ist die Sünde des Irrtums im strengen theologischen Sinn. Die Winterlandschaft wirkt hier wie eine unheimliche Vision mit Sternenhimmel, der bei der Zugabe „Bäume“ musikalisch passend beschworen wird. K. gibt sich als Landvermesser aus, der von der gräflichen Verwaltung angestellt wurde. In der Gaststube des Brückenwirtshauses wird ihm diese Behauptung erstaunlicherweise als richtig bestätigt. Als ihm der Schlossbote Barnabas auch noch den Brief des „Vorstands der zehnten Kanzlei“, Klamm, überbringt, scheint alles in Ordnung zu sein. Doch die Bauern meinen, dass sie keinen Landvermesser brauchen – und so gerät K. in Schwierigkeiten. Das Lied „Kinder auf der Landstraße“ von der Kafka Band erzählt viel von diesem ungewöhnlichen Lebensgefühl in Kafkas „Schloss“-Roman. Weil er Angst um seine Existenz hat, versucht K. zu der Behörde im Schloss vorzudringen. Schließlich darf er sich nach vielen Demütigungen als Schuldiener betätigen. Doch die Herrschaft im Schloss thront in unerreichbarer Ferne, was die Musik im visuellen Halbrund geschickt und eindringlich unterstreicht. K. sucht die Hilfe von Frauen. Das Schankmädchen Frieda wird seine Geliebte. Das Schloss bedient sich für den Verkehr mit Josef K. nur des Boten Barnabas, der mit seinen Schwestern Olga und Amalia einer verachteten Familie angehört, denn Amalia hat sich geweigert, die Geliebte eines Schlossbediensteten zu werden. In einer geschickten und dramatischen harmonischen Steigerung erreicht die eindringliche musikalische Darstellung der Kafka Band ihren Höhepunkt: Das verzweifelte Individuum rebelliert heftig gegen ein ungerechtes Schicksal. Die Kafka Band sucht hier eine eigene Form des Musiktheaters, die ein Rockkonzert mit Kafkas schmerzlichen Texten suggestiv verbindet. Deutsch und Tschechisch wird so zu einem Organismus verschmolzen.

Die Darsteller Guido Gallmann, Johannes Kühn, Franziska Schubert und Alexander Swoboda gestalten das Geschehen sehr emotional. Den undurchsichtigen Hierarchien wird musikalisch in aufwühlend-leidenschaftlicher Form begegnet. A.m.almela (Kontrabass, Bass, Mandoline), Jiri Hradil (Keyboard, Klavier), Zdenek Jurcik (Schlagzeug, Perkussion), Dusan Neuwerth (Gitarre, Gesang), Tomas Neuwerth (Schlagzeug, Perkussion), Jaroslav Rudis (Rezitation, Gesang) und Jaromir 99 (Gesang) bieten Songs und Passagen voller eruptiv-elektrisierender Harmonik. Rhythmische Vielseitigkeit gehört zu den großen Stärken dieses ungewöhnlichen „Konzerts“ zwischen Theater und Konzentration. Die Träume entziehen sich dabei ganz bewusst einer rationalen Deutung. Psychoanalytische, soziologische, existenzialistische und metaphysisch-spekulative Momente werden geschickt in musikalische Prozesse umgesetzt. So kommt nie Langeweile auf. K.’s Konflikt zwischen religiöser Veranlagung und skeptischem Intellekt tritt so grell hervor. So gerät der Widerstand gegen das erbarmungslose, unüberwindlich scheinende System der Bürokratie zu einer aufwühlenden Anklage der Verzweiflung. Dies kommt in Alexander Riemenschneiders Inszenierung hervorragend zur Geltung. Kafkas kristallklare und analytische Sprache verbindet sich mit den kontrapunktischen Strukturen der Musik. Und die Landschaften und Städte Österreich-Ungarns erscheinen in der versteckten Poesie der einzelnen Songs. Die Einsamkeit und das Angstgefühl des von der Gemeinschaft isolierten Menschen treten immer schmerzhafter hervor.
Im Hintergrund sieht man Kafkas überdimensionales Manuskript, die Buchstaben zerfließen in gespenstischer Weise und sinken herab (Zeichnungen: Jaromir 99). Im nachtschwarzen Sternenhimmel erfährt dieser Abend ein grandios-bewegendes Ende (Video: Clad). Ovationen für diese Produktion  – in Zusammenarbeit mit dem Literaturhaus Stuttgart.  

Alexander Walther

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