Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspiel Nord: „PARASITEN“ von Anna Elisabeth Frick

STUTTGART: „PARASITEN“ von Anna Elisabeth Frick im Schauspiel Nord

DIE VERHÄLTNISSE KEHREN SICH UM

„Parasiten“ von Anna Elisabeth Frick am 23.4. 2017 im Schauspiel Nord (Premiere war am 17.3.2017)/STUTTGART

44963_parasiten_foto_bjoern_klein_honorarfrei
Tobias Loth, Berit Jentzsch, Matthias Breitenbach, Godje Hansen, Dario Neumann. Copyright: Björn Klein

Das undurchschaubare Leben des Parasiten steht hier im Mittelpunkt des Geschehens. Es sind Wesen, die alles sehen und die keiner hört. Matthias Breitenbach, Godje Hansen, Berit Jentzsch, Tobias Loth und Dario Neumann spielen teilweise voller Emotion die Texte. Elmar Roloff ist die Stimme aus dem Off. Assoziationen zur „Orestie“ tun sich auf, denen ein choreografierter Teil folgt. Eine gewisse Nähe zu Fricks Stück „Die Unerhörte“ wird deutlich.

44965_parasiten_foto_bjoern_klein
Berit Jentzsch, Godje Hansen, Dario Neumann, Matthias Breitenbach, Tobias Loth. Copyright: Björn Klein

Die Darsteller produzieren sich auf offener Bühne. Sprechtheater und Tanz werden hier kunstvoll miteinander verknüpft. Der Wirt führt hier einen ständigen Kampf gegen den Parasiten, der überwiegend verachtet wird. Der Parasit lebt auf Kosten des Wirtes ohne selbst einen Mehrwert zu erbringen. So entwickelt der Wirt Abwehrstrategien, die bei dieser Arbeit in der Regie von Anna Elisabeth Frick zuweilen grotesk und witzig wirken. Und der Wirt sitzt im Rollstuhl und isst Würstchen, die auf einem Tabletttischchen herangefahren werden. Bei diesem Theaterabend wird jedoch auch untersucht, inwieweit der Parasit positive Eigenschaften besitzt. Er hilft nämlich auch, Konflikte zu beseitigen. Es wird ganz bewusst hinter die Grenzen geblickt, die die Menschen umgeben. Das Ziel liegt jenseits der Grenze. Die Gedanken können schmerzhaft sein, das Unvorstellbare müssen sich die Protagonisten vorstellen. Mithilfe der Kunst soll ein Raum geschaffen werden. Grenzüberschreitungen werden von den Darstellern und der Regisseurin bewusst in Kauf genommen. Das ist spannend.

Es findet sogar eine Publikumsbeschimpfung statt: „Ihr seid Ausbeuterschweine!“ Der Wirt besinnt sich im Rollstuhl eines Besseren: „Es könnte doch auch alles ganz anders sein!“ Und nach einem wilden Tanz sinkt er wieder erschöpft in seinen Rollstuhl zurück: „Es könnte doch auch sein, dass ihr das Theaterstück seid!“ Er spricht wiederholt recht leidenschaftlich über seine Gefühle, die er den Zuschauern unbedingt mitteilen will. Grenzen sollen hier verwischen, sich langsam zersetzen und auflösen. Faszination und Nachahmnung stehen dicht beieinander. Die Frage steht im Raum, wer nun eigentlich der wahre Parasit ist. Das Publikum soll durchaus orientierungslos werden, das ist die erklärte Absicht der Regisseurin und Autorin Anna Elisabeth Frick. Man möchte die Dinge in Frage stellen. Filigrane Organismen der Biologie werden seziert und aufs Korn genommen. Ein Holzkasten dient als Staffage für diese visuelle Untersuchung. Eine autonome Ordnung scheint hier in ein System ganz subtil einzudringen. Im Holzkasten nimmt zuletzt eine Familie Platz, es scheint ein blaues Badezimmer zu sein. Die Personen hauen sich ihre gegenseitigen Verletzungen um die Ohren. Es gibt kein Zurück mehr.

Anna Elisabeth Frick hat in ihrer Bachelorarbeit 2017 im Rahmen ihres Germanistikstudiums unter anderem an den Universitäten Köln und Berlin die Frage nach den Freiräumen eingehend untersucht, die gerade Parasiten schaffen können, die für die Menschen und andere Lebewesen auch nützlich sein können. Schon Lukian von Samosata hielt den „Parasitismus“ laut Frick für die höchste aller Künste – weit über der Musik, der Heilkunst, der Geometrie und der Redekunst. Entsprechend handeln die Figuren auch in Fricks Stück. Im Laufe des Abends kehren sich die Verhältnisse einfach um. Der Parasit dringt in ein bestehendes System ein und setzt dieses so in Bewegung, dass letztendlich alles auf dem Kopf steht. So kopflos agieren dann auch die Tänzerinnen, die von den Männern immer wieder aufgefangen werden. Auch das Märchen von Schneewittchen wird hier persifliert und erfährt einen eigenartigen Wandlungsprozess.

Diese Produktion des Schauspiels Stuttgart in Zusammenarbeit mit der Akademie für Darstellende Kunst Stuttgart beobachtet Dinge, die sich jenseits gewisser Grenzen befinden. Das ist mit einigen Abstrichen auch weitgehend gelungen (Bühne und Kostüme: Martha-Marie Pinsker; Choreografie: Berit Jentzsch). 

Alexander Walther

Diese Seite drucken