Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspiel Nord: LULU nach Frank Wedekind als Rock-Oper, als „Rock-Vaudeville“. Premiere

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Sandra Gerling (Lulu). Copyright: Thomas Aurin

STUTTGART/ Schauspiel Nord: LULU nach Frank Wedekind als Rock-Oper: EIN VERRÜCKTER SOMMERNACHTSTRAUM

Premiere „Lulu – ein Rock-Vaudeville“ am 24.11.2017 im Schauspiel Nord/STUTTGART „

Lulu“ nach Frank Wedekind als Rock-Oper? Armin Petras gibt in seiner Inszenierung eine plausible und in weiten Strecken auch überzeugende Antwort, auch wenn sich manche Passagen in die Länge ziehen und Fragen offenlassen.

Die Bühne von Julian Marbach und die Kostüme von Annette Riedel passen sich der mondänen Unterwelt-Atmosphäre an. Es ist ein verrückter, skurriler Sommernachtstraum mit dämonischen Sequenzen. In der Version der britischen Kultband The Tiger Lillies, die 2014 für die Opera North geschrieben wurde, wird aus Frank Wedekinds „Monstretragödie“ eine Mörderballade: „Lulu – A Murder Ballad“. Die entstandenen Songs „Daughter“, „Bird in a Cage“, „Gates of Hell“, „Violin“, „Dr. Goll“, „Mirror“, „Shunning“, „Daddy“, „Clown“, Suicide“, „Light“, „Poor Lulu“, „Pimp’s the Name“, „Albion“ und „My Heart Belongs to Daddy“ sind von Wedekinds Drama inspiriert. Armin Petras hat die wirre Handlung gekürzt und gestrafft. Der sich nach Lulu verzehrende und diese schließlich an andere Männer verkuppelnde Verleger Dr. Schön taucht hier als „Shunning“ auf. Nach diesem verfallen auch die anderen Herren der Gesellschaft Lulu, die Sandra Gerling in vielen Facetten und darstellerischen Nuancen bis hin zum Gesang mimt. So erreicht diese Figur eine rätselhaft-vielschichtige Intensität, die im Laufe des Abends immer mehr zunimmt. Die teilweise unheimliche Live-Musik von Miles Perkin unterstreicht diesen Eindruck noch. Clownsmaske und Falsettgesang verstärken dabei die Aura des Gespenstischen und Fantastischen, wozu die subtile Choreografie von Berit Jentzsch noch einiges beiträgt.

Martyn Jacques gilt als Gründer und Frontmann der legendären Tiger Lillies. Mit schäbigem Frack und suggesitv-verbeulter Melone hat er den makabren Vaudeville-Stil dieser ungewöhnlichen Inszenierung von Armin Petras inspiriert. Als Maler Schwartz (der wegen Lulu mit einer Rasierklinge Selbstmord begeht) fesselt Paul Grill ebenso wie Berit Jentzsch als lesbische und nach Lulu verrückte Gräfin Geschwitz, Caroline Junghanns als ausgeflippter Jack the Ripper, Ferdinand Lehmann als Shunnings Sohn Alva, Andreas Leupold als undurchsichtiger Dr. Goll und Andre Willmund als grotesker Shunning.

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Sandra Gerling (Lulu), Paul Grill (Maler Schwartz). Copyright: Thomas Aurin

Lulu ist auch bei dieser Aufführung männerverzehrendes Monster und Engel zugleich. Sie herrscht hier als Kindfrau und wird gleichzeitig von der Männerwelt beherrscht. „Lulu gibt es überall. Sie finden sie in jedem Strip-Club“, sagt Martyn Jacques. Sandra Gerling kann dem selbstzerstörerischen Sexsymbol immer wieder eine tief menschliche, aber auch verstörende Seite abgewinnen. Die Männer können diese Lulu nicht fassen und sie auch nicht gewinnen. Gleichwohl sind sie ihr mit Haut und Haar verfallen und leiden Höllenqualen: „Use your hips, use your legs, use your arse…“ Die von Wedekind beabsichtigte Verfremdung von Werten und Formen kommen auch hier grell zum Vorschein, Gesellschaftliches und Mythisches ergänzen sich. Lulu wird an die Männer einfach weitergereicht, sie kann sich gar nicht wehren. Dr. Schön („Shunning“) verkuppelt sie mit dem greisen Medizinalrat Dr. Goll, der Lulu von dem Kunstmaler Schwartz porträtieren lässt. Auch der Maler begehrt Lulu – und als Dr. Goll die beiden erwischt, trifft ihn der Schlag. Der Maler heiratet die junge Witwe, verzweifelt aber an ihrer Untreue und begeht Selbstmord. Armin Petras deutet diese beklemmenden szenischen Bilder immer wieder in raffinierter Weise zwischen den Musikunterbrechungen an. Das Ganze läuft wie ein fieberhafter Film ab, im Hintergrund wird ein Vorhang wiederholt auseinandergezogen, eine Drehbühne sorgt für permanente Bewegung, es kommt zu Stepptanz- und Rollschuh-Einlagen, die sich auch minuziös der Musik anpassen. Die Szenen geraten in einen atemlosen Taumel, der die Schauspieler unmittelbar mitreisst. Der Betrug mit Dr. Schöns Sohn Alva führt schließlich zur Katastrophe: Dr. Schön hat die junge Witwe geheiratet, versucht sie nach dem Ehebruch zur Selbsttötung zu zwingen, sie tötet ihn. Dann flieht sie mit Hilfe der Geschwitz aus dem Gefängnis und endet als Prostituierte auf den Straßen von London, wo sie zum Opfer des Killers Jack the Ripper wird.

Alles wird bei dieser Inszenierung nur angedeutet und kurz gestreift – so quillt aus dem Mund von Lulu plötzlich Blut. Das „gefallenste aller Mädchen“ stirbt bei dieser Aufführung aber nicht, sondern begehrt heftig auf. Sie schließ sich in fulminanter Weise den Tiger Lillies an – und zuletzt wird ein „Vaudeville-Auto“ von der Musikband mit Schlagstöcken wild traktiert. Lulu selbst bläst wirre Melodien auf der Tuba. Der tragisch-komödiantische Musikstil triumphiert. Als Nachtwandlerin der Liebe trägt Lulu hier einen Sieg davon. Sie geht nicht unter, ist sich ihrer enormen Stärke bewusst. Das ist eine neue und ungewöhnliche Sichtweise auf dieses komplexe Stück, das seinem Autor Frank Wedekind zahlreiche Gerichtsverfahren einbrachte. Gleichzeitig wird der Gewalt gegen Frauen so der Kampf angesagt. Die hinter der gesellschaftlichen Oberfläche lauernde „Realpsychologie“ tritt drastisch in den Vordergrund. Die Bühne wird buchstäblich auseinandergenommen und teilweise wieder neu zusammengesetzt. Gleichzeitig gerät die ungeheure Dynamik des Konflikts völlig aus den Fugen. Manchmal hat Armin Petras deshalb Mühe, das szenische Gerüst zusammenzuhalten. Doch immer wieder blitzen eindrucksvolle Ideen auf. Das Mythologische mutiert zur widersprüchlichen Einheit. Die Gewalt überfällt mit geradezu elementarer Macht die Akteure, die sich nicht mehr zu helfen wissen. Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen sind ästhetisch-moralischer Art. Auf der anderen Seite scheint man sich auf der Bühne wiederholt in einer Musik-Arena zu befinden, denn das Gerüst für die Band deutet diese Situation an. Zuletzt verändert der Künstler mit dem Zauberstab der Phantasie mit einem Schlag die materielle Welt. Auch bei Petras wird die Bühne zur Manege. Doch die Tiere werden nur mühsam gebändigt, die Schauspieler schlüpfen in ihre Rollen, imitieren die Tierstimmen bis hin zur Krähe. Und der Tierbändiger verfällt rettungslos der hereinbrechenden Katastrophe. Der Kosmos erscheint durchaus als geheimer Weltplan, dessen Rätsel nicht zu lösen sind. Die Subversion des Zirkus eskaliert in erregender Weise. Gerade Sandra Gerling kann als Lulu diesen Aspekt gut herausarbeiten. Caroline Junghanns rebelliert als „weiblicher“ Jack the Ripper zugleich gegen nichtgelebtes Leben. Die Gewaltgeschichte des Mannes gegen die Frau wird von Armin Petras dadurch in gewisser Weise aufgehoben. Auf der anderen Seite erscheinen zudem die Nebenwelten des Bürgerlichen in einer Wohnzimmer-Idylle, die aber trügerisch ist. Gesellschaftliche Konventionen prallen auf mörderische Sinnlichkeit – ein Aspekt, der zu den eindeutigen Stärken von Armin Petras‘ Inszenierung gehört. Aber am Ende folgt nicht der Untergang, sondern die kollektive Befreiung des Individuums.

Starke Zustimmung des Publikums, „Bravo“-Rufe.

Alexander Walther    

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