Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspiel Nord: DER SCHEITERHAUFEN von György Dragoman. Premiere

Stuttgart/ Schauspiel Nord: Premiere „Der Scheiterhaufen“ von György Dragoman am 14.10.2017

RITUALE VON SCHULD

Premiere von „Der Scheiterhaufen“ von György Dragoman am 14. Oktober 2017 im Schauspiel Nord/STUTTGART

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Lea Ruckpaul,  Viktoria Miknevich. Copyright: Thomas Aurin

Viktoria Miknevich und Lea Ruckpaul spielen hier in der Regie von Armin Petras ein mitreissendes Frauenduo, das in einem Eiswürfelmeer in viele unterschiedliche Rollen schlüpft (Bühne: Olaf Altmann; Kostüme: Katja Strohschneider). In dieser Koproduktion mit dem Vigszinhaz Theater Budapest (Ungarn), dem Nationaltheater Radu Stanca Sibiu (Rumänien) und dem Staatsschauspiel Dresden taucht man alptraumhaft ein ins Rumänien des Jahres 1989/90. Die Überreste des diktatorischen Regimes stehen nach dem Sturz Ceausescus in Flammen. Armin Petras‚ Regie stürzt das atemlose Geschehen aber in eine kalte und geradezu erstarrte Atmosphäre, die die beiden überaus temperamentvoll agierenden Frauen in atemoser Weise aufzubrechen versuchen.

Im Mittelpunkt steht die 13jährige Waise Emma, die von ihrer Großmutter aus dem Internat abgeholt wird. Sie soll von nun an bei ihr leben. Da ihre Großmutter als Spitzel und Verrückte gilt, wird Emma in ihrer neuen Schule gemieden. Man beschimpft sie als „Judenbalg“. Und schon mit dem Großvater konnte man alles machen, seit er den gelben Stern trug. Emma behauptet, dass weder ihre Großmutter noch ihr Großvater verrückt waren. Sie fragt ihre Großmutter intensiv über den Großvater aus: „Hat er Menschen bespitzelt und umgebracht?!“ Die empörte Antwort der Großmutter lässt nicht lange auf sich warten: „Dein Großvater hat sich bestimmt nicht umgebracht!“ Er sei von Geheimdienstleuten ermordet worden: „Die Mörder sind immer noch unter uns…“ György Dragoman richtet in seinem Roman den Blick auf eine von Angst und Unsicherheit geprägte Umbruchszeit, die keine Zeit für Mitleid oder Mitgefühl aufkommen lässt. Darauf legt auch Armin Petras in seiner Regiearbeit großen Wert, die beim Publikum gut ankommt. In der Sichtweise des jungen Mädchens, dem Lea Ruckpaul in durchaus eindrucksvoller Weise ihr Gesicht leiht, richtet er den Blick auf eine Welt zwischen Gestern und Heute. Insbesondere die Rituale von Schuld werden hier in eindringlicher Weise von den beiden Darstellerinnen durchgespielt. Die Eltern von Emma werden von den Lehrern als „Dreckskommunisten“ bezeichnet, wogegen sich Emma in vehementer Weise wehrt: „Meine Eltern waren keine Kommunisten!“ Hier steigert sich der dramaturgische Spannungsbogen in erheblicher Weise.

Die fast freundschaftliche Beziehung der Großmutter zu ihrer Enkelin bringen Viktoria Miknevich und Lea Ruckpaul in berührender Weise zum Vorschein. Viktoria Miknevich stülpt sich ein goldenes Kleid als Umhang über, aus dem Boden kriecht plötzlich dichter Nebel, der den ganzen Theaterraum einschließt. Man spürt hier den Scheiterhaufen trotz der Eiswürfel in geheimnisvoller Weise. „Wir machen eine neue Revolution“, lautet jetzt die Devise. Und die Geheimpolizei ist auf einmal verschwunden. Man erfährt, wie verschwundene Akten wieder aus Särgen auftauchen, das Schicksal der Überlebenden vermischt sich mit den Erinnerungen an die Toten. Die Hauptfigur Emma schaut hier immer wieder fassungslos auf die fremde Welt ihrer Großmutter und auf eine fremde Stadt. Konflikte und alte Feindschaften brechen auf, der Wendepunkt in Rumänien 1990 setzt nochmals neue Sichtweisen frei, die verblüffend sind. Insbesondere den Kinderblick vermag Armin Petras bei seiner Inszenierung gut einzufangen. Die körperlichen und gedanklichen Empfindungen Emmas korrespondieren in berührender Weise mit der Musik von Jörg Kleemann. Lea Ruckpaul vermag sehr gut zu verdeutlichen, wie Emma von einem verängstigten Kind zu einer starken jungen Frau wird. In der Figur der Emma liegt tatsächlich Hoffnung, was Lea Ruckpaul auch hervorhebt. So erhält die Figur des Mädchens im Laufe des Abends immer deutlichere Konturen, die sich tief einprägen. In der Inszenierung wird ebenso deutlich, wie schwer es den einzelnen Akteuren fällt, miteinander zu reden. „Es ist möglich, Geschichten zu übersetzen, und dadurch möglich, einander zu erkennen, ohne Misstrauen und ohne einander zu hassen“, betont der Autor György Dragoman. Zeitgleich mit der Produktion im Schauspiel Stuttgart war die Aufführung aber auch noch in Sibiu (Rumänien) und Budapest (Ungarn) zu sehen. Das hat der Inszenierung ein internationales Gewicht gegeben, das mit großem Schlussbeifall belohnt wurde. So gab es für die Bühnenfassung des Romans von Armin Petras (deutsche Fassung von Lacy Kornitzer) auch „Bravo“-Rufe.

Alexander Walther

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