Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspiel Nord: DAS GROSSE HEFT nach Agota Kristofs Roman- Fanal gegen den Krieg

Premiere von „Das große Heft“ im Schauspiel Nord Stuttgart
FANAL GEGEN DEN KRIEG
Premiere von „Das große Heft“ am 8.10. 2017 im Schauspiel Nord/STUTTGART
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Michael Stiller, Sebastian Röhrle, Manolo Bertling. Copyright: Birgit Hupfeld

Der junge dänische Regisseur Jonas Corell Petersen hat in Stuttgart seine vielschichtige Inszenierung von Agota Kristofs Roman „Das große Heft“ vorgestellt. Es ist die beklemmende Geschichte von Flüchtenden und Kriegsgeschädigten – verbunden mit dem Schicksal zweier im Krieg heranwachsender Zwillinge. Die von Rahel Ohm sehr explosiv dargestellte Großmutter meint, dass sie den „Hundesöhnen“ zeigen werde, wie man lebt. Sie werden durch den Krieg aus der Stadt vertrieben und von der Mutter aufs Land gebracht. Im Krieg sind sie völlig auf sich allein gestellt, was sowohl Sebastian Röhrle als auch Michael Stiller als Zwillinge in eindringlicher Weise verkörpern.

Zwischen Selbstkontrolle und Abhärtung lässt Jonas Corell Petersen das Leben dieser Männer Revue passieren. Man erfährt zudem von Ungarns heroischem Versuch im Jahr 1956, sich selbst von der sowjetischen Besatzung zu befreien. Die Zuschauer sitzen im Viereck auf der Empore und blicken hinab. Immer wieder hageln Bomben herab, das Licht geht aus, die Stimmung ist zum Zerreissen gespannt. „Dach und Nahrung wollen verdient sein“, meint die Großmutter. Die Jungs betteln beim Pfarrer, der sich schließlich weichklopfen lässt. Sie drohen ihm mit Erpressung und Verleumdung: „Die Leute mögen den Skandal!“ Sie steigern sich in einen empfindlichen und leidenschaftlichen Rausch gewaltsamer Spiele hinein, die nicht enden wollen.

Man erfährt bei dieser subtilen Inszenierung viel über die Katastrophe des Krieges und was dieser aus Menschen macht. Man merkt auch, wie stark Lehrer und Künstler hier drangsaliert werden. Die Großmutter wird immer wieder als „Hexe“ beschimpft, kann sich aber in robuster Weise verteidigen. Zuletzt liegt sie blutend am Boden, sie wurde geschlagen, als sie in ein Soldatenheer geriet. Rahel Ohm kann diesen Ausnahmezustand szenisch ausgezeichnet einfangen. Viktoria Miknevich mimt das Mädchen Hasenscharte und die Magd, die die Männer beim Wäschetrocknen verführt. Schließlich wird auch Hasenscharte getötet. Gabriele Hintermaier gelingt es als Mutter, Hasenschartes Mutter, Briefträger und Polizist den Kosmos dieser Figuren gut lebendig werden zu lassen. Manolo Bertling stellt Katze, Ziege, Hund, Pfarrer, Schulinspektor und Vater sehr nuanciert und facettenreich dar. Tobias Hörtig, Finn Stadler und Jonas Knappe sorgen als Chorknaben der ChorAkademie Pforzheim für die passende musikalische Untermalung. Und immer wieder dreht sich das Rondell in der Mitte mit den vielen Wirsingteilen, die die zerplatzenden Bomben darstellen sollen (Bühne und Kostüme: Nia Damerell; Musik und Komposition: Gaute Tonder; Choreinstudierung: Salome Tendies).

Idylle und Schrecken liegen bei dieser Inszenierung mit ihrer kahlen und fast leblosen Aura dicht beieinander. Die Rebellion gegen den Krieg und seine Schrecken nimmt hier aber immer konkretere Formen an. Der Zuschauer wird förmlich in das Geschehen hineingezogen. Das ist die Stärke dieser Inszenierung. Manchmal herrscht auch einfach Sprachlosigkeit zwischen den Figuren, die sich nicht eindeutig festlegen lassen. Die direkte Sprache arbeitet Petersen als Regisseur drastisch heraus, die Darsteller folgen ihm hier sehr bereitwillig. Die Zwillinge haben so eindeutig eine doppelte Sicht auf die Welt. Immer gibt es den doppelten Blick, weil sich diese Geschichte rasant verändert. Auch das Thema Einsamkeit kommt sehr klar zum Vorschein. Die Zwillinge werden plötzlich in eine neue Umgebung gegeben, Einsamkeit und Zusammensein ergänzen sich. Der einfache Raum bringt für die Zuschauer immer wieder eine direkte Erfahrung. Die Zuschauer werden bei dieser Inszenierung auch mit einem ständigen Perspektivwechsel konfrontiert. Im Gegensatz zu den Männern werden die Jungen erst geformt. Auch die Situation der Unschuld wird hier variiert. Man hört Musik aus dem Album „Pet Sounds“. Unschuld und Melancholie liegen so dicht beieinander: „God only knows what I will be without you.“ Musik löst hier oftmals die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Protagonisten. Starker Schlussbeifall.

 

Alexander Walther

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