Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspiel Nord: BILDER EINER GROSSEN LIEBE von Wolfgang Herrndorf

„Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf im Schauspiel Nord in Stuttgart

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE

Premiere von „Bilder deiner großen Liebe“ im Schauspiel Nord am 24. September 2016/STUTTGART

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Lea Ruckpaul. Copyright: Conny Mirbach

„Ich beschließe, geheilt zu sein“, meint das 14jährige Mädchen Isa, das von Lea Ruckpaul sehr wandlungsfähig verkörpert wird. Wolfgang Herrndorfs letzter Roman ist die eigenartige Geschichte dieses verrückten und hellsichtigen Mädchens. Sie bricht plötzlich aus ihrem Alltag aus und reist durch Wälder, Felder, Dörfer und an der Autobahn entlang. Isa schwebt über dem Abgrund in ihrer Verrücktheit: „Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert. Weil das viele Leute denken, dass die superkomplett bescheuert sind, die Verrückten, nur weil sie komisch rumlaufen und schreien und auf den Gehweg kacken und was nicht alles. Und das ist ja auch so. Aber so fühlt es sich nicht an, jedenfalls nicht von innen, jedenfalls nicht immer“, sagt Isa nicht ohne tiefe Emotionen. Die kann die fulminante Darstellerin Lea Ruckpaul fesselnd über die Rampe bringen: „Der Abgrund zerrt an mir, aber ich bin stärker.“ Und das nimmt man ihr ab. Das Mädchen stolpert recht hilflos durch die Welt, bis sie einen älteren Mann kennenlernt, den Wolfgang Michalek zunächst wortkarg, dann sehr gestenreich verkörpert. Die Inszenierung in der subtilen Regie von Jan Gehler macht deutlich, wie dieser Mann nicht ohne psychologisches Geschick das Mädchen Isa allmählich zu verwandeln vermag. Die Bühne von Sabrina Rox ist schwarz-weiß gehalten, die beiden Personen agieren sehr konzentriert auf einem schrägen Podest (Kostüme: Cornelia Kahlert). Die Brutalität von Leben im Angesicht des Todes wird hier eindringlich thematisiert, denn der Autor Wolfgang Herrndorf war schwer krebskrank und nahm sich 2013 das Leben.

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Wolfgang Michalek. Copyright: Conny Mirbach

Für den älteren Mann ist Isa eine starke, junge Frau, die sein Leben eine ganze Weile prägt. Isa schreit immer wieder. Sie rebelliert gegen die Gesellschaft. „Die Sterne tanzen und zittern“, resümiert sie. „Ich habe Hunger!“ stellt sie schließlich fordernd fest und bringt den Mann in eine fast ausweglose Situation, denn der weiß nicht, wie er ihr helfen soll. Besonders elektrisierend ist die Inszenierung, als Lea Ruckpaul als Isa den ihr immer näher kommenden Mann einfach verführen will. Auf der anderen Seite macht sich aber auch der Mann an die Vierzehnjährige heran und lässt ihr fast keinen Ausweg mehr. Da kommen sich die beiden Personen plötzlich ganz nah, stürzen zu Boden. Lisa konstatiert: „Aber an der Veränderung in seinem Gesicht merke ich, dass er sich in mich verliebt hat…“ Plötzlich nimmt sie einen Weberknecht auf ihrem Körper wahr, den eindeutig der Mann lenkt. Isa befindet sich auch immer wieder in einem imaginären Dialog mit der Handpuppe Heinrich, die ihr an die Wäsche will: „Jetzt hat er Tränen in den Augen.“ Einmal fühlt sie sich sogar als Queen: „Ich töte dich jetzt!“ Die beiden Personen scherzen miteinander, doch zuweilen wird das Kammerspiel psychologisch vielschichtig und ernst. Lea Ruckpaul scheint als blutjunges Mädchen in unzählige Rollen zu schlüpfen. Sie erzählt von ihrem Vater, der Physiker war und früh verstorben ist. Die Zeit macht hier wiederholt einen Unterschied, worauf der Regisseur Wert legt. Wolfgang Michalek gelingt es als Mann immer wieder, Isas Emotionen aufzufangen und auf einmal in eine andere Richtung zu lenken. Das Mädchen Isa befindet sich zwischen Himmel und Erde: „Der Abgrund zerrt an mir. Aber ich bin stärker. Ich bin nicht verrückt…Ich bin dieselbe. Ich bin das Kind.“ Es ist der Trotz gegen die Zumutung der Welt. Das ist es, was die talentierte Schauspielerin Lea Ruckpaul gut darstellen kann. So befinden sich die beiden Personen zwischen Himmel und Erde. Die Herausforderungen des Erwachsenwerdens werden auf die Spitze getrieben.

Das barfüßige Mädchen im Freien und der Mann stellen sich wiederholt Fragen: Wer bin ich? Warum handele ich nicht immer vernünftig? Und: Wohin bei allen meinen Fragen mit meinen Gefühlen? Das wird bei der Inszenierung von Jan Gehler plastisch betont, auch wenn man manche Details noch intensiver herausarbeiten könnte. Dahinter steht natürlich die Sehnsucht nach Erfüllung und Liebe. Zuletzt schickt der Mann das Mädchen einfach fort, lässt sie alleine, obwohl auch er noch den Glauben an die große Liebe hat. Isa ist als Vierzehnjährige hier viel erwachsener wie es normalerweise üblich ist. Trotzdem weint sie. Sie irrt in Deutschland mitten durch die Walachei. Die Theaterfassung von Herrndorfs unvollendetem Jugendroman von Robert Koall konzentriert sich durchaus auf das Wesentliche, unterstreicht aber dadurch die eigentliche Intention Wolfgang Herrndorfs: Gibt es uns überhaupt? Ist es nicht möglich, dass das Leben längst vorbei und vergangen ist? Mit diesen bohrenden Fragen lässt die Aufführung das Publikum zurück. Die Geschichte ist ein Ausdruck der großen Liebe zum Leben. Das Mädchen arbeitet aber auch an einer besseren Welt, obwohl gerade das ihr nicht gelingen will. Im Zentrum des Romans steht eigentlich eine Parabel. Isa gelangt an einen Kanal und fährt ein Stück auf dem Containerkahn mit. Der Kapitän ist ein Bankräuber, der Isa die Geschichte einer ungewollten Läuterung erzählt. Daran erinnert das Bühnenbild ganz entfernt als Chimäre. Aber gerade auf diese Frage gibt es hier keine Antwort. Es gab dennoch begeisterten Schlussapplaus.

Alexander Walther

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