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STUTTGART/ Schauspiel: KABALE UND LIEBE – bis zum Siedepunkt

STUTTGART: KABALE UND LIEBE – bis zum Siedepunkt

Friedrich Schillers „Kabale und Liebe“ im Schauspiel am 23.11.2016/STUTTGART

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Christian Schneeweiss (Ferdinand von Walther) und Lea Ruckpaul (Lady Milford). Copyright: Conny Mirbach

Der Adel distanziert sich von der bürgerlichen Klasse. Das ist die Quintessenz von Friedrich Schillers Trauerspiel „Kabale und Liebe“, das er auf dem Höhepunkt seiner Fehde mit Herzog Cal Eugen schrieb. Die Aktualität dieses Problems sollte nicht verkannt werden. Wolfgang Michalek stellt in seiner interessanten Inszenierung die Bezüge zu Gegenwart und Vergangenheit heraus. Sehr stark im Mittelpunkt stehen Ferdinand von Walter als junger Adeliger und das Bürgermädchen Luise Miller, die Tochter eines Musikers. Ferdinand wird von seinen Gefühlen beherrscht. Luise liebt ebenso leidenschaftlich, aber durchaus mit Verstand. Die Standesgrenzen sind hier unüberwindlich, davon ist auch Luises Vater überzeugt. Der Präsident, der seinen Sohn mit Lady Milford verheiraten möchte, versucht zusammen mit seinem Sekretär Wurm die Beziehung zu hintertreiben. Als er Luise unter dem Vorwurf der betrügerischen Prostitution nicht in Haft nehmen kann, betreibt er infam, Ferdinand und Luise auseinanderzubringen. Die Liebe wird auf Betreiben Wurms von innen heraus zerstört. das kommt in der Aufführung sehr gut zum Vorschein. Ferdinands Misstrauen gegen Luise steigert sich immer mehr. Lea Ruckpaul stellt Luise Miller und Lady Milford in einer Doppelrolle gleichermaßen überzeugend dar, die von ihren Gefühlen für Ferdinand hin- und hergerissen sind. Durch diese psychologisch vielschichtge Aufspaltung in zwei Personen gerät auch der Zuschauer rasch in eine Zwickmühle. Luises Vater wird schließlich als Geisel genommen – und die Tochter gezwungen, einen fiktiven Liebesbrief an einen Höfling zu schreiben. Der Brief gerät schließlich in Ferdinands Hände. Christian Schneeweiß mimt Ferdinand von Walter sehr emotional und in fiebriger Glut, die sich nicht bändigen lässt. Die Eifersucht bringt die beiden aber letztendlich nicht auseinander. Sie beschließen, gemeinsam zu sterben.

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Christian Schneeweiss (Ferdinand von Walther) und Lea Ruckpaul (Luise Miller). Copyright: Conny Mirbach

Immer wieder stellen Boris Burgstaller und Gabriele Hintermaier als stehende „Schaubühne“ Luise und Ferdinand dar, die sich ewige Treue schwören. Sie sind lebendige Statuen. Jürgen Lingmann präsentiert den Präsidenten von Walter als eine Paraderolle: Hier wird ein Mensch gezeigt, der sich partout nicht in die Seele blicken lassen möchte. Diese Zeitreise von der Gegenwart in die Vergangenheit geht auch deswegen unter die Haut, weil die Personen sich permanent aufspalten. Lea Ruckpaul imponiert bei dieser Inszenierung vor allem als gekränkte Engländerin Lady Milford, deren Liebe zu Ferdinand äusserst heftig entbrannt ist und die sie nicht mehr löschen kann: „Gib mir den Mann, den ich jetzt denke – den ich anbete – sterben, Sophie, oder besitzen muss…“ Rahel Ohm gelingt es glänzend, das dämonische Wesen des Haussekretärs Wurm herauszuarbeiten. Denn auch er ist in Luise verliebt, will sie gewinnen und denkt sich deswegen ein satanisches Schachspiel aus. Wurm ist hier aber auch durchaus Rationalist, der Liebe und Eifersucht analysiert und deswegen die Personen in raffinierter Weise gegeneinander ausspielt. Zuletzt läuft Rahel Ohm als Wurm pausenlos und scheinbar emotionslos im Kreis herum. Doch im Innersten kocht es, das kann man als Zuschauer förmlich spüren. Das ist ein bedrohlich explosives Gemisch aus gekränkter Ehre und abgrundtiefem Hass. Lea Ruckpaul verdeutlicht hervorragend, wie Lady Milford angesichts der Beleidigungen des Majors völlig ihre Fassung verliert. Daraus resultiert der Zerstörungswillen. Luise soll ihn nicht besitzen.

Der Hof spielt in dieser Inszenierung mit dem Bühnenbild von Julian Marbach und den „historischen“ Kostümen von Sara Kittelmann nur eine untergeordnete Rolle. Die riesige Bühne ist fast leer, nur ein riesiger goldener Vorhang wird hin- und hergezogen und wie ein überdimensionales Tuch über die Szene gestülpt. Damit wird der große Glanz der Herrschaft Herzog Carl Eugens demonstriert. Zuletzt konzentriert sich das Geschehen ganz auf die letzte Katastrophe. Ferdinand und Luise vergiften sich. „Verbrecherin, wohin ich mich neige!“ schleudert Luise ihrem Vater entgegen. Michael Stiller als Stadtmusikant Miller beherrscht die Tragik des Geschehens nicht, er stammelt nur noch vor sich hin. Zwar bezeichnet er sich als „Herr im Haus“, aber er kann die Beziehung zu einem „adligen Windbeutel“ nicht aufhalten. „Ich zwinge meine Tochter nicht„, behauptet er stoisch hinsichtlich der Gattenwahl der Tochter. Auf der anderen Seite gelingen Wolfgang Michalek alptraumhafte Bilder, die das Dilemma der Familie Miller in ein grelles und fast zeitlupenhaftes Licht rücken. Denn sie hat gegen den Hochadel keine Chance. Und doch: Bürgerliche und aristokratische Welt haben sich in dieser Inszenierung auf seltsame und fast schon unheimliche Weise miteinander verbunden. Jürgen Lingmann gelingt es ausgezeichnet, das zwiespältige Wesen des Präsidenten von Walter zu betonen. Er quält seinen Sohn Ferdinand ganz bewusst und lässt ihm keinen Ausweg: „Zwingen muss man dich, dein Glück zu machen.“ Der Sohn droht dem Vater zuletzt mit Enthüllungen, damit die Öffentlichkeit erkennt, wie ein korrupter Mann Präsident wird. Hier gerät die Stimmung in der Inszenierung auf einen atemberaubenden Siedepunkt. Anna Koenen, Sunna Koenen und Ellena Hammer verzaubern als kindliche Geigenschülerinnen die Herzen der Zuschauer. Diese Kinder sind von den perfiden Intrigen noch unberührt, ihre Reinheit steht gegen den morbiden Geist des herzoglichen Hofes.

Da gelingt Wolfgang Michalek eine differenzierte Sichtweise. Gleichzeitig wird die Intimität der Millerschen Familie unterstrichen – und auch die emotionale Aufladung der Eltern-Kind-Beziehung im Stück erreicht dadurch eine große Intensität. Christian Schneeweiß ist als Ferdinand von Walter ein Protagonist der Sturm- und-Drang-Zeit par excellence. „Weiß ich nur diesen Spiegel helle, so läuft keine Wolke über die Welt“, verkündet er. Lea Ruckpaul reisst zuletzt in einem Anfall wilder Verzweiflung die Welt aus den Angeln – sie öffnet das scheinbar verschlossene Holzgerüst und trampelt mit den Füßen wie wild gegen die Decke, wo Wurm seine teuflischen Intrigen spinnt. In der Auseinandersetzung mit seinem Vater wagt Ferdinand kühn, zu seiner Liebe zu stehen. Er will die Bedrohung von Luises Seele unbedingt abwenden: „Frei wie ein Mann will ich wählen, dass diese Insektenseelen am Riesenwerk meiner Liebe hinaufschwindeln.“ Man begreift, dass Ferdinands Selbstüberschätzung schließlich seine Liebe zu Luise besiegt und zu seinem Untergang führt. Das macht Christian Schneeweiß immer wieder plastisch deutlich. Max Brauns musikalische Einstudierung lässt die seelischen Probleme der Protagonisten im differenzierten Geigenspiel deutlich werden. Tremolo-Effekte schaffen hier eine Atmosphäre der namenlosen Angst. Zudem hört man „Purple Haze“ von Prince, was die trügerische jugendliche Aufbruchstimmung deutlich machen soll. Lea Ruckpaul hat als Luise panische Angst vor der Welt, die in ihre Beziehungen eingedrungen ist. Und Ferdinand glaubt immer noch an einen Fluchtplan: „Haben wir an die Welt keine Forderung mehr, warum denn ihren Beifall erbetteln?“ Wolfgang Michalek unterstreicht in seiner weitgehend plausiblen Inszenierung die gnadenlose Unvereinbarkeit der Positionen. Ferdinand von Walter wird zum Opfer seines Vaters, der ihn in eine ausweglose Situation treibt. Er wird zur Marionette – gegen seinen Willen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander, wobei die psychologischen Feinheiten an einigen Stellen sogar noch drastischer akzentuiert werden könnten. Aber die Dialektik von Gut und Böse zeigen vor allem Rahel Ohm als brillanter Wurm und Jürgen Lingmann als schillernder Präsident von Walter. Lea Ruckpaul wurde vom Publikum vor allem wegen der für ihre Jugend erstaunlich reifen und genialen Gestaltung der Doppelrolle Luise Miller/Lady Milford gefeiert. Von ihr ist noch sehr viel zu erwarten.

Alexander Walther

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