Der Neue Merker

STUTTGART/ Schauspiel: DAS SCHIFF, DAS SINGEND ZIEHT AUF SEINER BAHN von Philip Schönthaler. Premiere

 „Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn“ von Philipp Schönthaler mit „Citizen.Kane.Kollektiv“ im Schauspiel Stuttgart

PLÖTZLICHE ALPTRÄUME AM ARBEITSPLATZ
Uraufführung von „Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn“ mit dem „Citizen.Kane.Kollektiv“ am 3. Dezember 2016 im Schauspiel/STUTTGART
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Foto: Alex Wunsch

Christian Müller schuf die Bühnenfassung des Romans „Das Schiff das singend zieht auf seiner Bahn“ des jungen Autors Philipp Schönthaler, der kürzlich den Preis des Stuttgarter Wirtschaftsclubs verliehen bekam. Sein vielschichtiges Stück zeigt Mitarbeiter des Kosmetikkonzerns Pfeiffer Beauty Kosmetik im Stress am Arbeitsplatz. Diese höchste Anspannung überträgt sich dann auch auf die Freizeitgestaltung, die nicht mehr so recht gelingen will. Auf der Bühne des Nordlabors sieht man gläserne Särge, denen die Protagonisten langsam entsteigen. Die Körper-Freaks können sich immer besser entfalten. Und die Leistungs- und Optimierungsgesellschaft beschwört mitleidlos plötzliche Alpträume, deren Intensität immer mehr zunimmt. Man sieht eine Frau mit kaputtem Auge, die auf einmal völlig erblindet. Erfolg ist hier eben nicht mehr trainierbar. Die Situation entgleitet den Personen, sie wissen sich nicht mehr zu helfen. Und das Nichtfunktionieren des Körpers wird nicht mehr als Krankheit, sondern als Kränkung empfunden. Die Personen befinden sich auf Seziertischen und sind den Chirurgen hilflos ausgeliefert oder werden in Kästen eingesperrt, obwohl sie sich verzweifelt wehren.

Das macht vor allem Andrea Leonetti sehr eindringlich deutlich. Der Zwang wird dabei in der Hochleistungsgesellschaft zwar als Freiheit empfunden, aber die Menschen täuschen sich dabei ganz bewusst und finden sich so nicht mehr zurecht. Sie können sich schließlich auch nicht mehr gegen den äusseren Zwang wehren. Selbstkontrolle, Einsamkeit und Pokerspiele in Macau vermischen sich zu einem seltsamen Kosmos, der den Protagonisten aber gleichzeitig nicht die geringsten Freiräume lässt. Das kommt bei der Aufführung drastisch zum Vorschein. Leistung, Wettbewerb und Individualisierung sind für die Menschen nicht mehr beherrschbar. Das zeigt sich an der zentralen Romanfigur Rike, die sich völlig erfolglos Bewerbungsverfahren unterzieht. Andrea Leonetti kann dies plastisch und spannungsvoll darstellen. Sie wird von den anderen Mitstreitern Sarah Kempin, Hannah Frauenrath, Isabelle von Gatterburg, Jeannine Simon, Jonas Bolle, Maximilian Haslauer, Jürgen Kärcher, Simon Kubat, Simon Reimold, Christian Müller und Jonas Zieher tatkräftig unterstützt. „Storytelling“ (das heisst der Glaube an die Erzählung) wird in Unternehmen heutzutage immer wichtiger. Leute in der Wirtschaft sind überzeugt von einer Erzählung. Die Zumutungen alltäglicher Arbeitswelten werden in diesem Stück unbarmherzig auf die Spitze getrieben. Und das Leiden der Personen kommt glaubwürdig über die Rampe. Das strukturelle Phänomen steht so im Zentrum des Geschehens. Es geht nicht um auserzählte Biografien, aber um die feine Ironie, mit der die Großkonzerne mit Schleimern, Schwätzern und Scharlatanen beschrieben werden. Das gute Leben bleibt so natürlich ausgespart. Rike überlässt das Gewicht des Körpers dem Fußboden, die Energie des Fußbodens fließt gleichzeitig in den Körper zurück.

Deutlich wird in dieser Inszenierung aber auch, dass in einer Art Anti-Psychiatrie dem Kranken selbst die Macht übertragen wird. Quass erträgt seine eigenen Launen in den letzten Wochen nur schlecht, er hat endgültig genug von den Tabellen und Kalkulationen. Er will vergeblich Schwung in den Laden bringen. Philipp Schönthaler möchte mit seinem Werk dem Publikum klar machen, dass der Neoliberalismus einsam macht. Smaart kann als weitere Protagonistin ihre gesamte seltsame Biografie auf dieses drei Gramm schwere Kunstauge zusammenschnurren lassen. Die Stimme von Dr. Moretti strahlt eine vornehme Autorität aus, er war ja auch lange Zeit Bariton im Kirchenchor der Gemeinde. Ein ganz anderes Kaliber ist Jungholz, der seit über einem halben Jahr Managing Director von Harry & Herbert Beaute Eau pour Homme ist. Aber auch er hat offensichtlich Schwierigkeiten beim Aufstieg in ein russisches Unternehmen. Lovelace lässt schon lange keine Haare mehr wachsen, beschwört aber magische Kulthandlungen. Das kommt immer wieder deutlich zum Vorschein – mit leichtem Schrecken erkennt man sogar einen Mann mit Krokodilskopf, der mit einer jungen Dame zwanghaft kopulieren will. Die Pedanterie in Firmen wird hier in sarkastischer Weise auf die Spitze getrieben. Hierbei wird ein kleiner Qualitätszirkel erwähnt, dessen Bewertungsskala von schlecht bis sehr gut reicht. Erwartungen und Kritikpunkte stehen im Mittelpunkt.

Fazit: Philipp Schönthalers Stück beleuchtet die Zwangsneurosen im Firmenbüro in einem grellen Licht, der Arbeitswahn wird als Psychose entlarvt. Starker Schlussapplaus.

 
Alexander Walther

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