Der Neue Merker

STUTTGART: ROMEO UND JULIA – Stuttgarter Ballett mit vielen Abschieden und einer Rückkehr

Stuttgarter Ballett

„ROMEO UND JULIA“ 25.7.207 – mit vielen Abschieden und einer Rückkehr

Robert as Tybalt 02
Abschied von einem imponierend charaktervollen Tänzer: Robert Robinson als Tybalt. Copyright: Stuttgarter Ballett

Dieser Abschlussabend der Saison stand im Zeichen vieler TänzerInnen-Abschiede, bot als Trostpflaster aber auch die Rückkehr des Ersten Solisten Friedemann Vogel. Bis zwei Wochen vor Saisonende blieb es spannend, ob der Star der Compagnie nach einer Verletzung im Februar diese Spielzeit überhaupt wieder auf die Bühne zurück kehren würde. Letztlich wurden die beiden mit ihm besetzten Vorstellungen auch nur deshalb möglich, weil statt den ausgefallenen Aufführungen der abgesagten Uraufführung von Marco Goeckes „Kafka-.Projekt“ u.a. der erst vor kurzem gespielte Cranko-Klassiker angesetzt wurde.

Aber nicht nur ob Vogel so schnell zurück kehren, auch in welcher Form der mittlerweile zu den reifen Semestern gehörende Tänzer an seine herausragenden Leistungen anknüpfen können würde, stand als Frage im Raum. Diesbezüglich durfte aufgeatmet werden. Von noch etwas zaghaft angesetzten Drehungen im Pas de trois und etwas Kraft gebremsten Schraubsprüngen im Balkon-Pas de deux abgesehen, faszinierte er unvermindert durch seine ausgewogen schöne und gleichmäßige Linie, durch stilistisches Feingefühl und Präzision und eine damit einher gehende unaufdringliche, aus dem Inneren strahlende Leidenschaft. Diese steigerte sich im Schlafzimmer-Pas deux zu einer Intensität, die gar etwas Todesahnung mitschwingen ließ. Davon profitierte auch Alicia Amatriain. Ihre Julia besticht nach wie vor in der Schmiegsamkeit ihrer unauffälligen und ausgereiften Technik. Nur die Szene, in der sie vor der Einnahme des Schlaftrunks zwischen Angst und Hoffnung hin und her gerissen ist, überzieht sie mit mimisch übersteigertem Pathos.

Neben dem Hauptpaar hatte Louis Stiens sein vormals etwas übertrieben komödiantisches Mercutio-Portrait erfreulich naturalisiert, und Matteo Miccini als Benvolio durch seine temperamentvoll lebensfreudige Anteilnahme und zugelegte Sprungkraft viel Aufmerksamkeit gewonnen.

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Robert Robinson (Tybalt) hier mit Friedemann Vogel als Gegenspieler Romeo (links). Copyright: Stuttgarter Ballett

Mit autoritärer Stärke und ganz besonders, weil er seine Abschiedsvorstellung gab, gehörte Robert Robinson das besondere Augenmerk der Zuschauer. Sein Tybalt fasziniert alleine schon durch seine physische Präsenz. Die gefährlich bohrenden Augen signalisieren unverhohlene Angriffslustigkeit gegen alles, was mit den Montagues und ihrer Sippe zu tun hat, und die selbst in den letzten Aufbäumungen nach Romeos tödlichem Degenstreich noch zu spüren ist. Die relativ wenigen Gelegenheiten in dieser Charakterrolle mit eigentlichem Tanz zu glänzen, genügten, um noch einmal zu sehen, welch individuell ausgeprägten Solisten Stuttgart mit ihm verliert. Er wäre für die kommenden Jahre eine wichtige Säule der einst so starken Männer-Riege des Stuttgarter Balletts gewesen, doch gönnt sich der Engländer erst mal eine Auszeit, um sich tanzwissenschaftlichen Studien zu widmen und erst dann wieder auf die Bühne zurück zu kehren. Generell sieht er sich derzeit mehr als mit Choreographen neue Stücke erforschenden als lange Überliefertes im ständig gleichen Rahmen zu wiederholender Künstler.

Unter den neun weiteren Abgängen (alle aus dem Corps de ballet) befindet sich leider auch Adam Russell Jones, ein besonderes Bewegungstalent, das mehrfach in Solorollen äußerst verheißungsvoll aufgefallen war und nun zum NDT wechselt, um dort verstärkt ein moderneres Repertoire zu erarbeiten.

Blumen für alle Scheidenden, Jubel für die beiden zuletzt Genannten und beides noch ein letztes Mal für Choreologin Georgette Tsinguirides, die ja bereits am 8.Juli nach einer „Don Quijote“-Vorstellung gebührend groß bedankt und verabschiedet wurde.

  Udo Klebes

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