Der Neue Merker

STUTTGART: PETER PAN von Richard Ayres – „Der Traum vom Nimmerland“

Stuttgart„PETER PAN“ 23.12.2013 (Uraufführung 19.12.)Der Traum von Nimmerland

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 Die Flugreise nach Nimmerland in Frank Hilbrichs Stuttgarter Uraufführungs-Inszenierung. Copyright: A.T.Schaefer

Bereits 2007 wurde von der Jungen Oper Stuttgart das Bühnenerstlingswerk „Die Grille“ des 1965 in Cornwall geborenen Richard Ayres zur deutschen Erstaufführung gebracht. Jetzt folgte an der Staatsoper gar die Uraufführung seiner Bearbeitung des berühmten Märchenstoffes aus der Feder von James M. Barrie, in der deutschen Übersetzung des Librettos von Lavinia Greenlaw durch Adelheid und Jürgen Dormagen. Und zwar als gemeinsames Auftragswerk mit der Komischen Oper Berlin und in Koproduktion mit der Welsh National Opera Cardiff.

Gedacht ist sie als Familienoper ab acht Jahren, ob allerdings die vielen Kinder dieses Alters an diesem Vorweihnachtsabend der Bedeutung der Vorgänge im Zusammenhang mit dem Text und der Musik durchweg folgen konnten, bleibt fraglich. Das liegt bereits in der kompositorischen Anlage begründet, die für die Vermengung von Realität und Traumwelt einen farbenreichen Kosmos an Stimmungen, Kontrasten bereit hält, die Entfaltung der menschlichen Stimme aber zu wenig berücksichtigt. Vor allem die tiefen Männerpartien leiden unter der Übermacht des Orchesterparts. Die Kinderrollen sind wohl aus gutem Grund mit erwachsenen Stimmen besetzt, um nicht ganz unterzugehen, obwohl dies nicht unbedingt die Glaubwürdigkeit von Heranwachsenden unterstützt.

Neben musikalischen Widersprüchen liegen Probleme auch bei der Regie von Frank Hilbrich, der es nicht klar und deutlich genug gelungen ist, eine szenische Klammer zu finden, die sowohl Kinderaugen und deren Verständnismöglichkeit als auch den Ansprüchen von Erwachsenen durchgängig gerecht wird. Nach dem großzügig entworfenen Kinderzimmer unter dem Dach, mit einem hohen zweiflügeligen Fenster, drei Betten und gelben Tapeten führt die Flugreise nach Nimmerland in die Schwärze des leeren Bühnenraumes mit einem wenig zur Geltung kommenden Wolkenprospekt und großen weißen oder transparenten Bällen, die diese Traumwelt als Seifenblase verständlich machen. Über die Dauer einer guten Stunde ist dies zu wenig, zu düster, auch wenn das dreifache Auftauchen des Peter Pan verfolgenden Captain Hook mitsamt seinen beiden Piraten in einer rollenden Badewanne, dann in einem größeren Boot, zuletzt mit einem modernen Schiff, oder das immer größer werdende Krokodil (das den einen Arm des Captain samt seiner Uhr verschlungen hat) für eine gewisse Abwechslung und Erheiterung sorgen (Bühne und Kostüme: Duncan Hayler). Nach allerlei Hin- und Her-Verfolgung wird der Captain überlistet und vom Krokodil verschluckt – dazu öffnet sich ein bislang als Erhöhung für den Chor dienendes großes Bühnenpodest und gibt den aufklaffenden Schlund des Reptils mit großen scharfen Zähnen frei – ein starker Theatermoment kurz vor Schluss, ehe die Kinder sich wieder in den elterlichen Schoß zurück sehnen, während ihre Mutter immer noch den in ihrem Mundwinkel versteckten Kuss für Peter Pan bereithält.

Daniel Keating Roberts ist genau der richtige Typ für diesen freiheitsbesessenen Titelhelden, der als ewiges Kind das Verlangen in uns lebt, fliegen und ungebunden unsere Sehnsüchte erfüllen zu können und mit seinem nicht unbedingt klangschönen, aber beweglichen Counter-Tenor, der auch immer mal wieder in die baritonale Brustlage rutscht, den Grat zwischen Kindsein und Erwachsenwerden glaubhaft unterstreicht. Seine Flüge auf einer Sprossenschaukel wie auch die der ihm folgenden Kinder quer über die Bühne sind sicher einstudiert und setzen die Grundmetapher des Stoffes so realistisch wie möglich um ( Choreographie der Flug- und Kampfszenen: Ran Arthur Braun).

Neben den Kindern des Ehepaares Darling, der Pippi Langstrumpf ähnelnden Wendy, von Léa Sarfati mit klarem und frischem Sopran sowie keckem Spiel herzhaft verkörpert, sowie ihren Brüdern John ( der bubenhafte und tenor-vorlaute Daniel Kluge) und Michael (die etwas zurückhaltendere Irma Mihelic ) ist Mrs Darling die zentrale, einen großen Teil des 1. Aktes bestimmende Figur. Helene Schneiderman gibt ihr in adretten Kleidern, natürlich beflügeltem Einsatz und dem beneidenswert jung gebliebenen Klang ihres helle und dunkle Farben in bruchlose Übereinstimmung bringenden Mezzosoprans ein reiches Maß an Charme.

Partiturbedingt gerät ihr Gatte, der später auch in die Rolle des Captain Hook schlüpft, vokal etwas mehr ins Hintertreffen, obwohl durchaus zu hören ist, über welches substanzielle Potential Ashley Hollands Bariton verfügt.

Von den beiden bilderbuchgleich langbärtigen und von Haaren verwachsenen Piraten kann sich ebenfalls kompositorisch bedingt Torsten Hofmanns hell durchdringender Tenor besser behaupten als der spielerisch viel ausgleichende Bass von Mark Munkittrick. Letzterer darf sich auch als Hündin Nana bellend ins Geschehen mischen.

Die auf Peter Pans Seite stehende Tiger Lily erhält durch Lindsay Ammanns dunkel sonoren Alt hinreichend gestützte Auftritte.

Damen und Herren des Staatsopernchores sowie der Kinderchor erfüllen ihre Einsätze mit der von ihnen gewohnten Sanges- und Spiellust (Einstudierung: Christoph Heil).

Obwohl wie nun mehrmals erwähnt für die optimale Entfaltung des Stückes wie auch dessen Verständlichmachung für die Jüngsten problembehaftet, bedarf die Musik, vor allem der Orchesterpart für sich genommen, doch einer speziellen Würdigung. Filmschnittartige Blöcke zwischen teils dissonant aufeinander getürmten, teils an Richard Strauss Farbenrausch gemahnenden Entladungen stehen ganz zarte, fast impressionistische Gebilde mit Harfe, feinen Streichern und Harmonika und diversen Percussion-Instrumenten  oder auch rhythmisch markant konturierte Melodiephrasen gegenüber. Dies zusammengenommen wie auch der Verzicht auf Atonalität verleiht dem Werk eine bei aller Komplexität der Instrumentierung gut hörbare, alt bekannte Stile neu einkleidende Harmonik. Richard Ayres geht wohltuend unbelastet mit den avantgardistischen Forderungen deutscher Gegenwartskomponisten um. Roland Kluttig, einst Assistent des ehemaligen GMDs Lothar Zagrosek und heute GMD am Landestheater Coburg, hat die nicht einfach strukturierte Partitur mit dem Staatsorchester Stuttgart so transparent wie möglich einstudiert, um den Musikern den Zugang zu einer präzisen Wiedergabe zu ermöglichen. Für diejenigen, die bisweilen szenische Mühen hatten, lohnte sich eine verstärkte akustische Konzentration, um mit dem Orchester eine Entdeckungsreise zu unternehmen.                                     

Udo Klebes

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