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STUTTGART: PETER PAN öder „Ein Krokodil lehrt uns das Fürchten“ von Richard Ayres. Uraufführung

STUTTGART/ Staatsoper: PETER PAN von Richard Ayres oder EIN KROKODIL LEHRT UNS DAS FÜRCHTEN. Uraufführung am 19.12.2013

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Foto: A.T.Schaefer

„Peter Pan“ in der Staatsoper Stuttgart/ Elfen, verlorene Jungs und Piraten bevölkern die Bühne in der subtilen Regie von Frank Hilbrich. Die Uraufführung der Familienoper „Peter Pan“ von Richard Ayres nach dem weltberühmten Roman von James M. Barrie war am Premierenabend so ein großer Erfolg.

Peter Pan, der von Iestyn Morris als Countertenor souverän dargestellte göttliche Junge, hat sich hier entschieden, nie groß zu werden. Sein Wesen verkörpert die Sehnsucht, der eigenen Schwerkraft zu entkommen und fliegen zu können. Dies geschieht bei dieser fantasievollen Insznierung ganz bildlich und real. Bühne und Kostüme von Duncan Hayler sind allerdings die eigentliche Überraschung bei dieser Produktion, die die Zuschauer keinen Augenblick langweilt. Zudem hat sich Ran Arthur Braun mit seiner Choreografie der Flug- und Kampfszenen einiges einfallen lassen. Das besitzt elektrisierendes Feuer, hält den szenischen Fluss atemlos in Bewegung. Hätte sich Mr. Darling allerdings nicht geärgert, hätte Nana nicht in der Hundehütte übernachten müssen und alles wäre wohl nicht geschehen. Bei Nacht kommt Peter Pan durchs Kinderzimmerfenster der Darlings hereingeflogen, wird von der eifersüchtigen Elfe Tinkerbell (Puppenspieler: Horacio Peralta) furios begleitet. Wendy und John (stimmgewaltig: Yuko Kakuta und Daniel Kluge) sowie Michael Darling (facettenreich: Josefin Feiler) verfolgen ihn, als er das Haus kurzerhand verlässt. Die Kinder fliehen mit ihm nach Nimmerland. Und jetzt gewinnt die Dramaturgie (Barbara Tacchini) an Schwung, denn Peter wird von den „Verlorenen Jungs“ grenzenlos bewundert. Für den einarmigen Piratenhäuptling Captain Cook (voluminös: Espen Fegran) wird er zur Zielscheibe einer atemlosen Jagd. Wendy, die Peter Pan heimlich versprochen ist, entzieht sich ihm aber ebenfalls. Ihre Mutter, die von Helene Schneiderman mit Intensität verkörpert wird, hat ihren Kuss in ihrem Mundwinkel aufbewahrt. Und zuletzt gibt es hier ein Happy End – die Familie findet wieder zusammen. Peter Pan schleudert zuvor ins Weltall hinaus, trifft Mond und Sterne. Dabei erreichen die Bühnenbildeffekte eine geradezu großartige Präsenz. Zuletzt kommt es zum Kampf mit dem riesigen Krokodil, das alle zu verschlingen droht. Da werden Alpträume wahr. Zwischen den Bühnenpausen tobt ein Schneesturm im Zuschauerraum, was ebenfalls eine sehr schöne Idee ist. Die hereinbrechende Nacht gehört immer wieder zu den stärksten szenischen Momenten, diese Passagen ergreifen das Publikum unmittelbar aufgrund ihrer sphärenhaft-überirdischen Ausstrahlung. Da öffnet sich plötzlich das Fenster des kleinen Zimmers – und ein riesiger Sternenhimmel überrascht die Zuschauer.

Überraschend ist auch die musikalische Nähe zu Leos Janacek. Harmonische Fortschreitungen sind hierfür kennzeichnend. Ostinato- und Tremolo-Passagen prägen sich unmittelbar ein. Der höchst emotional agierende Dirigent Roland Kluttig hatte das Staatsorchester voll im Griff und arbeitete die glutvollen Sequenzen in dieser Musik eindringlich heraus. Folkloristische Momente, kleinmotivische Deklamationen sowie leidenschaftliche dramatische Höhepunkte kamen bei dieser Wiedergabe nicht zu kurz. Seelen- und Naturstimmungen flossen zusammen, die folgerichtig entwickelte musikalische Melodie dominierte. Leitthematische Verkettungen gewannen wiederholt an Präsenz. Auch elementar-enthusiastische Momente kamen nicht zu kurz. Der Dirigent ließ auch den Singstimmen glücklicherweise genügend Atem. Gelegentlich wird man an Mussorgskis Naturalismus, den Impressionismus und den Verismus erinnert. Die Tonalität hat der Komponist geschickt durchbrochen. Temperamentvolle Rhythmen kennzeichnen die atemlose Wiedergabe. In weiteren Rollen gefallen Mark Munkittrick als Hund Nana und Starkey, Torsten Hofmann als Smee, Lindsay Ammann als Tiger Lily sowie der ausgezeichnete Herrenchor und gemischte Kinderchor als die „verlorenen Jungs“ und der „Damenchor“ als Sterne.

„Peter Pan“ ist ein Auftragswerk der Oper Stuttgart und der Komischen Oper Berlin an den Komponisten Richard Ayres und entstand in Koproduktion mit der Welsh National Opera. Das Libretto stammt von der vielfach ausgezeichneten britischen Schriftstellerin Lavinia Greenlaw.

 Alexander Walther

 

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