Der Neue Merker

STUTTGART: ORPHEUS UND EURYDIKE

Stuttgart

„ORPHEUS IN DER UNTERWELT“ 15.12.  2016 (Pr.4.12.) – Brav vergnügliche Revolution

Bildergebnis für Stuttgart: Orpheus in der Unterwelt
Copyright: Martin Sigmund

Mit den Opéras bouffons von Jacques Offenbach ist es so eine Sache: zum einen entfalten sie ihr spezielles Flair, ihren aus Ironie und Persiflage geborenen Witz sowie ihre ganze Zündkraft nur in einer originalsprachigen Einstudierung, zum anderen vermögen sie jedoch nur in einer deutschen Übersetzung zur Gänze verständlich werden. Während in der Oper die komponierte Sprache inzwischen Usus in der Praxis geworden ist, wird bei der leichteren Muse, auch im Hinblick auf die gesprochenen Dialoge, doch meist eine mehr oder weniger geeignete Übertragung verwendet. Dass bei der Stuttgarter Neuinszenierung, für die der Schauspieldirektor Armin Petras nun erstmals an seiner Wirkungsstätte im Musiktheater Regie führte und die Dialoge bearbeitete, das französische Idiom und damit die entsprechende Stimmung nicht zu kurz kam, dafür sorgte GMD Sylvain Cambreling. Ob er als Landsmann dabei nicht doch schweren Herzens einige Zugeständnisse machen mußte, die die schwerfälligere deutsche Sprache mit sich bringt? Jedenfalls legte er mit dem locker und doch konzentriert wirkenden Staatsorchester Stuttgart einen moussierend leichten Teppich anstatt eines falsch verstandenen romantisch aufrauschenden, auch im Verhältnis zu den Stimmen viel zu fetten und den flotten Rhythmus verschleiernden sinfonischen Charakters, wie er der deutschen Tradition anhaftet. Da treten die einzelnen Stimmen klar hervor, werden Pointen herausgekitzelt, träumerische Momente genauso leicht beschworen wie tänzerisch Voranschreitendes mit dem gewissen Prickeln entfaltet, gipfelnd im immer ausgelassener, aber dabei nicht erdrückend schwerer werdenden Cancan-Ohrwurm. Also instrumental rundum ein Vergnügen!

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Michael Ebbecke als vergnüglich tänzelender Jupiter mit Flügeln, links André Jung als Hans StyxCopyright: Martin Sigmund

Nicht alle Solisten vermochten dieser Gangart idiomatisch und mit Gespür zu folgen, da trafen stilistisch nahekommende mit doch eher rustikalen Interpretationen zusammen. Mit dunkel gewichtiger Sprechstimme und ebenso sonor bedeutungsvoll artikulierendem Alt ist Iris Vermillion passend zur Rolle der Öffentlichen Meinung als moralischer Instanz die dominierende Persönlichkeit. Eine Macht, vor der auch die Götterschar begreiflich Halt macht. Angeführt wird diese von Michael Ebbeckes raubeinig gezeichnetem Jupiter mit gelegentlich zu streng aufdrehendem, etwas starr eingesetztem Bariton. In der Funktion als Fliege beweist er jedoch leichtes spielerisches und vor allem auch bewundernswert sicheres tänzerisches Geschick. Maria Theresa Ullrich bringt als seine gelangweilte Gattin Juno viel vokaldarstellerische Ironie, Catriona Smith als Diana den passenden Schmetterton, Esther Dierkes als Venus süßlich verführerische Untertöne, Yuko Kakuta als beflügelter Cupido kindlich munteren Soubretten-Klang und Heinz Göhrig als Bote Merkur seinen gewohnt klaren und charakterfesten Tenor ein.

Ausgerechnet die beiden zentralen Akteure bringen das sonst dem Original-Idiom erfreulich gut entgegenkommende Klangergebnis in Schieflage. Josefin Feiler als Eurydike und Daniel Kluge als Orpheus verfügen über durchaus qualitative, in ihrem Fall recht virtuos ausgeprägte, bei ihm vor allem rundum tragfähig bleibende Stimmen, doch gehen sie dabei vokal so zu handfest zur Sache, zu dick und penetrant im Ton, dass durch mangelnde Differenzierung vor allem bei ihm der ganze Charme abhanden kommt, der ihren Gesängen bei aller Kontroverse auch innewohnen sollte. Auch wenn diese sich mit ihrem deftigen Spiel deckende Herangehensweise auf das Konto des Regisseurs geht, hätte der Dirigent hier zügelnd eingreifen müssen.

Die Vorgeschichte des sich gegenseitig betrügenden Ehepaars flirrt während des Orchestervorspiels in einem Schwarzweiß-Streifen über die volle Bühnenbreite. Eurydike ist eine Fabrikarbeiterin aus der Proletarierschicht zur Zeit der Pariser Commune, Orpheus ein Musikprofessor, der sie aus diesem öden Dasein befreit und zur Frau nimmt. Petras belässt das Werk also in seiner Entstehungszeit während der Herrschaft des vergnügungssüchtigen und verschwenderischen Napoleon III bzw. unmittelbar in der daraus hervorgehenden Revolution der Arbeiterschaft gegen das Bürgertum. Die Gesellschaft, die Offenbach damals durch die Blume satirisch aufs Korn genommen hat, indem er die Götter der hehren Antike als Parallel-Volk zwischen Schlafen, Essen und Vergnügen vorschiebt, fällt in der Charakterzeichnung recht brav aus. Wo Petras im Schauspiel mit oft radikalen Bearbeitungen provoziert, scheint er hier einen Schritt zu weit vor den anderen Bedingungen des Musiktheaters zurück getreten zu sein. Dass er keine (gedanklich durchaus naheliegende) Vergegenwärtigung der Geschichte anstrebt, stattdessen mit den gut getroffenen Kostümen zwischen französischem Schick und schmuddeliger Erscheinung (Kostüme: Dinah Ehm) die Zeit der Uraufführung (1858) aufgreift, ehrt ihn. Wo Orpheus und Eurydike als Hitzkopf bzw. Zicke auf Dauer zu viel auftragen, fehlt den Göttern der rechte Biss. Ein solcher ist am ehesten bei dem als Schäfer Aristeus Eurydike in die Unterwelt holenden Pluto gegeben, den André Morsch mit schmiegsamem wie auch kernig intonierendem Bariton ausstattet. Das meist mit Schauspielern besetzte Faktotum Hans Styx ist auch hier einem solchen anvertraut: André Jung zeichnet in langer grauer Mähne und mit Zylinder das durchaus berührende Bild eines nur noch den Schatten seiner selbst darstellenden Prinzen von Arkadien, den er im berühmt gewordenen Couplet mit gekonnt immer wieder stockender und aus der Linie ausbrechender Stimme in Erinnerung ruft.

Eine kleine Formation des Staatsopernchores Stuttgart spielte die weitere Götterschar als genüsslich räkelnde und gelangweilte Gesellschaft mit geschlossen frischem vokalem Einsatz (Einstudierung: Christoph Heil), zunächst in einem praktikabel konzipierten Olymp mit verschieden großen runden Sitzpodesten umgeben von einem bühnenhohen, leicht im Wind wehenden weißen Schleiervorhang, über den immer wieder Sterne in allerlei Tiergestalten auf und ab gleiten, dann in der von vier schwarzen Dämonen mit Skelett-Mustern bewachten und nur durch einige Scheinwerfer spotweise beleuchteten Hölle (Bühne: Susanne Schuboth). Die Auf- und Abtritte erfolgen teilweise durch seitlich liegende runde eingefasste Vertiefungen oder über eine Leiter.

In der Eingangsszene ist das Haus von Orpheus nur durch einen Giebel und eine Bank angedeutet, die Solo-Violine stellt sich während des Vortrags der neuesten Komposition an seine Seite, von Alexandra Maria Taktikos seelenvoll gespielt, so dass Eurydikes empfundene Ohrenpein kaum nachzuvollziehen ist. Stattdessen lässt sie sich auf die Abenteuer der weiteren Stationen ein, bis ihr Mann sie durch einen absichtlich ablenkenden Blitz für immer verliert und schließlich als Bacchantin in Bacchus Gefolge landet, der in der Hölle eine Party veranstaltet. Doch dieser ist in der Gestalt von Max Simonischek im schmierigen Zuhälter-Look mit langen Zottelhaaren und offener Brust fernab bisheriger Vorstellungen ein Benebelter, der Eurydike zuletzt mit Drogen bestäubt, und damit im Gegensatz zur sonstigen zeitlichen Belassung der Geschichte dem Ende zuletzt doch noch eine dann eher irritierende Wendung gibt.

Bei allen Einschränkungen kann von einer recht kurzweiligen und teils vergnüglichen Unterhaltung berichtet werden, wozu auch die durchweg gute Textverständlichkeit beiträgt.

Dafür gab es animierten Applaus mit vielen Solo-Ovationen.

 Udo Klebes

 

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