Der Neue Merker

STUTTGART: ORPHEUS IN DER UNTERWELT – Aufbruch in die Götterwelt, inszeniert von Armin Petras. Premiere

Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ in der Staatsoper Stuttgart

AUFBRUCH IN DIE GÖTTERWELT

Premiere: Jacques Offenbachs Meisteroperette „Orpheus in der Unterwelt“ am 4. Dezember 2016 in der Staatsoper in der Regie von Armin Petras

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Josefin Feiler (Eurydike). Copyright: Martin Sigmund)

Armin Petras sollte mehr Opern inszenieren, denn sein Konzept für Jacques Offenbachs berühmte Operette „Orpheus in der Unterwelt“ überzeugt. Es geht ihm nicht um ein unmittelbares Erkennen der Figuren, keinen Austausch von Merkel oder Kretschmann. Er interessiert sich vielmehr fürs Historische, das zeigen auch deutlich die interessanten Kostüme von Dinah Ehm. Die Bühne von Susanne Schuboth präsentiert zunächst ein Holzgerüst, in dessen Vordergrund ein Haus zu sehen ist. Eurydike steht bei dieser Inszenierung ganz klar im Vordergrund. Sie hat bei Petras eine ungewöhnliche Vorgeschichte. Er zeigt einen Film, wo sie als Arbeiterin in einer Fabrik tätig ist und von dem Musikprofessor Orpheus befreit wird. Armin Petras wirft hier einen Blick auf die Welt des Proletariats. Die Suche der jungen Frau nach privatem Glück lässt sich deutlich erkennen.

Im zweiten Bild sieht man dann ein großes Schlafzimmer mit Figuren, die sich wie in Zeitlupe auf einem Bett bewegen. Das ist visuell sehr gut gelungen. Man registriert die Streitereien des Ehepaares Orpheus und Eurydike, dessen glückliche Tage längst vorbei sind. Eurydikes Geliebter Pluto entführt sie als Unterwelt-Gott zu sich in den Hades. Und als die öffentliche Meinung droht, Orpheus‘ Ruf zu ruinieren, erklärt er sich bereit, Eurydike zurückzuholen.

Danach sieht man dann einen überaus fantasievoll gestalteten Himmel über Paris mit zahlreichen Engeln und Wolken, da hat sich Petras viel einfallen lassen. Filmausschnitte zeigen auch Szenen aus der Zeit des ersten Weltkriegs, die Götterboten haben immer wieder viel zu tun. Der zweite Teil, der in der Unterwelt spielt, enthüllt den Blick auf eine Art Unterwasserboot, dann geht es immer weiter hinab in den Hades bis zu den Gestaden des Styx, wo sich die Artisten und Dämonen auf seltsamen Schiffen und Fähren tummeln. Letztendlich entscheidet Jupiter, dass Eurydike fortan mit dem Gott Bacchus zusammenleben solle, damit Pluto nicht von der göttlichen Intrige profitiert. Der berühmte „Cancan“ gerät dann im grandiosen Höllengalopp zu einer Art groteskem Totentanz, wo die Skelette nur so durch die Luft gewirbelt werden. 

Die historische Zeitspanne um Eurydike spielt bei dieser Aufführung eine große Rolle. Deutlich wird hier, dass Eurydike sich von ihrem Mann trennt, weil sie einen Liebhaber hat, der ihr ein anderes Leben abseits der Bürgerlichkeit verspricht. Im dritten Schritt sieht man bei Armin Petras den betörenden Olymp, die Welt des Adels, die kein Glückversprechen für Eurydike bereithält. In einer Art unheimlicher Clubatmosphäre erscheinen dabei Teufelsgestalten im Dark Room. Lebensgier und Sehnsucht bestimmen das Handeln dieser Frau – kein bewusster Weg. Eurydike erscheint als Gretchenfigur. Es ist ein Zufall, dass sie einen Musikprofessor trifft, der sie aus der Fabrik holt. Eurydike bleibt bei Petras als Bacchantin in der Unterwelt – man spürt deutlich die seltsame Atmosphäre des Moulin Rouge. Die Götterwelt ist für Petras eine Abstraktion. In der Persiflage verlieren diese Götter ihre moralische Aussagekraft. Die Öffentliche Meinung im weißen Kleid erscheint sogar als stärkste Figur des Werkes. Durch diese starke Gewalt nimmt die Orpheus-Geschichte immer wieder einen anderen Verlauf. Die „verantwortungslose Heiterkeit“ interessiert Armin Petras bei diesem Werk besonders.

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Andre Jung (Hans Styx), Michael Ebbecke (Jupiter). Copyright: Martin Sigmund

Den Erfindungsreichtum und Witz der Offenbachschen Musik trifft Sylvain Cambreling mit dem Staatsorchester Stuttgart sehr genau. Dies zeigt sich insbesondere bei der reizvoll gestalteten Schlummerszene, im Höllengalopp der aller Würde beraubten Götter und in den Spottcouplets auf Jupiters Abenteuer. Andre Jung kann als seniler Hans Styx bei der komischen Arie „Als ich einst Prinz war von Arkadien“ das Publikum sofort für sich einnehmen. Daniel Kluge verleiht dem Orpheus eine lyrisch-pastorale Tönung, Josefin Feiler begeistert als Eurydike mit glockenreinem Sopran und höchst facettenreichen Koloraturketten. Stine Marie Fischer vermag der Öffentlichen Meinung starkes Profil zu verleihen. Andre Morsch findet für die Rollen des Aristeus und Pluto ein präzises Timbre. Grandios ist Michael Ebbecke als überaus wandlungsfähiger Jupiter, ausgezeichnet stellt Maria Theresa Ullrich seine energische Gattin Juno dar. Esther Dierkes imponiert als feurige Venus, Catronia Smith fasziniert als brillante Diana. Max Simonischek gestaltet Mars und Bacchus mit kernigem Schmelz, während Heinz Göhrig als Merkur die Gesangslinien nie vernachlässigt. Yuko Kakuta ist ein atemberaubender Liebesgott Cupido. Orpheus stellt seine Klage im Stil Glucks vor, die Opernparodie wird dabei sehr bewusst auf die Spitze getrieben. Daniel Kluge kann sich hier mit graziösen Kantilenen profilieren, der Klangfarbenreichtum seiner Stimme ist beachtlich.

Interessant sind beim Abstieg der Götter in den Hades die Parallelen zu Richard Wagners „Rheingold“. Der Gott denkt auch hier nicht daran, das Gestohlene zurückzugeben. Sylvain Cambreling betont gerade diese Szene mit dem Staatorchester Stuttgart mit geradezu sarkastischer Ironie. Ideologie wird dabei als Teil des Systems gnadenlos entlarvt. Nebelwolken steigen bei dieser Inszenierung an allen Ecken und Enden auf, auch dies ist ein dezenter Hinweis auf den mythologischen Hintergrund. Das Liebesduett mit der Jupiter-Fliege und Eurydike gerät zu einer Arabeske mit verrückten Kantilenen, die in kontrapunktischer Hinsicht immer kunstvoller zu werden scheinen. Der von Christoph Heil hervorragend einstudierte Chor agiert wiederum mit exzellenter Polyphonie und gesanglichem Glanz. Die sympathische Frivolität und Leichtigkeit dieser Musik wird von Sylvain Cambreling und dem Staatsorchester grell beleuchtet.

Und die unverminderte Aktualität Offenbachs tritt bei der Inszenierung von Armin Petras deutlich hervor – die Kritik an der Gegenwart wird ganz klar in die Vergangenheit verlegt, die Diktatur Kaiser Napoleons III. lässt sich ohne weiteres auf andere Situationen übertragen. Der Blick auf die Bühne wird so automatisch zum Blick hinter die Kulissen, auch wenn alles klamottenhaft wirkt. Es herrscht Korruption auf dem Olymp. Und die Bouffonnerien wollen kein Ende nehmen. Royalisten, Legitimisten, Republikaner und Putschisten verursachen schließlich ein gesellschaftliches Chaos, aus dem es kein Entrinnen gibt. Taschenspieler, Gaukler, Betrüger und Skandalmacher vereinigen sich mit Dirnen und Kokotten und stellen so das System bloß. Rhythmisch und dynamisch offenbart Cambrelings Interpretation spannungsvoll-lustvolles Musizieren – ein Mechanismus im Zweier-Takt. Es kommt zur präzisen Aufhebung aller kleineren rhythmischen und metrischen Werte. Im Galopp behaupten sich die alternierenden Achtel- und Sechzehntelwerte. Wortspiele, Symmetrie, Wiederholungen und Ostinato-Bewegungen passen sich den Gesangsstimmen an, die Balance des Gleichgewichts wird in überzeugender Weise beachtet. Das Spieluhrenhafte und Unechte in dieser Musik tritt so immer schärfer hervor – und die Intervalle beim „Cancan“ wecken einen trügerischen Zustand besinnungsloser Euphorie. Die „Belle Epoque“ wird beschworen und zugleich beerdigt. Die Ballerinen heben ihre Röcke nicht mehr, sondern zeigen Merkmale der Verwesung. Das Paradies ist zerstört. Artisten (Tabea Rieger, Jonathan Martens, Annabell Ehrmann, Friederike Simon) und Dämonen (Rosi Drodofsky, Conny Eilenstein, Tobias Laxander, Jaqueline Skupin) verstärken diesen Eindruck. Schön ist das betörende Spiel der Solo-Violine von Alexandra Maria Taktikos.

In die Ovationen für die Sänger mischten sich vereinzelte „Buh“-Rufe für das Regie-Team (Choreografie: Berit Jentzsch; Video: Rebecca Riedel).

Alexander Walther      

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