STUTTGART/ Musikfest: BACH-KANTATEN IN DER STIFTSKIRCHE – „Der kluge Verwalter“

by ac | 6. September 2016 20:40

Musikfest Stuttgart: Bach-Kantaten in der Stiftskirche Stuttgart

DER KLUGE VERWALTER

Musikfest Stuttgart: Kantaten von Johann Sebastian Bach am 6. September 2016 in der Stiftskirche

Dies war ein weiterer Glanzpunkt des diesjährigen Musikfest-Mottos „Himmlischer Reichtum“ mit „Sichten auf Bach II“. Transparent und durchsichtig musizierte Hans-Christoph Rademann zusammen mit der Gaechinger Cantorey drei bedeutende Kantaten Johann Sebastian Bachs, die sich harmonisch und thematisch durchaus ergänzten. Bei der Kantate „Tue Rechnung! Donnerwort“ BWV 168 gingen Dorothee Mields (Sopran), Terry Wey (Altus), Sebastian Kohlhepp (Tenor) und Andreas Wolf (Bass) ganz aus sich heraus. Im Mittelpunkt steht dabei die Weisheit eines Verwalters, der den Schuldnern seines Herrn einen Teil ihrer Verbindlichkeiten erlässt. Und bei der Bassarie zu Beginn agierte insbesondere Andreas Wolf mit tragfähigem Timbre, dessen markante Kantilenen sich tief einprägten. Hier sprach die mahnende Stimme des Herrn an seinen Verwalter. Punktierte Rhythmen in den Streichern und Koloraturen in der Gesangsstimme rundeten dieses voluminöse Klangbild ab. Und mit der fulminanten Bassfigur wurde die gesangliche Eindringlichkeit doppelt unterstrichen. Höhepunkt war hier das mitreissend gestaltete Duett „Herz, zerreiß des Mammons Kette“ für Sopran und Alt, wo sich ein vibrierender Klangzauber offenbarte. Den schlichten vierstimmigen Choral interpretierte die Gaechinger Cantorey berührend. Danach erklang die wiederum sehr durchsichtig gesungene Bach-Kantate „Was frag ich nach der Welt“ BWV 94, die auf dem gleichnamigen Choral von Balthasar Kindermann basiert. Die Nichtigkeit allen irdischen Reichtums im Vergleich zur Herrlichkeit des Himmelreichs steht hier im zentralen Mittelpunkt. Der von der Gaechinger Cantorey sehr klangschön interpretierte Eingangschor „Was frag ich nach der Welt“ gefiel mit dynamischer Wechselhaftigkeit und klug aufgebauten Steigerungen. Das filigrane Spiel der Traversflöte stach deutlich hervor. Und die Streichergruppe trug Sebastian Kohlhepp bei der Arie „Die Welt kann ihre Lust und Freud“ wie auf sphärenhaften Flügeln. Rademann achtete dabei auf konzentriertes klangliches Gleichgewicht. Dies war einer der besonderen Vorzüge seiner klugen Wiedergabe. Das Tenor-Rezitativ wurde hier übrigens sehr feinsinnig von zwei Oboen begleitet. Zum Abschluss imponierte die mit flüssigen Kantilenen und rasanten Rhythmen dargebotene Kantate „Herr Jesu Christ, du höchstes Gut“ BWV 113. Dieses Werk beruht auf dem gleichnamigen Bußlied von Bartholomäus Ringwaldt aus dem Jahre 1588. Es ist das Gleichnis von Pharisäer und Zöllner. Jesus vergleicht dabei in zuspitzender Weise die Gebetspraktiken dieser beiden Männer. Das grelle Motiv der Selbstanklage stach beim Choral „Herr Jesu Christ, du höchstes Gut“ deutlich hervor. Die Gaechinger Cantorey agierte hier unter der zupackenden Leitung von Hans-Christoph Rademann mit eindrucksvollem Duktus. Das kontrapunktische Geflecht der Partitur konnte sich so bestens entfalten. Terry Wey trug den Choral „Erbarm dich mein“ höchst emotional vor. Andreas Wolf traf den schwebenden Klang der Bass-Arie „Fürwahr, wenn mir das kömmet ein“ ausgesprochen einfühlsam. Die Rezitativeinschübe der Choralmelodie im vierten Satz überzeugten bei dieser ausgeglichenen Wiedergabe einmal mehr aufgrund ihrer Durchsichtigkeit und Intensität. Sebastian Kohlhepp betonte bei der Tenorarie „Jesus nimmt die Sünder an“ die enorme Virtuosität des ungewöhnlichen Klangbildes. Der Schlusschoral „Stärk mich mit deinem Freudengeist“ strahlte nochmals eine beglückende Ruhe und Innigkeit aus.

Begeisterter Schlussapplaus.

Alexander Walther          

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