Der Neue Merker

STUTTGART/ Mercedes Benz-Museum: 6. LIEDKONZERT DER STAATSOPER mit Alma Sade (Sopran), Helene Schneiderman (Mezzosopran), Barrie Kosky (Klavier)

  1. Liedkonzert der Staatsoper Stuttgart im Mercedes-Benz Museum Stuttgart. HUMOR UND HOFFNUNG

6. Liedkonzert der Staatsoper Stuttgart im Mercedes-Benz-Museum am 23. Juli 2017/STUTTGART

Bildergebnis
Helene Schneiderman. Copyright: Martin Sigmund)

Viele jüdische Komponisten emigrierten unter dem Druck der Pogrome in Osteuropa Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA. Dort ergänzten sie das amerikanische Musical und die aus Europa stammende Operette durch die jüdische Operette. Eine Kostprobe mit ausgefallenem Repertoire konnte man am Sonntag abend im großen Saal des Mercedes-Benz- Museums erleben. Alma Sade (Sopran), Helene Schneiderman (Mezzosopran) und Barrie Kosky (Klavier und Moderation) interpretierten unter dem vielsagenden Motto „Vergiss mich nicht!“ Lieder des jiddischen Theaters.

Von Abraham Ellstein sang Helene Schneiderman zunächst den einfühlsamen Song „Glück“, wo sie die Emotionen mit kluger Atemtechnik einfing. Ellstein galt als bedeutendster Komponist des jiddischen Theaters der 1930-40er Jahre. Alma Sade begeisterte dann mit dem rhythmisch schwungvollen Lied „Ein bisschen Liebe und ein bisschen Glück“ von Joseph Rumshinsky, der einer der erfolgreichsten Komponisten der Second Avenue vor dem 1. Weltkrieg war. Melancholischer Zauber legte sich dann auf ihre dezente Wiedergabe des Liedes „Schwer, ein Jude zu sein“von Sholom Secunda, das aus seiner letzten theatralischen Arbeit zum gleichnamigen Schauspiel von Sholem Alejchem stammt. Auch die tragfähige Mittellage von Alma Sades Sopranstimme überzeugte hier aufgrund des weichen Timbres. Helene Schneiderman erfüllte „Du bist das Licht meiner Augen“ von Joseph Rumshinsky mit derselben voluminösen Klangfülle wie „Glück“ von Alexander Olshanetsky, der auch in China tätig war. Abraham Ellsteins Lied „Ich singe“ bestach einmal mehr mit reizvollen chromatischen Aufschwüngen und klanglichen Verführungskünsten. Beide Sängerinnen wurden von Barrie Kosky am Flügel bei den feurigen Tango-Rhythmen des Songs „Augen“ immer weiter angespornt. Alma Sade überraschte bei „Was gewesen ist, ist gewesen und vorbei“ von David Meyerowitz mit filigranen Kantilenen und Arabesken, die sich immer weiter verfeinerten. Barrie Kosky war hier ein brillanter pianistischer Begleiter. Abraham Ellsteins „Vergiss mich nicht“ zeigte in der kunstvollen Darbietung von Helene Schneiderman bewegende Emphase. Bei Ellsteins „Tief wie die Nacht“ bot Alma Sade zu knisternden Tango-Rhythmen bestechende gesangliche Höhenflüge. Die Stimme wurde hier gleichsam in sphärenhafter Weise fortgetragen. Helene Schneiderman interpretierte „Oh Mama, ich bin verliebt“ mit nicht enden wollender Melodiefülle und harmonischer Vielgestaltigkeit hinsichtlich ihres gemeinsamen Musizierens mit Barrie Kosky. Humor und Hoffnung blitzten hier immer wieder in beglückender Weise auf. Helene Schneiderman gestaltete auch „Wohin soll ich gehen?“ von Oskar Strock, der als einziger Komponist dieses Programms nicht aus New York stammte. Klangschattierungen und atemlose gesangliche Gestaltungskraft („Der Jude wird verfolgt und gequält…“) hielten sich die Waage. Beide Sängerinnen bschlossen diesen außergewöhnlichen Abend mit dem in Auschwitz gesungenen, bedrückend-tragischen Wiegenlied „Rosinen mit Mandeln“ und der Hymne „Rumänien, Rumänien!“ von Aaron Lebedeff, wo atemlose Geschwindigkeit vorherrschte.

Barrie Kosky, der Pianist des Abends, inszeniert als Intendant der Komischen Oper Berlin in diesem Jahr Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ bei den Bayreuther Festspielen. 

Alexander Walther

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