Der Neue Merker

STUTTGART: MEDEA von Luigi Cherubini in einer Konwitschny-Inszenierung. Premiere

49230_medea_oper_stuttgart_2017_18_c_thomas_aurin_4_7057___kopie
Cornelia Ptassek (Medea). Copyright: Thomas Aurin

AUFREGENDE GEWITTERSZENEN

Premiere „Medea“ von Luigi Cherubini am 3. Dezember 2017 in der Staatsoper/STUTTGART

Ein Stück wie „Medea“ von Luigi Cherubini (Libretto: Francois-Benoit Hoffman) sensibilisiert die Zuschauer laut Regisseur Peter Konwitschny für „unsere eigene Vergewaltigung“ – damit das Gute in uns blühe und nicht das Destruktive, „damit uns das Leben, die Freundlichkeit, die Liebe wertvoller werden als Besitz, Betrug und Tötungswahn.“ Dies ist ein überzeugender Ansatz, der bei Bühnenbild und Kostümen von Johannes Leiacker nicht immer zum Vorschein kommt. Stellenweise wünscht man sich eine deutlichere Betonung des Mythologischen. Gleichwohl besitzt die Handlungsebene auch bei Peter Konwitschny klare Strukturen. In der „Medea“-Tragödie nach Euripides verliebt sich die Titelheldin als Tochter des Königs von Kolchos in den Griechen Jason, der mit ihrer Hilfe das Goldene Vlies raubt. Gemeinsam fliehen die beiden nach Griechenland, wo sie jahrelang heimatlos von einem Ort zum anderen ziehen. Kreon, der König von Korinth, bietet Jason und dessen Kindern Asyl. Allerdings ist die Bedingung, dass er sich von der Barbarin Medea trennt und statt dessen seine Tochter heiratet. So kommt es zur Katastrophe: Medea tötet in ihrem maßlosen Zorn die Braut und ihre eigenen beiden Kinder.

49205_medea_oper_stuttgart_2017_18_c_thomas_aurin_3_4322g
Josefin Feiler (Kreusa), Shigeo Ishino (Kreon), Ariles Slimani, Jasper Meyer-Eggen (die Kinder Medeas), Sebastian Kohlhepp (Jason). Copyright: Thomas Aurin)

In Stuttgart ist diese Oper von Cherubini erstmals in der deutschen Übersetzung von Bettina Bartz und Werner Hintze zu sehen. Konwitschny betont bei seinem subtilen Regiekonzept durchaus den hochpolitischen Ansatz. Gleichzeitig werden Medea und ihre Amme Neris bei Konwitschny von der aufgebrachten Menge gelyncht und getötet, Jason stirbt ebenfalls. Zuletzt fällt der Vorhang und gibt den kahlen Blick auf drei Leichen frei. Medea schwingt sich hier also nicht auf einem Drachengespann in den Himmel empor – und der korinthische Palast wird auch nicht durch einen Feuerregen in Asche gelegt. Das Feuer deutet sich nur dezent hinter einer der Türen an, während Medea ihre Kinder tötet.

Eine dialektische Betrachtungsweise herrscht hier vor, denn Euripides hat seine Landsleute von der Kehrseite des Patriarchats deutlich warnen wollen. Bei Konwitschny läuft Medea auch nicht wirklich Amok – sondern das hochdramatische Geschehen baut sich langsam auf. Es stellt sich die Frage, ob „Fremdgehen“ an sich erlaubt sein sollte. Jason ist außerdem sehr ehrlich in seine Braut Kreusa verliebt, was das tragische Geschehen bei dieser aufwühlenden und ins Moderne versetzten Inszenierung noch deutlich steigert. Die Spannungskurve der Handlung sinkt nicht. Zunächst sieht man einen heruntergelassenen Vorhang mit einer entfernten Insel und Meeresblick. Eine gewisse Nähe zum „Medea“-Film von Pier Paolo Pasolini mit seiner archaisierenden Welt aus Sand und Hitze wird dabei hergestellt. Johannes Leiacker hat hier ein Floß – eine schwimmende Küche – auf der Ägäis entworfen. Im dritten Akt sind dann die Wände entschwunden und die Bühne beeindruckt aufgrund einer kahlen und kalten Sichtweise. Der Boden ist nicht rampenparallel, sondern schräg und es steht sogar eine kleine Ecke über dem Orchester heraus. Peter Konwitschny will dabei verdeutlichen, dass etwas in Schieflage geraten ist. Die Zivilisation ist aus dem Lot gekommen. Wenn der Hauptvorhang mit der schönen griechischen Küstenlandschaft hochgeht, sieht man plötzlich eine ganz normale Küche mit einfachen Menschen. Darum herum nimmt man eine Müllhalde wahr. Immer wieder werden Plastiktüten einfach ins Meer geworfen. Es geht auch um Figuren, die alle gestrandet sind. Das Goldene Vlies befindet sich in dieser Inszenierung in einem Koffer, der nie geöffnet wird. Dadurch entstehen ebenfalls spannungsvolle Momente. Der Tausch des Koffers gegen Kreusa soll dem Zuschauer verdeutlichen, dass es sich hier um ein Geschäft handelt. Kreon umarmt den Koffer und hofft, dass er nun kreditwürdig ist. Medea ist hier nicht wirklich eine Mutterfigur, sondern eine kalte Frau, die sich aber nach Liebe sehnt.

Konwitschny möchte in seiner Inszenierung die Präsenz der Kinder verstärken, indem er sie singen lässt. Die Kleinen wollen natürlich, dass sich ihre Eltern wieder vertragen, was ein Trugschluss ist. Insbesondere die Gewitterszenen nehmen in dieser Inszenierung einen breiten und gewaltigen Raum ein, obwohl alles im Hintergrund spielt und man keine zuckenden Blitze sieht, sondern nur ungeheures Donnergrollen hört. Gleichzeitig denkt man dabei sogar an den „Sturm auf die Bastille“. Und die Nähe zur fieberhaften Harmonik eines Hector Berlioz verstärkt sich. Daran haben der umsichtige Dirigent Alejo Perez und das rasant musizierende Staatsorchester Stuttgart einen bedeutenden Anteil. Cornelia Ptassek füllt die Figur der Medea mit glühender Emphase und voluminöser gesanglicher Leuchtkraft aus. Ihre Stimme ist aber auch zu wandlungsfähigem Timbre und sensiblen Tönungen ohne Vibrato-Ansatz fähig. Die deklamatorischen und rezitativischen Partien werden außerdem von den anderen Sängerinnen und Sängern ausgezeichnet erfasst. Allen voran Helene Schneiderman, die Medeas Vertraute Neris mit überwältigender darstellerischer Präsenz verkörpert. Alejo Perez lässt als Dirigent auch die anderen Figuren glücklicherweise nicht bis zum Schemenhaften erblassen. Sebastian Kohlhepp als Jason beeindruckt mit leuchtkräftigem Tenor und klarer Tonbildung. Die Töne bleiben so klanglich immer in der Balance bis zur höchsten Kraftentfaltung. So kommen die Klänge von selbst, wodurch sich auch die berührende Kreusa von Josefin Feiler auszeichnet.

49208_medea_oper_stuttgart_2017_18_c_thomas_aurin_3_4381g
Sebastian Kohlhepp (Jason), Ariles Slimani, Jasper Meyer-Eggen (Medeas Kinder), Josefin Feiler (Kreusa). Copyright: Thomas Aurin

Verstärkte Resonanz und suggestive Kantilenen kennzeichnen ebenso die übrigen Partien. Vor allem Shigeo Ishino als Kreon überzeugt nicht nur bei seinen massiven Wutausbrüchen mit kraftvollem Ausdruck. Stellenweise blitzen auch weiche Legato-Bögen auf, die sogar an Dietrich Fischer-Dieskau erinnern. In weiteren Rollen überzeugen Aoifne Gibney als erste Brautjungfer, Fiorella Hincapie als zweite Brautjungfer sowie die beiden Söhne von Medea und Jason, die von Johannes Rempp und Justus Laukemann sehr lebendig dargestellt werden. Der von Christoph Heil hervorragend einstudierte Staatsopernchor agiert in den einzelnen Szenen höchst packend. Vor allem am Schluss gewinnt der Chor eine geradezu erschreckende Präsenz und Leuchtkraft. Alejo Perez arbeitet das thematische Material der Partitur bei seiner glühenden Interpretation ansprechend heraus. Das Unisono der Motive lässt Orchester und Singstimmen einfühlsam verschmelzen, selbst die Seitenthemen gewinnen eine immer größere Bedeutungskraft. Der kämpferische Beethoven lässt einmal mehr grüßen. Harmonische Spannungsverhältnisse werden bei dieser Wiedergabe ganz bewusst aufgebaut, ohne die Gesangsstimmen zu belasten. Das leidenschafliche Hauptthema der aufwühlend musizierten Ouvertüre in f-Moll wird von Alejo Perez und seinen Musikern voll erfasst, das gleiche gilt für die von Haydn inspirierte Sonatenhauptsatzform. Heftiger Bewegungsablauf kämpft hier gegen klassizistische Erstarrung.

Die F-Dur-Arie Medeas sowie ihr e-Moll-Duett mit Jason gehören bei dieser Aufführung zu den musikalischen Höhepunkten, die sich tief einprägen. Cornelia Ptassek und Sebastian Kohlhepp gewinnen hier als Paar immer größere Intensität. Cornelia Ptassek gelingt der Versuch glaubwürdig, Jasons Zuneigung zurückzugewinnen. Bei Helene Schneidermans Neris-Arie überzeugt die geradezu geschmeidige Fagott-Begleitung. Die Seelenstürme der Medea werden in der Gewitter-Zwischenaktmusik vom zweiten zum dritten Akt ausführlich betont. Aus dem d-Moll-Dreiklang wächst so eine atemlose Spannung. Beim d-Moll-Schluss mit dem furiosen Choreinsatz gelingt es Perez als Dirigent, Wucht und gleichzeitige Monumentalität dieser Oper zu betonen.

So gab es zuletzt berechtigten stürmischen Jubel des Publikums für die musikalischen Akteure nebst einigen „Buh“-Rufen für das Regieteam (konzeptionelle Mitarbeit und Dramaturgie: Bettina Bartz).

Alexander Walther

Diese Seite drucken