Der Neue Merker

STUTTGART/ Liederhalle: ZWEITES KAMMERKONZERT „Gefühl aus Ost“ (Chopin, Bartok, von Dohnanyi)

STUTTGART/ Liederhalle

VOLL INNIGER MELODIK

Zweites Kammerkonzert des Staatsorchesters „Gefühl aus Ost“ am 29. November 2017 in der Liederhalle/STUTTGART

Wenig bekannt ist Frederic Chopins noch in Polen entstandenes Trio in g-Moll op. 8 für Viola, Violoncello und Klavier aus dem Jahre 1829. Madeleine Przbyl (Viola), Michael Groß (Violoncello) und Johann Blanchard (Klavier) interpretierten dieses Werk mit starker melodiöser Emphase und fieberhafter Intensität. Feingliedrige Melodiegestaltung und virtuoser Glanz beherrschten die einzelnen Sätze. Insbesondere im letzten Satz beeindruckten die polnischen Weisen mit temperamentvollem spieltechnischen Zugriff. Expressive Linien und Reminszenzen an Schubert fielen bei der Interpretation mit Musikern des Staatsorchesters Stuttgart besonders positiv auf. In den weitgesapnnten Kantilenen vernahm man die melancholischen Klänge der polnischen Nationalmusik.

Grandios war dann die vor Feuer und Temperament sprühende Wiedergabe von Bela Bartoks „Contrasts“ für Klarinette, Violine und Klavier aus dem Jahr 1938 mit Frank Bunselmeyer (Klarinette), Muriel Bardon (Violine) und Alan Hamilton (Klavier). Vielgestaltige und komplizierte Rhythmik sowie dynamische Spannung behaupteten sich hier in imponierender Weise, wobei sich die Musiker die harmonischen Spitzfindigkeiten nur so zuspielten. Töne, Farben und Figuren verbanden sich dabei zu treffsicher-raffinierten Arabesken und Girlanden zwischen Pizzicato- und Tremolo-Sequenzen. Man spürte förmlich den Geist Benny Goodmans, der dieses Werk uraufgeführt hat. Blues und Swing waren deswegen auch in der Klarinetten-Kadenz spürbar. Glitzernde Flageolett-Passagen blitzten beim Geigenspiel auf, dessen spieltechnische Rasanz immer mehr zunahm. Vor allem der äusserst virtuose Geschwindtanz des letzten Satzes ging unter die Haut, weil die zweite Geige mit ihren Halbton-Figurationen immer wieder den Ton angab. Tänzerische Gebilde und Gestalten triumphierten in einem ausgelassenen Reigen, dessen Atemlosigkeit verblüffte. Selbst orientalische Passagen waren hierbei herauszuhören.

Zum Abschluss begeisterte die fulminante Wiedergabe des Sextetts in C-Dur op. 37 für Klarinette, Horn, Violine, Viola, Violoncello und Klavier aus dem Jahre 1935 von Ernst von Dohnanyi. Anklängen an Gustav Mahler und vor allem Richard Strauss machten sich bei den schwelgerischen Passagen des ersten Satzes deutlich bemerkbar. Man begriff dabei aber auch, warum Dohnanyi als der „ungarische Brahms“ bezeichnet wurde. Verschiedene Klangsprachen und Stilrichtungen zeigten hier immer wieder neue und faszinierende Gesichter, die die Musiker Frank Bunselmeyer (Klarinette), Susanne Wichmann (Horn), Alexander Jussow (Violine), Madeleine Przybyl (Viola), Michael Groß (Violoncello) und Alan Hamilton (Klavier) in facettenreicher Weise virtuos ausloteten. Weiträumig kam der spätromantische erste Satz daher, während das As-Dur-Idyll des zweiten Satzes mit großer Sensibilität getroffen wurde. Die Stimmung verwandelte sich daraufhin in eine düstere f-Moll-Atmosphäre, die ebenfalls sehr gut herausgearbeitet wurde. Forte- und Fortissimo-Sequenzen begleiteten die Horn- und Klarinetten-Kantilenen. Anklänge an Beethovens fünfte Sinfonie waren zwischen den Marsch-Sequenzen ebenso herauszuhören. Cafehausmusik-Reminiszenzen beherrschten das Finale mit seinen erstaunlich kühnen harmonischen Wendungen und klanglichen Herausforderungen. Den Musikern gelang es vorzüglich, Ragtime und Walzer miteinander zu verbinden.

Begeisterter Schlussapplaus.

Alexander Walther

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