Der Neue Merker

STUTTGART/ Liederhalle/ Beethovensaal: SAARIAHO / MAHLER MIT DEM SWR- SYMPHONIEORCHESTER / INGO METZMACHER

STUTTGART/ Liederhalle/ Beethovensaal:  Saariaho/Mahler mit dem SWR Symphonieorchester in der Stuttgarter Liederhalle (24.3.2017)

IM WIDERSTREIT MIT STARKEN KONTRASTEN

Flächige Anlage und Schlagzeug-Dominanz beherrscht „Du Cristal“ für großes Orchester aus dem Jahr 1990 der finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Wuchernde und kristalline Gebilde korrespondieren hier mit einem elektronischen Klangerzeuger. Das Klangspektrum von Glocken wird dabei konsequent ausgelotet. Organisch wird alles minuziös auf die Instrumente übertragen. Hohe Streicher und Flöten sowie tiefe Trommeln beherrschen in fast schon magischer Weise das akustische Geschehen. Unterschiedliche Tempi unterstreichen dabei autonome musikalische Strukturen, die der Dirigent Ingo Metzmacher mit dem konzentriert agierenden SWR Symphonieorchester feinsinnig interpretierte. Unterschiedliche Tempi wirken wie gewaltige „harmonische“ Eisschollen in der Antarktis. Ingo Metzmacher dirigierte auch die im Jahre 1905 vollendete, robuste Sinfonie Nr. 7 in e-Moll von Gustav Mahler durchaus als Folgewerk der sechsten Sinfonie mit teilweise raschen Tempi. Mahler behandelte hier laut Paul Bekker die Kontraste seines zwiespältigen Ich als für sich gesonderte Welten. Und so interpretierte Metzmacher das Werk auch. Tastend im Drängen entwickelte sich der erste Satz mit einer breit ausgeführten langsamen Episode. Die Bläser leiteten hier zukunftsweisend zum heldenhaften Hauptthema über. Die Violinen gestalteten das zweite Thema intensiv und wandlungsreich zugleich, waren aber nicht immer in der Balance. Zum Höhepunkt geriet trotz Intonationsschwankungen die gewaltige Durchführung in Sonatenform. Hier kämpfte das Gegen- und Ineinander des bisherigen Materials mit sich. Fesselnde Momente setzten sich immer deutlicher durch, Ingo Metzmacher spornte das SWR Symphonieorchester hitzig an. Dramatische und stimmungsvolle Phasen unterstrichen Mahlers enorme seelische Zerrissenheit in wild zerklüfteten Themen, die sich aneinander rieben. Alles gipfelte in lyrischer Verklärung. Trauermarschartige Wendungen konnten eine prunkhafte Wendung nicht mehr verhindern. Metzmacher lotete die dynamischen Kontraste und Besonderheiten dieser Sinfonie mit dem SWR Symphonieorchester in konsequenter Weise aus. Der Hornruf des zweiten „Nachtmusik“-Satzes prägte sich bei dieser facettenreichen Wiedergabe tief ein. Es war ein jähes Aufleuchten und Erlöschen, das Ingo Metzmacher mit dem Orchester da beschwor.

Auch kammermusikalische Details fehlten keineswegs. Eine wahrhft spukhafte Vision zog vorüber. Der Marsch des phantomhaften Zuges wurde von plötzlichem Aufleuchten begeitet, die Melodien gestaltete das SWR Symphonieorchester ausdrucksvoll. Noch dichtere Nebel beherrschten dann das schattenhafte Scherzo. Die Melodien entfalteten sich hier halb tänzerisch, halb klagend. Der Traum eines Naturidylls umgarnte den aufmerksamen Hörer, der sich dieser geheimnisvoll-sphärenhaften Aura nicht entziehen konnte. Wehmütig kam das Trio daher – und das Scherzo setzte sein wildes und schattenhaftes Treiben kühn fort. Der ebenfalls als „Nachmusik“ betitelte vierte Satz griff hier spürbar auf reizvolle Serenaden der Wiener Klassik zurück und fing sie mit betörenden Klängen von Mandoline und Gitarre ein. Die kammermusikalischen Effekte wirkten bei dieser Interpretation besonders stark. Horn, Harfe und Cello erschienen hier als dezentes Klangstück. Das Rondo-Finale wurde schon zu Mahlers Lebzeiten wegen seiner scheinbar allzu unbekümmerten Siegerpose kritisiert. Zu Unrecht. Ingo Metzmacher unterstrich bei seiner kraftvoll-monumentalen Wiedergabe die kontrapunktischen Kunststücke der Partitur, die sich wie ein riesiger Klang-Fächer vor den Augen und Ohren der Zuhörer ausbreiteten. Die heftig wechselnden Stimmungen wurden ganz von einem Marschrhythmus beherrscht, der sich unentwegt fortzusetzen schien. Ingo Metzmacher betonte mit dem mit ungeheuren Emotionen musizierenden Orchester die Verbindungen zum ersten Satz – manchmal vermisste man die Bläser-Präzision. Trotzdem gestaltete das Ensemble den feurigen Impetus des Satzes mitreissend und ergreifend. Wie eine groteske Händel-Karikatur wirkte dabei die trügerische barocke Pracht dieses seltsamen Satzes, dessen magischer Zauber sich aber mit dämonischer Kühnheit gut entfalten konnte.

Der grandiose Schluss mit Glockenklang und gleissendem Prunk gefiel als orgiastischer Rausch „lebensbejahenden Bekennens“, der das Publikum sehr begeisterte.

Alexander Walther
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