STUTTGART/ Liederhalle: 4 SINFONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS – eindringliche Meeresstimmungen

by ac | 12. März 2017 19:26

  1. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart in der Liederhalle

EINDRINGLICHE MEERESSTIMMUNGEN – 12.3.2017

Der junge britische Dirigent Ben Gernon gab sein Debüt beim Staatsorchester im 4. Sinfoniekonzert unter dem Motto „Seelenlandschaften“. „Peter Grimes“ von Benjamin Britten war ein großer Opernerfolg – und auch die „Four sea interludes“ aus diesem Werk haben es in sich. Ben Gernon beschwor die verschiedenartigen Meeresstimmungen mit nie nachlassender Intensität und forschem Ausdruck. Eindringliche Rhythmik unterstrich hier aufwühlend die Seelenlandschaft. Die Verschmelzung der stimmungsmäßigen Momente mit den dramatischen Augenblicken und ihr grandioses Ineinanderüberfließen gelangen dem Staatsorchester Stuttgart unter Ben Gernon hervorragend. Alles ging deutlich bis an die Grenzen der Polytonalität. Die Meeresabenteuer des Kapitäns Peter Grimes blieben so immer plastisch greifbar. Im ersten Satz nahm die ungeheure Weite des Himmels die Zuhörer gefangen. Und grandios beschrieben die gewaltigen Glocken des zweiten Satzes die Scheinheiligkeit einer Gesellschaft, in der der einzelne nichts gilt. Spukende Xylophon-Schläge prägten dann den dritten Satz mit schwarzer Romantik. Vor allem der abschließende Sturm-Satz riss die Zuhörer ganz unmittelbar mit.  Rauschende Harfen-Chromatik wechselte sich mit rasenden Skalen und Orchesterläufen virtuos-furios ab. Carolin Widmann (Violine) interpretierte dann das wertvolle Konzert in D-Dur für Violine und Orchester op. 35 aus dem Jahre 1945 von Erich Wolfgang Korngold. Der oscar-preisgekrönte Filmkomponist Korngold hat hier auch eigene Filmmusik verarbeitet – so aus den Filmen „Another Down“ und „Juarez“ im ersten, aus „Anthony Adverse“ im zweiten“ sowie „The Prince and the Pauper“ im dritten Satz. Und Carolin Widmann schmückte alles mit großem klangfarblichem Zauber. Klassizistische Einfachheit und Schlichtheit wechselten sich hier mit bravourösen Passagen und vorwärtsdrängenden Sequenzen mit vibrierender Melodik ab. Besonders die glänzend-fragilen Kantilenen arbeitete Carolin Widmann mit dem Staatsorchester unter Ben Gernon mustergültig heraus. Dadurch entstand ein unbeschreiblicher harmonischer Zauber. Zu Beginn des Konzerts erinnerte gleich alles an die Brahms-Schönberg-Tradition mit dem Tritonus in der Geigenstimme und dem dissonanten Intervall. Celesta und Harfe begleiteten dann die sphärenhaft herausgearbeiteten Gesänge im zweiten Satz, wo Carolin Widmann auf ihrer Geige mit Dämpfer und Rubato musizierte. Und am Ende sank alles chromatisch geheimnisvoll abwärts. Dieses Violinkonzert ist übrigens Alma Mahler-Werfel gewidmet. Schon Gustav Mahler hat das Wunderkind Korngold aufgrund seines klangmalerischen Könnens bewundert. Als Zugabe spielte Carolin Widmann noch eine ausdrucksvolle Sarabande von Johann Sebastian Bach. Zum Abschluss war dann Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36 in einer transparenten Wiedergabe zu hören. Zu dieser Zeit hat sich Tschaikowskys Bekanntschaft mit seiner Mäzenin Frau von Meck angebahnt. Sie ist auch die Widmungsträgerin dieses 1877 entstandenen Werkes. Die Schicksalsgewalt meldete sich gleich zu Beginn in den Bläsern – zuerst in den Trompeten und anschließend markant in den Hörnern. Die zweite Themengruppe gefiel durch dahingleitende Läufe der Holzbläser mit zarter Streichermelodie. Ein melancholisches Gefühl durchströmte bei dieser interessanten Interpretation den zweiten Satz in b-Moll. Der Mittelteil berührte hier als reizvoller F-Dur-Kontrast. Und die achttaktige Achtelmelodie steigerte sich fulminant in Tempo und Lautstärke. Das Scherzo beschwor sehr suggestiv das Pizzicato der Streichinstrumente. Ben Gernon achtete dabei auf dynamische Ausgeglichenheit und formalen Reichtum. Und auf die wilde Jagd folgte das von Bläsern und Pauken facettenreich gestaltete Trio. Die Pikkoloflöte glänzte über dieser Szene. Im F-Dur-Finale brauste über einem Hörner-Ostinato wilder Jubel auf, der nicht zu bändigen war. Ben Gernon betonte als Dirigent das Zügellose und Wilde dieses eigentlich recht lärmenden Satzes, dessen Crescendo-Steigerungen er aber nicht allzu stark aufdrehte. Orgiastisch wirkte allerdings die Coda. Bassposaune, Tuba, Pauken, große Trommel, Triangel und Becken überfielen den Zuhörer hier mit unmittelbarer Kraftentfaltung. Glitzernde Visionen unterstrich Ben Gernon mit dem Staatsorchester Stuttgart sehr glaubwürdig. Der „unechten Pracht“ des Marsches gewann Gernon mit dem Staatsorchester große harmonische Vielstimmigkeit ab. Der bewundernswerte Reichtum an pathetischen Eingebungen gipfelte in Tschaikowskys Bonmot: „Und das Leben ist doch zu ertragen!“ Jubel, starker Schlussapplaus im Beethovensaal.

Alexander Walter

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