Der Neue Merker

STUTTGART/ Liederhalle: 3. SINFONIEORCHESTER des Staatsorchesters Stuttgart/ Thomas Sanderling/ Martin Stadtfeld

3.  Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart: SINGEN ÜBER WUNDEN. 12.2.2017

Der Pianist Martin Stadtfeld erwies sich beim 3. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart als ein Mozart-Spezialist, der insbesondere das Klavierkonzert Nr. 9 in Es-Dur „Jenamy“ zusammen mit dem Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Thomas Sanderling zu blühendem Leben weckte. Anklänge an Beethoven kamen trotz der sensiblen und durchsichtigen Musizierweise Stadtfelds auf, der die thematischen Beziehungen des Werkes präzis und einfühlsam herausarbeitete. Da gingen keine Details unter. Jugendliche Kraft und Feuer zeigten sich auch bei den reizvoll gestalteten Seitenthemen, die immer mehr zusammenwuchsen. Über dem fantasievollen Satz lag ein leiser Zauber, der sich langsam ausbreitete. Auch die „Zauberflöten“-Tonart war immer wieder zu spüren. Das Andantino kam verhalten und gedämpft daher, aber die Resignation überwog nicht. Leidenschaftlich wirkte zuletzt die Kadenz. Selbst im Presto-Rondo war der innere Aufruhr noch nicht ganz abgeklungen. Energisch drängte das Kopfthema vorwärts – und sogar die Zwischenspiele glühten in geheimnisvoller Weise auf. Ritterlicher Glanz erfüllte den menuettartigen Teil. Schatten und seltsame Getriebenheit machten sich immer wieder bemerbar. Auch bei Wolfgang Amadeus  Mozarts Klavierkonzert N. 1 in F-Dur war Martin Stadtfeld ganz in seinem Element, führte zusammen mit dem exzellenten Staatsorchester Stuttgart unter Sanderling die vielschichtige Harmonik zusammen – und auch die Flucht in entfernte Tonarten gelang hier ganz vorzüglich. Fern aller Kontrapunktik-Gelehrsamkeit kam das Schluss-Allegro atemlos-flott und mit Grandezza daher.

Höhepunkt dieses Sinfoniekonzerts war jedoch die deutsche Erstaufführung der Sinfonie Nr. 21 „Kaddish“ von Mieczyslaw Weinberg op. 152 aus dem Jahre 1991, die er den Opfern des Warschauer Ghettos widmete. Weinberg wird erst jetzt als Komponist wieder entdeckt, als Jude hatte er sowohl unter nationalsozialistischer Verfolgung als auch unter der Diktatur Stalins zu leiden, als er in die Sowjetunion floh. Das Werk ist stark von Schostakowitsch beeinflusst, was Thomas Sanderling mit dem Staatsorchester Stuttgart höchst eindringlich herausarbeitete. Diese Musik weitet sich ins Katastrophische, zuletzt erhebt sich eine Sopranstimme über Wunden, was Mandy Fredrich ausdrucksvoll gestaltete. Dieses Sopran-Solo fängt mit dem Vokal „A“ an, schlägt dann aber gegen Ende in ein kindliches „La la la“ um, das sehr schwierig zu interpretieren ist. Der Ausgangspunkt dürfte die Erinnerung an Weinbergs Schwester sein, eine Reminiszenz an die im Holocaust ermordeten Kinder. Ein dissonierender Choral erinnert sogar an Bach, Bruckner oder Wagners „Parsifal“. Die sechs Sätze gehen nahtlos ineinander über. Ein Klavier-Solo gemahnt an die erste Ballade von Frederic Chopin, der ja bei den Nazis auch verboten war. Ostinato-Akzente, Unisono-Abstürze von Bläsern und Streichern sowie Tremolo-Flirren der Streicher steigerten sich zu einer bewegenden Ekstase. Zuweilen kamen noch Morendo-Passagen hinzu, die die ersterbende Wirkungskraft unterstrichen. Klezmer- und Pizzicato-Passagen wurden ebenfalls facettenreich betont und unterstrichen die folkloristischen Effekte. Die Hörner-Episoden wirkten hier sehr transparent. Jüdische Folklore tritt hier sehr lebendig hervor. Kleinere kammermusikalische Intermezzi gipfelten im hymnischen Musizieren einer Klezmer-Kapelle. In erschütternder Weise zieht am Ende dieser Sinfonie Zurückliegendes wie in Erinnerungsbruchstücken nochmals vorüber – und das Grauen der Konzentrationslager wird in Staccato-Attacken und ungeheuren Paukenschlägen nicht verschwiegen. 1953 wurde Weinberg von den sowjetischen Kulturbehörden wegen „bourgeoisen jüdischem Nationalismus“ inhaftiert und erst nach Stalins Tod aus der Haft entlassen. Thomas Sanderling gelingt es, die Nähe dieser Partitur zu Schostakowitsch in berührender Weise zu betonen. Er war auch persönlich mit Schostakowitsch bekannt und leitete die deutsche Erstaufführung von dessen 13. und 14. Sinfonie. Ebenso engagiert setzt sich Sanderling für Weinberg ein, gründete 2015 die Internationale Weinberg Gesellschaft. Ovationen gab es für dieses ergreifende Konzert.   

Alexander Walther

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