Der Neue Merker

STUTTGART/ Liederhalle: 3. SINFONIEKONZERT DES STAATSORCHESTERS STUTTGART

3. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart am 11. Dezember 2017 in der Liederhalle/STUTTGART

GEWALTIGE DYNAMISCHE STEIGERUNGEN

„Die Kückomanie geht ihren regelrechten Gang bis zur – Lebenslänglichkeit“. Dieses Bonmot stammt nicht etwa von einem bösen Kritiker, sondern von Peter Joseph von Lindpaintner, dem Dirigenten der Württembergischen Hofkapelle, dessen Nachfolger Friedrich Wilhelm Kücken werden sollte und auf den er sehr eifersüchtig war. Als Komponist ist Kücken zweifellos eine Entdeckung, die Sylvain Cambreling auch bravourös bewältigte. Das Stuttgarter Staatsorchester musizierte bei Kückens Konzertouverüre op. 79 „Waldleben“ wie aus einem Guss und mit beglückenden dynamischen Steigerungen. Dem Wald soll hier ein klingendes Denkmal gesetzt werden – aber ganz anders, wie dies etwa Richard Wagner mit seinem „Waldweben“ im „Siegfried“ getan hat. Verzauberung beherrscht dieses mitreissende Stimmungsbild der ungestümen Natur. Der „Aufbruch zur Jagd“ wird durch erfrischende Hörnerrufe gekennzeichnet. Thematischer Reichtum und eine kühne Harmonik wurden von Cambreling und dem mit glühender Emphase musizierenden Staatsorchester Stuttgart einfühlsam und energisch zugleich betont.

Eine grandiose Entdeckung war dann „Lotus under the moonlight“ als „Hommage a Mozart“ (2006) des Japaners Toshio Hosokawa. Flüchtigkeit, Vergänglichkeit und zerbrechliche Schönheit schimmern hier in bemerkenswerter Weise durch. Und der begabte Pianist Nicolas Hodges interpretierte das Flirren, die Triller und vor allem die chromatischen Aufgänge mit eindringlicher Intensität, die sich stets steigerte. Sekundgänge und Tremolophrasen wechselten sich hier in einfühlsamer Weise ab. Eine wahrhaft magische Musik konnte sich so entfalten, die sich wie eine geheimnisvolle Lotosblume öffnete. Das Verschmelzen der Musik wirkte auch in den Oboen nach. Das tönende Schweigen der wunderbaren Natur wurde hier beschworen. Dann folgte „The Unanswered Question“ von Charles Ives für Trompete, Flötenquartett und Streicher aus den Jahren 1906/1930-35. Unregelmäßige Rhythmik, Polytonalität, Vierteltonmusik und Atonalität kennzeichneten dabei diese überaus feinnervige Wiedergabe mit verschwebend-intensiven Streicherklängen in G-Dur. Die Strukturen wurden klar betont. Und die atonalen Einwürfe des auf der Empore stehenden Trompeters wirkten zuweilen wie die mystischen Klangzeichen des Rufers in der Wüste. Auch die Passagen mit dem Flötenquartett beeindruckten die Zuhörer ebenfalls aufgrund ihres kontrapunktischen Reichtums. Diese Musik spielte und wirkte ganz im Raum wie in erregend-subtilen Echo-Effekten.

Zum Abschluss folgte dann in eigenwilligen Tempi und Rubato-Effekten die Sinfonie Nr. 9 in e-Moll „Aus der neuen Welt“ op. 95 von Antonin Dvorak. Nach einer kurzen und spannungsvoll musizierten Adagio-Einleitung konnte sich das naturfrische Hauptthema bei Sylvain Cambreling und dem Staatsorchester Stuttgart bestens entfalten. Beethovens Sonatenschema ließ grüßen. Den Hörnern folgten die Klarinetten mit erfrischend-ungestümer Transparenz, die nicht nachließ. Dreimal meldete sich der Gruß der Heimat mit Fortspinnungen und Umspielungen, deren Spannungskraft auch in den Flöten und Oboen nachwirkte. Die amerikanische Herkunft dieser Melodie war von slawischer Wehmut beherrscht. Frisch erklang das Thema dann in der munteren Flöte. Vor allem die Intonation der Bläser bestach insgesamt aufgrund ihrer Reinheit. Durchführung, Reprise und Coda besaßen jedenfalls eine klare Struktur. Die leisen Bläserakkorde des zweiten Largo-Satzes beeindruckte die Zuhörer ungemein. Die schwermütige Legende der indianischen Prärie prägte sich tief ein. In der Flötenmelodie offenbarte sich die Magie des Negro-Spirituals. Sehr robust wirkte die Wiedergabe des Scherzos, wobei die Trio-Episode einen gefühlvollen Gegensatz schuf. Das Englisch-Horn beschrieb die Largo-Melodie mit Intensität und Geschmeidigkeit. Das Holzbläserthema gemahnte sogar an Schubert. Leidenschaftlich erregt kam zuletzt das Finale daher, das an Tschaikowsky erinnerte. In den Klarinetten erklang zart die böhmische Heimatmelodie als zweites Thema. Melodien aller vier Sätze bot die Durchführung als Stimmen der Heimat und der „Neuen Welt“. Das Hauptthema des ersten Satzes erstrahlte in ungeheurer Pracht im glanzvollen Stil einer atemlosen Stretta. Gelegentlich hätte die Ausdruckskraft bei manchen Passagen auch noch stärker sein können.

Trotzdem: Es war eine feurige Wiedergabe mit präzisem klanglichen Zuschnitt und einer ganz eigenen Handschrift. Riesenapplaus.

Alexander Walther 

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