Der Neue Merker

STUTTGART/ Liederhalle: 2. SYMPHONIE von Gustav Mahler / Eschenbach/Karg/Romberger

KRAFTVOLLE LÄUFE UND AUSBRÜCHE

Gustav Mahlers zweite Sinfonie am 13. Juli 2017 im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle/STUTTGART

Unter der stets präzisen Leitung von Christoph Eschenbach erklang Gustav Mahlers zweite Sinfonie, die so genannte „Auferstehungssinfonie“, mit dem SWR Symphonieorchester, dem SWR Vokalensemble (Einstudierung: Peter Dijkstra) und dem fulminanten Chor des Bayerischen Rundfunks. Schon der erste Satz „Totenfeier“ besaß bei dieser konzentrierten Wiedergabe elektrisierende Wucht und Feuer. Die kraftvollen Anläufe im Bass wurden hier geradezu herausgeschleudert. Und das Tonsymbol des „Helden“ schuf dabei gewisse Assoziationen zur ersten Sinfonie Mahlers. Heroische Gebärden erweiterten sich machtvoll zum Themenkomplex, der feierliche Bläserklänge geradezu magisch beschwor. Das „Verklärungsthema“ von Richard Strauss ließ sogar grüßen. Auch der zweite Themenkomlpex mit seiner träumerischen Klarinettenweise entwickelte sich in erhabener Schönheit. Und mit furchtbarer Gewalt brach die Katastrophe unmittelbar herein: Ein wildes Kopfthema beschwor eine ausweglose Situation, bis sich die Coda mit erheblichen Themenabweichungen meldete. Als friedliches Naturidyll ergriff bei dieser Wiedergabe dann das Andante moderato die Zuhörer, wo die Innigkeit Schuberts immer wieder hervorblitzte. Zarte Kantilenen stiegen in lichte Sphären auf. Tänzerische Zwischenepisoden beherrschten das graziöse Menuett, dessen Melodien von vergangenem Glück berichteten. Das scherzoartige Rondo kreiste als dritter Satz im geheimnisvollen harmonischen Kosmos. Es ist ein Lied Mahlers aus „Des Knaben Wunderhorn“ mit dem Titel „Des Antonius von Padua Fischpredigt“.

Hintergründiger Humor war einer der Vorzüge dieser durchdachten Interpretation von Christoph Eschenbach. Ein hohler Zerrspiegel sprach aus diesen grellen Klängen, die das SWR Symphonieorchester ausgezeichnet einfing. Auch die Siegesfanfaren des Trioteils prägten sich tief ein. Bei „Urlicht“ überzeugte die zart-warme Altstimme von Gerhild Romberger: „O Röschen Rot! Der Mensch liegt in größter Not!“ Im Finale arbeitete Eschenbach die ungeheuren Gewalten des Jüngsten Gerichts grandios heraus. Der wütende Aufschrei des Entsetzens und des Ekels ließ in seiner dynamischen Wucht kaum nach. Auch mystisch verklärte Sphären waren von Glockenklang und Hornmelodien geheimnisvoll umhüllt. Hornrufe mahnten gespenstisch zur unheimlichen Gerichtsstunde. Das „Dies irae“-Motiv aus dem ersten Satz tauchte in magischer Weise wieder auf. Dieser dämonische Zug mit den fernen Hornrufen blieb sehr stark im Gedächtnis. Drohende Bläserrufe umgarnten das Schreien und Beben. Und unaufhaltsam wälzte sich der Totenzug rhythmisch vorwärts, getrieben von Entsetzen und Angst. Und die Choralmelodie steigerte unaufhörlich ihre Intensität. Plötzlich erfüllten feierliche Verklärungsklänge mit leisem Trost den Raum. Und die Rufe der Trompeten hallten in gewaltiger Weise durch das Auditorium. Vogelstimmen grüßten den „ewigen Morgen“. Und wie ein sphärenhafter Gesang ertönte der wunderbare Chor „Auferstehn, ja auferstehn wirst du, mein Staub, nach kurzer Ruh!“ Zwischen Choral und Volkslied erhob sich die Melodie mit dem „Verklärungsthema“ und strebte dem Orgel- und Glockenton zu. Auch Christiane Karg (Sopran) fügte sich in bewegendem hymnischem Wettstreit mit Gerhild Romberger in die immer hitzigere Thematik ein. Ihr Sopransolo „Hast nicht umsonst gelebt, gelitten!“ besaß erhebliche Leuchtkraft. Das düstere Marschthema zeigte beim Dirigat von Christoph Eschenbach eindringliche Größe. Und aus den Celli stieg dann eine sehnsuchtsvolle Melodie auf. Das mächtige Chor-Unisono „Sterben werde ich, um zu leben!“ ging bei dieser monumentalen und trotzdem durchsichtigen Interpretation unter die Haut. Riesenjubel.

Alexander Walther

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