Der Neue Merker

STUTTGART: LE NOZZE DI FIGARO – in neuer Besetzung. Musikalisch durchwachsen wie szenisch konfus

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Der neue Graf Ronan Collett mit Mandy Fredrich als Gräfin und Yuko Kakuta als neuer Susanna. Copyright: Martin Sigmund

Stuttgart: „LE NOZZE DI FIGARO“ 1.12.2017– Musikalisch durchwachsen wie szenisch konfus

Eine Mozart-Oper ganz in Ensemble-Hand – ideale Vorraussetzungen, zumal für eine so perfekte Komödie wie den „Tollen Tag“, wo wirklich alle Beteiligten an einem Strang ziehen müssen, um keine Löcher entstehen zu lassen. In Nigel Lowerys nun auch schon zum 70. Mal seit Juni 2001 über die Bühne gegangener Inszenierung mit eigener Ausstattung und Kostümen ist umso mehr Zusammenhalt gefragt als er ständig zwischen den Zeiten, zwischen Ancien régime und Gegenwart, zwischen dem Blick auf einen prachtvollen Schlossgarten und eine schäbige Hinterhof-Fassade pendelt, die Requisiten der einen Welt plötzlich in der anderen auftauchen und in der aktionsreichen Regie Geistreiches unmittelbar neben viel Klamauk steht. Mit einem neuen Dirigenten und drei tragenden Rollendebuts in dieser Aufführungsserie lohnte es durchaus sich diesem szenischen Zwiespalt noch einmal auszusetzen, um die finale Gartenszene mit schlussendlichem Feuer im Hintergrund als durchaus konzentriertes Signal der Revolution zu verstehen, wozu dann das gräfliche Paar von denen des bürgerlichen Standes ausgestoßen wird.

Es mutet manchmal schon an ein Wunder, welche Leistungen Sänger trotz eines Kampfes mit der Grippe zustande bringen. So auch die deshalb angesagte neue Susanna Yuko Kakuta. Keine Spur einer Beeinträchtigung, nicht einmal in der Rosenarie, wo Trübungen jeglicher Art sofort auffallen und die Stimme bereits ergiebig beansprucht war. Lediglich die Tongebung geriet anfangs ganz im Gegensatz zu ihrem engagierten spielerischen Einsatz etwas flach und dünn, doch befindet sich der höhenorientierte Sopran der sehr kleinen Japanerin genau im richtigen Entwicklungsstadium für diese Partie. Und unterscheidet sich darin auch passend zur Gräfin der üppigeren Fachkollegin Mandy Fredrich. Auch sie kämpfte mit denselben angekündigten gesundheitlichen Einschränkungen ganz ohne den Anschein einer zumindest phasenweisen Anstrengung wie in den beiden heiklen Arien. Reine Tonansätze, gleichmäßig strömender Tonfluss, allenfalls eine noch steigerbare dynamische Differenzierung – so die wesentlichen Eindrücke von ihrem fraulich geprägten Zwischenfachsopran mit Kraft und doch Leichtigkeit. Bei Cherubino muss schon sehr viel schief gehen, dass er nicht in der größten Publikumsgunst steht. Die aus dem Opernstudio nun erstmals damit betraute Kolumbianerin Fiorella Hincapié hat die besten Vorraussetzungen mit ihrem sympathischen, etwas burschikosen Wesen, unbedarft lockerem Spiel und einem in allen Lagen gleichmäßig charmant klingenden und sauber, allenfalls noch etwas mehr Mut zur Farbgebung wünschen lassenden Mezzosopran, das weitere Rollenfach erfolgreich zu erobern. Um noch bei den Damen zu bleiben: Maria Theresa Ullrich stattete die Marcellina wieder genüsslich mit ihrem saftigen Mezzosopran aus, der auch in der hier nicht gestrichenen Arie mit den Koloraturen einwandfrei zurecht kommt. Und mit der Irin Aoife Gibney als entzückend quirlige Barbarina präsentierte sich eine weitere Abgesandte des Opernstudios mit luftig frischem Sopran.

Ronan Collett ist aus dem Opernstudio hervorgegangen und hat sich in den letzten Spielzeiten zu einem patenten und stets angemessen eingesetzten Bariton entwickelt. Für den Grafen hat er jetzt die richtige vokale Potenz, sowohl Fülle als auch eine ausreichend fundierte Tiefe und für die Arie druckfreie Höhe erreicht. Das leicht spröde Timbre passt durchaus zum neurotischen Frauenhelden, so wie er ihn im Rahmen von Lowerys Regie zeigen kann. Als Mannsbild auf Augenhöhe begegnet ihm David Steffens als Figaro mit hellem und bereits ein schwereres Fach erahnen lassendem Bass, wobei trotz allgemein flexibler Führung die wenigen über die Mittellage hinausragenden Töne etwas rau geraten.

Neben den charakterlich treffenden und vokal rollendeckenden Stützen Roland Bracht als Bartolo, Henz Göhrig als Basilio (er hätte sich auch die Arie verdient) und Mark Munkittrick als Antonio fiel der neue, gleichfalls aus dem Opernstudio kommende Moritz Kallenberg als Don Curzio mit einer neben gekonntem Stottern in der Gerichtsszene in dieser Rolle selten gehörten, durchs Ensemble dringenden tenoralen Substanz auf.

Die beiden Szenen des Staatsopernchors brachten wie gewohnt den hohen vokal-spielerischen Deckungsgrad zum Vorschein. Das Staatsorchester Stuttgart hatte indes nicht seinen besten Abend, ob der diesmal etwas mangelnde Feinschliff in den Streichern und nicht immer ganz akkurat sitzende Bläser dem zwar schön klassisch durchgezogenen, aber in der Bewegtheit etwas ruppigen und fahrigen Dirigat von Uwe Sandner zuzuschreiben sind, lässt sich schlussendlich nicht klar definieren.

Udo Klebes

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