Der Neue Merker

STUTTGART: LA DAMNATION DE FAUST – in letzter Minute gerettet

Stuttgart: „LA DAMNATION DE FAUST“ 12.12. 2013– in letzter Minute gerettet

 Ana20Morel(c)Ruth_Kappus
Ideal besetzte Einspringerin als Marguerite – Anaik Morel. Copyright: Ruth Kappus

Wieder einmal konnte eine Aufführung nur stattfinden, weil innerhalb eines Tages ein Ersatz gefunden wurde, der dann laut Ankündigung – von Operndirektor Jossi Wieler persönlich – nur wenige Minuten vor Beginn im Theater eingetroffen war. Zum Glück hatte Anaik Morel, um die es hier geht, die Partie der Marguèrite schon häufig und in der letzten Saison auch in Stuttgart verkörpert, so dass sie mit der Inszenierung einigermaßen vertraut war. Den in der teils anfechtbaren, aber stets anregenden und sehr diskutablen Inszenierung von Hausregisseurin Andrea Moses auch im ersten Teil vorkommenden stummen Part der Rolle als Mephistos Business-Gehilfin übernahm in der Kürze der Zeit die Regieassistentin Verena Stoiber.

Die französische Mezzosopranistin darf mit ihrer aparten Erscheinung, natürlichem Spiel zwischen Selbstbewusstsein und Naivität und den bruchlos verblendeten Registern ihrer warm und samten timbrierten Stimme, die in der wehmütigen Romanze einen traumhaft harmonischen Dialog mit dem Englischhorn führt, als Idealfall für diese Rolle bezeichnet werden.

Die auch in den anderen Hauptrollen neu besetzte Aufführungsserie hatte in Matthias Klink  als Faust ein ebenfalls sehr überzeugendes Zentrum der Handlung. Trotz einer noch nicht ganz ausgestandenen Erkältung brachte er seinen breiter und kerniger gewordenen, lyrisch geprägten Tenor zu schöner, nuancierter, auch in den vertrackten Höhen gestützter Entfaltung. Nur beim Einsatz der voix mixte war hie und da eine leichte Anstrengung zu bemerken. Die Partie füllte er aber vor allem auch als hochbegabter Schauspieler aus, der die Zerrissenheit des ewig suchenden Gelehrten zwischen Schwärmerei und tiefen Zweifeln als hier zuletzt bildhaft inszenierter Spielball der Hölle mit fast beängstigender Intensität auslebt.

Simon Baileys Mephisto bleibt dagegen etwas mehr an der Oberfläche des süffisanten Drahtziehers und Showmasters und ließ das Dämonische, Abgründige, auch aufgrund seines voll und sicher ansprechenden, aber auf Dauer etwas monochrom eingesetzten und wenig dunklere Farben aufweisenden Bass-Baritons haften. Sein vorwiegendes Forte-Singen ließ so manche der von Berlioz erzielten Raffinessen in der Gesangslinie unterbelichtet. Gute Bühnenpräsenz und die vokale Durchschlagskraft sicherten ihm dennoch ein starkes Publikumsecho.

Die mit Mark Munkittrick als Brander deftig, aber vokal trocken ergänzte Aufführung wurde erneut von Kwamé Ryan mit viel Animo, aber auch viel Rücksichtnahme auf Feinheiten dirigiert, wobei im Spiel des Staatsorchesters Stuttgart im Lauf der Aufführungsserien seit gut zwei Jahren etwas vom Feinschliff verloren gegangen ist und die Instrumentationskünste des Komponisten nicht durchgängig zu ihrem vollen Recht kamen.

Größte Bewunderung gilt wiederum dem Staatsopern- samt Extrachor und Kinderchor in der Einstudierung von Johannes Knecht für eine Leistung, die die reichhaltigen musikalischen und szenischen Anforderungen immer wieder perfekt in Deckung bringt und mehrmals für Gänsehaut-Gefühle sorgt.         

Udo Klebes

Diese Seite drucken