Der Neue Merker

STUTTGART/ Kammertheater im Schauspiel: „HIDING PIECE“ von Hofmann & Lindholm

STUTTGART/ Kammertheater: „HIDING PIECE“ von Hofmann & Lindholm im Kammertheater (Schauspiel) Stuttgart am 12.2.2017

DER RAUM VERÄNDERT SICH

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Copyright: Hofmann

 Das Künstlerkollektiv Hofmann & Lindholm öffnet hier den Raum für das Verschwinden. Das Publikum darf dabei taktisch in Deckung gehen und im Rahmen eines Settings, das überwiegend aus Schränken besteht, verschwinden und untertauchen. Warum das Werk allerdings als „Tanzstück“ bezeichnet wird, ist schleierhaft, denn das Publikum und die Protagonisten des Konzepts reagieren und bewegen sich nur aufgrund eines Signaltons, um sich hinter oder in den Gegenständen zu verstecken und dann wieder herauszutreten. Allerdings verändert sich ganz allmählich und geheimnisvoll der Raum. Das ist dann ein recht spannender Entwicklungsprozess (Performance: Lara Pietjou, Jan Rohwedder; Raum: Tommy Garvie). Die Schränke stehen auf einmal schief, ein Schrank hängt an einem Seil. Man denkt hier auch immer wieder an Siegfrieds Tarnkappe. Es ist wichtig, dass man sich bei diesem seltsamen visuellen Prozess einfach unsichtbar macht und die Position des stillen Beobachters einnimmt. Manchmal erklingt leise Musik – zum Beispiel „Le Sacre du Printemps“ von Strawinsky. Der Raum voller Schränke wird so plötzlich lebendig – und man erkennt gar nicht mehr, wie viele Menschen sich eigentlich im Raum befinden. Das akustische Signal zeigt nur an, wann ein Positionswechsel möglich ist. In einer Vitrine befinden sich Gegenstände, die immer wieder herausgenommen oder verändert werden. Im Hintergrund sieht man auch ein Bett oder einen Küchentisch. Zwei Performer verändern das Setting hier immer deutlicher. Die Bühne mutiert so allmählich zu einem Ort des Verschwindens.

Hofmann & Lindholm haben die Absicht, dieses Stück als Tanzstück, begehbare Installation, durational performance, Bewegungsstudie oder auch als Intuitionsübung und Verhaltenstraining für den Ernstfall erlebbar zu machen. Die Zuflucht im toten Winkel ist aufgrund aktueller Ereignisse von großer Bedeutung – dies ist die Kernaussage dieses „Tanzstücks“. Während die Schränke auf einmal schief stehen, nimmt man „Begleiterscheinungen“ wahr: „26 Stunden in embryonaler Körperhaltung“. Auch Assoziationen zur Kunstgeschichte werden geweckt – etwa durch „Das schlafende Mädchen“ von Vermeer. In der kleinen Vitrine stehen Gegenstände mit „Bildunterschrift“ – etwa „sorgfältig aufgerichtete Blumenkübel mit Befund“ oder „Garage vor dem Eintreffen von Journalisten“. Der Betrachter muss sich einem komplizierten Denkprozess unterziehen, der sich unaufhörlich fortsetzt. Die Zeit steht nicht mehr still. Die Vitrine wird zum Zentrum dieses Ortes der Veränderung. So geht es um Touristen, die sich noch Stunden nach der Befreiung der Geiseln versteckt halten – oder man wird mit einer doppelten Buchführung konfrontiert. Sprunghafte Gedankenfetzen halten den Zuschauer und Aktionisten in Atem.

Dieses Gastspiel „hiding piece“ bildet den Auftakt zu dem sich über zwei Spielzeiten erstreckenden Projekt „Res Publica“. Es wird unterstützt vom Fond Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes. Hannah Hofmann und Sven Lindholm studierten am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft. Es geht ihnen vor allem um die künstlerische Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen. Gleichzeitig vermittelt diese ungewöhnliche Produktion aber auch das elektrisierende Gefühle einer Bühnengemeinschaft, die sich immer mehr zusammenfügt und ergänzt. Fast scheint man ein Mosaik wahrzunehmen, dessen Einzelteile wiederholt auftauchen oder sich ganz einfach selbstständig machen (technische Leitung: Benjamin zur Heide; Produktionsassistenz: Milena Cairo). Hinzu kommt noch, dass das Publikum frei wählen kann, wann es das Theater verlässt. Der Zuschauer besitzt in diesem Augenblick also eine gewisse Macht über das Theater, die er sonst nicht hat. Man entgeht so der Gefahr, unfreiwillig eingesperrt zu werden und alles über sich ergehen lassen zu müssen. Die Philosophie der Freiheit nimmt hier eine ganz neue Dimension an. Vielleicht ist es das Theater der Zukunft?

Alexander Walther

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