Der Neue Merker

STUTTGART/ Kammertheater: GLÜCKLICHE TAGE von Samuel Beckett. Zwischen Himmel und Erde. Premiere

STUTTGART/ KAMMERTHEATER: GLÜCKLICHE TAGE von Samuel Beckett. Premiere am 3.3.2017

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE

44670_gluecklichetage_foto_conny_mirbach
Peer Oscar Musinowski, Franziska Walser. Copyright: Conny Mirbach

 „Findet mich das Glück?“ Diese wichtige Frage stellt sich das Ehepaar Winnie und Willie nicht ohne Intensität. Denn dieses über „Glückliche Tage“ nachsinnende Paar befindet sich in einer besonderen Situation. Winnie, die Frau, ist von Beginn an bis zur Brust eingegraben. Sie kann zwar Arme und Schultern bewegen, ist aber an ihren Platz gebunden. Ihr Partner Willie ist nur selten zu sehen und spricht spärlich. Armin Petras inszeniert diesen Untergang des Paares auf einer riesigen Müllhalde, die sich ständig durch herunterfallende Utensilien vergrößert. Winnie kämmt sich die Haare und putzt sich die Zähne: „Keine Besserung, keine Verschlimmerung, keine Veränderung, keine Schmerzen.“ Petras vermeidet als Regisseur glücklicherweise Monotonie, indem er die Handlung zwischen Himmel und Erde ansiedelt. Hinter einem gewaltigen Gebirgsmassiv funkeln unzählige Sterne, es kommt immer wieder zu gewaltigen Explosionen. Sogar Klänge aus Franz Lehars Operette „Die lustige Witwe“ sind zu hören. Eine riesige Hand nimmt die funkelnde Sonne einfach mit, drumherum kreisen Planeten. Das wirkt surrealistisch. „Glaubst du, dass die Erde ihre Atmosphäre verloren hat?“ fragt die Frau den Mann, der keine Antwort darauf weiß.

Zwischen ägyptischen Pyramiden und Gewitterblitzen balanciert dieses seltsame Paar am Rand des Schweigens und sinniert über die vermeintlich glücklichen Tage nach. Franziska Walser als Winnie und Peer Oscar Musinowski als Willie sind im großdimensionalen Bühnenbild von Kathrin Frosch und in den Kostümen von Cinzia Fossati Übriggebliebene und tragisch-komische Figuren, die sich oftmals selbst im Weg stehen. Aber sie haben auch keine Angst vor dem drohenden Vulkanausbruch. Ihr Spiel ist überzeugend und transparent, der Zuschauer wird nicht überfordert, kann die einzelnen Szenen nachvollziehen. Winnies Hoffnungsblitze sind bemerkenswert: „Oh, dies ist ein glücklicher Tag, dies wird ein glücklicher Tag gewesen sein…Trotz allem„.

44666_gluecklichetage_foto_conny_mirbach_honorarfrei
Franziska Walser. Copyright: Conny Mirbach

Auch wenn Armin Petras als Regisseur nicht jede Szene mit gleicher Akribie im Blick und Griff hat, gelingen ihm dennoch eindringliche Bilder, mit denen sich das Publikum indentifizieren kann. Diabolische Ironie und schwarzer Humor kommen bei dieser weitgehend spannungsvollen Inszenierung von Armin Petras nicht zu kurz, die beiden Darsteller können sich gut aufeinander einstellen. Aber Willie erscheint auch als gespenstischer Homunkulus mit einem Fötus im Reagenzglas. Da wird dann das Groteske und Absurde auf die Spitze getrieben. Winnie vertreibt die Zeit, wenn sie redet. Dies lässt Franziska Walser ausgezeichnet deutlich werden. Willie hört sie nicht, aber er berührt sie dennoch durch seine geheimnisvolle Präsenz. „Was ist eigentlich ein glücklicher Tag?“ lautet die rhetorische Frage. Das Paar kommt sich immer wieder näher, stößt sich aber gleichzeitig ab. Es ist zuweilen sogar ein skurriles Katz- und Maus-Spiel. Aber es gibt mehr Hoffnung wie in Becketts „Endspiel“. Das machen auch die Video-Einblendungen von Rebecca Riedel deutlich. Die körperlichen Bewegungen des Paares funktionieren trotz allem noch. Sie kämpfen gegen den Stillstand der Zeit, die Unveränderbarkeit der Situation. Winnie und Willie erscheinen hier als Nihilisten, obwohl sie es nicht sind, weil sie an eine übergeordnete Macht glauben. Insbesondere Franziska Walser lässt dies selbst hinter ihrer weißen Maske deutlich werden. Gelegentlich wünscht man sich als Zuschauer sogar noch eine deutlichere Annäherung der beiden Figuren, aber Beckett lässt das ja eigentlich gar nicht zu. „Bete dein altes Gebet, Willie!“ fordert sie ihren Mann auf, der gar nicht mehr reagiert und nur noch schreiend im Schlamm versinkt.

Und dennoch vermag diese Inszenierung eine seltsame Poesie auszustrahlen, die diesem tristen Stück eine etwas harmonischere Note gibt. Das „Warten auf Godot“ findet im Universum statt, das für Menschen unergründlich ist. Hier blickt Armin Petras über die gewohnte Sichtweise hinaus.

Starker Schlussapplaus.

Alexander Walther

Diese Seite drucken