Der Neue Merker

STUTTGART: HÄNSEL UND GRETEL – Hoffung für die Lebkuchen-Erlösung. Premiere

Premiere „Hänsel und Gretel“ in der Staatsoper Stuttgart
HOFFNUNG FÜR DIE LEBKUCHEN-ERLÖSUNG
Premiere „Hänsel und Gretel“ von Engelbert Humperdinck am 22. Oktober 2017 in der Staatsoper/STUTTGART

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Copyright: Thomas Aurin

Seit dem 23. August steht der Regisseur Kirill Serebrennikov in Moskau unter Hausarrest. Ihm wurde zugleich ein Kommunikationsverbot auferlegt. Der Vorwurf lautet, dass er staatliche Fördergelder unterschlagen habe. Und diese Anklage ist nicht die erste Behinderung durch russische Behörden.

Das hat natürlich fatale Folgen für die Stuttgarter Premiere von Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“, die Siegfried Wagner als wichtigste Oper seit Richard Wagners „Parsifal“ bezeichnete. Sie hat wohl auch sein Opernschaffen beeinflusst. Diese Stuttgarter Inszenierung ist nun ein Gemeinschaftswerk des gesamten Teams geworden. Der Regisseur taucht auf dem Programmheft nicht namentlich auf, nur bei der Filmregie wird er genannt (Kamera: Denis Klebleev; Schnitt und Video: Ilya Shagalov). Der Hunger zehrt hier deutlich an einer Familie und die Kinder werden fortgeschickt. Diese konzertante Stuttgarter Aufführung öffnet neue Perspektiven. Serebrennikov lässt die Geschichte in Afrika spielen. Er drehte die Story mit zwei Kindern aus Ruanda. Serebrennikov selbst spricht von einem guten Ende in Afrika. Es werden allerdings keine Klischeebilder gezeigt. Man sieht drastisch den ruandischen Alltag mit hungernden Kindern. Schließlich versteckt sich die Hexe hinter der Stuttgarter Konsumwelt: „Knusper-knusper-knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?“ Man nimmt plötzlich die Kinder aus Ruanda auf der Stuttgarter Königstraße wahr. Die Überwindung der Hexe stellt hier eine große Herausforderung dar, auch wenn sie im Film gar nicht vorkommt. Es spielt sich dann alles auf der Bühne ab. Das wird  monumental gelöst. Wenn sich die Hexe auf den Besen schwingt, sieht man im Hintergrund ein gewaltiges Feuer und deutlichen Rauch. Zuletzt werden die verzauberten Kinder durch den Tod der Hexe plötzlich befreit. Die T-Shirts mit der Aufschrift „Free Kirill“ prägen sich ein.

Das Staatsorchester Stuttgart hat unter der impulsiven Leitung von Georg Fritzsch auf der Bühne Platz genommen und musiziert immer wieder mit fieberhaft-glühendem Eifer. Einflüsse Webers, Mendelssohns, Lortzings und Marschners werden minuziös und einfühlsam herausgearbeitet. Das musikalische Geschehen dominiert eindeutig an diesem denkwürdigen Abend, bei dem auch die Sänger eine herausragende Leistung zeigen. Vor allem die Streicher musizieren wie aus einem Guss. Allerdings verlaufen Film und musikalischer Ablauf weitgehend asynchron. Das ist zuweilen problematisch. Die Feen, der Wald und die Echo-Stimmen machen sich selbstständig. Und die Hexenfahrt erscheint hier tatsächlich als eine verkleinerte Version von Wagners Walkürenritt. Es ist eben nur das Fragment einer Inszenierung. Überhaupt betont Fritzsch die Leitmotivtechnik des Werkes in ausgezeichneter Weise. Die Lieder des Sandmanns und des Taumännchens glänzen in poetischer Schönheit, die sich leidenschaftlich steigert.

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Daniel Kluge (Knusperhexe). Copyright: Thomas Aurin

Hier überzeugt Adife Gibney in diesen beiden Rollen. Und dabei können auch Michael Ebbecke als fulminanter Besenbinder Peter und Irmgard Vilsmaier als sein Weib Gertrud mit voluminöser Strahlkraft einsteigen. Diana Haller als Hänsel und Esther Dierkes als Gretel gelingt es, ihren Rollen ein eindringliches und voluminöses Profil zu geben. Gretels „Ein Männlein steht im Walde“ am Anfang des zweiten Bildes überzeugt aufgrund der gesanglich berührenden Darstellung von Esther Dierkes. Die volksliedhaften Elemente der Musik werden von Georg Fritzsch mit viel Akribie herausgearbeitet. Da bleibt nichts dem Zufall überlassen, es wird überaus profiliert musiziert. Auch das laut Richard Strauss „verteufelt schwere Hänselchen“ gestaltet Diana Haller mit berührender Emphase und Nonchalance. Georg Fritzsch wählt zügige und nicht getragen-langsame Tempi. Die dramatische Spannung geht so nicht verloren. Beim „Knusperwalzer“ gehen Orchester und Dirigent ganz aus sich heraus. Auch der Holzbläsersatz am Ende der ersten Szene im zweiten Bild vor dem Auftritt des Sandmanns erreicht ebenfalls eine ungeahnte Intensität und Farbigkeit. Als kreischende Knusperhexe mit einer enormen Klangfarbenpalette agiert Daniel Kluge, der den Kindern einen wahren Schrecken einjagt. Bei der Suche nach der Knusperhexe werden plötzlich vom Kamerateam Bilder aus dem Publikum eingeblendet, da kommt leise Ironie auf (Dramaturgie und Filmdramaturgie: Ann-Christine Mecke). Hänsel und Gretel klingen hier als Mezzosopran und Sopran oftmals wie Oktavian und Sophie, da meldet sich zuweilen sogar Straussscher „Rosenkavalier“-Zauber. Die Darsteller im Film sind Ariane Gatesi (Gretel), David Niyomugabo (Hänsel), Isaie Karinda (Vater), Chantal Kayizerwa (Mutter), Jean Paul Nduwayezu (Sandmann), Hope Azeda (Taumännchen), Celestin Nyagatare (Männlein im Walde), Emanuel Habumuremyi (Inanga-Musiker) und Rose Murekatete (Barfrau). Hier imponiert vor allem das Crescendo der grandiosen Schluss-Steigerung, wo sich alle dynamischen und thematischen Kräfte nochmals in bewegender Weise vereinen. Kreative Impulse springen hier durchaus auf das Publikum über. Die Balance zwischen den betont jugendlichen Stimmen und dem spätromantischen Orchester glückt aber in jedem Fall vortrefflich.

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Copyright: Thomas Aurin

Fritzsch gelingt es als Dirigent immer wieder, Humperdincks ungewöhnliches melodisches Empfinden zu verdeutlichen, das sich vor allem gegen Ende zu markanter Schwungkraft steigert. Zartheit und Feingliedrigkeit unterstreichen den harmonischen Zauber bei dieser Interpretation, die sich auf die Gesangsstimmen übertragen. So gelingen die Kantilenen und Arabesken in märchenhaftem Glanz. Der von Christoph Heil glänzend einstudierte Kinderchor kann sich gut in die Ensemblearbeit einfügen. Das Fragmentarische an dieser Regiearbeit berührt den Zuschauer trotz des torsohaften Charakters sehr direkt. Dirigent und Sänger sind Teil dieses unterbrochenen Projekts. Die Trauer um den Regisseur wird hier zum politischen Statement auf offener Bühne: „Er wurde eingesperrt“. Die Interpreten trauern um verlorene Chancen, äussern aber gleichzeitig ihre Hoffnung auf eine Wendung der Ereignisse. Die Lebkuchen-Erlösung wird herbeigesehnt. Dieser Funke sprang auch auf das Publikum über, das das gesamte Ensemble stürmisch feierte (Produzent: Mark Szilagyi).

Alexander Walther

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