Der Neue Merker

STUTTGART: HÄNSEL UND GRETEL – ein zwiespältiger Kompromiss

Stuttgart

„HÄNSEL UND GRETEL“ 26.10. 2017 (Pr.22.10.2017) – ein zwiespältiger Kompromiss

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Copyright: Thomas Aurin

Nach der Absage der Uraufführung von „Kafka“ durch das Stuttgarter Ballett zum Ende der vergangenen Spielzeit hätte es sich die Oper Stuttgart kaum leisten können, innerhalb so kurzer Zeit auch eine ihrer Premieren abzusagen, wenn auch aus völlig anderen Gründen. Jedenfalls wurde der mit einer sehr wagemutigen Deutung von Strauss „Salome“ in der Saison 2015/16 in Stuttgart eingeführte Regisseur Kirill Serebrennikov im August in Moskau in Haft genommen und unterliegt seitdem von seinem Anwalt abgesehen einem totalen Kommunikationsverbot. Die anfängliche Hoffnung seiner Freisetzung schwand bald und stellte das Haus vor die schwierige Aufgabe Humperdincks Märchenoper ohne seine Regie führende Hand auf die Bühne zu bringen.

Ein bereits im April mit einem Stuttgarter Team in Ruanda gedrehter Film sowie eine darüber entstandene Dokumentation durch die Filmakademie Baden-Württemberg boten letztlich die Grundlage, das Werk überhaupt in einer zumindest reduzierten szenischen Form zu realisieren. In diesem Film werden zwei ruandische Kinder und ihre Eltern aus ärmlichen Verhältnissen in ihrem Alltag gezeigt, wobei die Vorgänge passende Assoziationen zur Opernhandlung herstellen und bemerkenswert gut auf die Musik abgestimmt sind. Während ihres nächtlichen Traums werden sie in unsere westliche Konsumwelt transferiert, ein Werk der Hexe, die letztlich mit der Anpreisung ihrer süßen Leckereien (Lebkuchen gibt es hier allerdings keine, stattdessen werden sie als Beigabe des Sponsors BW-Bank Stuttgart beim Verlassen des Opernhauses ausgeteilt) für unsere luxuriösen Verhältnisse steht. Genauer gesagt wurden die beiden nach Stuttgart geflogen und dort mit ihrem echten Erstaunen über diese völlig andere Welt bei der Ankunft am Flughafen, bei ihrer Entdeckungstour in der Königstraße bis hin zum Betreten des feierlichen Opernhauses mit der Kamera eingefangen. „Ein Märchen von Hoffnung und Not erzählt von Kirill Serebrennikov“ sowie die Ergänzung „ Ein Musiktheater gestaltet vom Ensemble der Oper Stuttgart“ lautet denn auch die Werkbezeichnung dieses ungewöhnlichen Projektes, das von Ann-Christine Mecke dramaturgisch betreut wurde. Besagter Film füllt einen Großteil der Opernspieldauer aus, während das Orchester auf der Bühne sitzt und die Sänger auf der Vorderbühne zunächst selbst als Zuschauer des Films fungieren und nach dem Vorspiel so weit in ihre Rollen schlüpfen, dass sie ihre Aktionen andeuten und kommentieren, so als ob sie die Geschichte Kindern erzählen würden. Und weil ihnen dies so engagiert und überzeugend gelingt, ist ihre heutige Alltags-Gewandung, hauptsächlich Trainings-Klamotten, schnell vergessen. Nur der Hexe in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen fehlt samt ihrer grenzwertigen musikalischen Interpretation die entscheidende Glaubwürdigkeit. Doch dazu später.

Da Serebrennikov zu einem späteren Zeitpunkt die Gelegenheit erhalten soll, seine Inszenierung dort fortzusetzen, wo sie durch seine Inhaftierung unterbrochen wurde, durfte kein anderer stellvertretend für ihn agieren. Die vorläufige Präsentationsform konnte sich also lediglich auf die zuvor entstandenen Materialien, die beiden genannten visuellen Arbeiten  sowie den starken Impuls des Regisseurs stützen und wurde vom gesamten Ensemble umgesetzt. Und das ist allemal noch besser als eine rein konzertante Wiedergabe.

Auch wenn jedoch die unter dem Vorwurf der Veruntreuung von Steuergeldern für künstlerische Zwecke erfolgte Festsetzung Serebrennikovs als Frage einer einschränkenden Freiheit der Kunst zum Politikum und damit branchenübergreifend bekannt geworden ist, und die Stuttgarter Oper zur Würdigung des Regisseurs verschiedener Sparten in einer Retrospektive als Rahmenprogramm einige seiner Arbeiten präsentiert, darf nicht er, sondern nur das gespielte Werk im Mittelpunkt stehen. Und das tut es in dieser Form leider nicht immer, weil der erzählende Film als visuelles Beiwerk  manchmal deutlich über das Live-Geschehen und die musikalische Wiedergabe dominiert. Phasenweise ergeben sich indes durchaus spannende und berührende Gemeinsamkeiten, vor allem wenn sich in den Gesichtern der beiden ruandischen Kinder die Ängste, aber auch Hoffnungen von Hänsel und Gretel spiegeln oder sie das süße Paradies in den Stuttgarter Geschäften leuchtend in sich aufsaugen. Mit der Erlösung der Kinder endet der Film, das Finale gehört dann wirklich dem Live-Ensemble samt dem großen in Weiß auftretenden Kinderchor der Staatsoper (einheitlich präzise vorbereitet von Christoph Heil), deren swingende Bewegungen als Zeichen ihrer wieder gewonnenen Freiheit auch von den Eltern Besitz ergreift. Das ist eine sehr gelungene Übersetzung der musikalischen Stimmung mit ihrem hymnischen, auch Gottes Lenkung preisenden Ausklang. Dazu wird das Publikum im Saal auf der Leinwand per Kamera eingeblendet, zuletzt wird sie auf die Sternenkuppeldecke des Opernhauses gerichtet. Dieser fast magisch strahlende Abschluss brachte das zwiespältige Projekt zu einem versöhnlichen Ende.

Jetzt aber zu den Hauptakteuren, die letztlich mehr im Mittelpunkt standen als die im Vorfeld umfangreich gewürdigten situationsbedingten Umstände der Aufführung. Generell muss dazu festgehalten werden, dass deren Platzierung vor dem Orchester ihre vokale Durchsetzungskraft begünstigte und dank ausnahmslos  präziser Artikulation mehr, d.h. sogar fast alles vom Text verstehen ließ, wo das groß besetzte Orchester und die teilweise dichte Instrumentation das Gesangliche meist in Bedrängnis bringen.

Josefin Feiler, die Alternativbesetzung der Gretel, stellte sich nach ihrer Übernahme aus dem Opernstudio mit einem glänzenden Debut vor: klar und sicher der Tonansatz ihres hellen Soprans, dessen Durchschlagskraft in den strahlenden Höhen fast schon in eine jugendlich-dramatische Zukunft weisen, und dabei trotzdem schlank bleiben. Kindliche Naivität und sich zunehmen durchsetzende Forschheit bestimmten ihr Spiel ebenso wie dasjenige ihres Brüderleins Hänsel. Diana Haller, inzwischen gestandene Größe im Belcanto-Fach, wusste ihre darin gefragte virtuose Ader geschickt auf die Bedürfnisse dieser ganz anders gearteten Rolle umzumünzen, indem sie mit ihrem prononciert gefestigten Mezzosopran die hauptsächlich gefragte Mittellage mit viel Wärme und lebhafter sprachlicher Gestaltung prachtvoll zur Geltung kommen lässt.

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Daniel Kluge (Knusperhexe). Copyright: Thomas Aurin

Mit hochdramatisch gestähltem, aber nicht zu dick geführtem, tiefensattem wie in den Höhen rund sitzendem Sopran brachte Irmgard Vilsmaier die Mutter präsenter zur Geltung als sonst. Das gilt auch für den noch immer recht jugendlich wirkenden Michael Ebbecke als Vater, dessen kräftiger Bariton im Überschwang in den Höhen diesmal leider zum Forcieren neigte. Warum die Eltern auch als maskierte Gehilfen der Hexe fungieren, erschloss sich nicht. Diese, im Gegensatz zur letzten Produktion männlich besetzt, wird von Daniel Kluge mit festem Charaktertenor manchmal etwas zu schrill ins Weibische überspitzt, was dann eher lächerlich als faszinierend bedrohlich wirkt. Der spielerische Einsatz u.a. mit einem als Rockgitarre imitatorisch eingesetzten Besen verhilft natürlich zum größten Publikumserfolg.

Aoife Gibney aus dem Opernstudio erfüllte das Sand- und Taumännchen mit leuchtend frischem Sopran.

Der Kieler Generalmusikdirektor Georg Fritzsch leitete das Staatsorchester Stuttgart mit klar führender Hand durch die zwischen schlichter Volksmusik und motivartig verwobener aufrauschender Symphonik große Kontraste aufbauende Partitur. Dank bestens disponierter Hörner wurden diese romantisch atmosphärischen Phasen ins schönste Licht gerückt und als Ausgleich zu dem auf Dauer doch ablenkenden Film zu einem Hörgenuss, für den den Musikern und dem Dirigenten mehr Begeisterung zuteil wurde als bei ihrer gewöhnlichen Positionierung im Graben.

Bei allem Jubel, der letztlich dem ganzen Ensemble verdient entgegen brandete, bleiben doch aus den erwähnten Gründen auch Zweifel zurück, ob das Werk in seiner stilistischen Ausprägung so ins stimmige Licht gerückt wurde. Es bleibt aber auch die Spannung, wie die eigentliche Inszenierung des Regisseurs einmal aussehen wird. Ob er aufgrund des bevor stehenden Direktionswechsels überhaupt die Gelegenheit dazu bekommen wird?

Udo Klebes

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