Der Neue Merker

STUTTGART: Gastspiel Tokyo-Ballett mit LA BAYADERE. Ungewohnte Kost aus einer anderen Welt

Stuttgart

Gastspiel des Tokyo Ballett mit

„LA BAYADERE“ 7.4. 2017-  Ungewohnte Kost aus einer anderen Welt

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Mizuka Uneo als verzweifelte Nikija vor ihrem Tod. Copyright: Ulrich Beuttenmüller

In Stuttgart harrt der Marius Petipa-Klassiker mit dem exotischen Sujet immer noch seiner Repertoire-Einführung. Wie gut, dass das nach wenigen Jahren abermals hier gastierende Tokyo Ballett statt des ursprünglich vorgesehenen „Schwanensee“ nun wenigstens die verspätete Stuttgarter Erstaufführung ermöglichte. Die Aufführungs-Geschichte des Werkes ist verwirrend, weil die zahlreichen Veränderungen und neuen Fassungen seit der Uraufführung 1877 in St.Petersburg letztlich verschleiern, was nun als wirklich original bezeichnet werden darf. Neben Rudolf Nurejew, der das Ballett 1963 in London erstmals im Westen und 1992 abermals in Paris heraus brachte, trug vor allem die 1980 beim American Ballet Theatre von Natalia Makarova erstellte und ins Repertoire einiger großer Compagnien übernommene Neufassung zur weltweiten Verbreitung bei. Diese letztlich unumgehbar auch auf Petipa fußende Choreographie präsentierte nun das Ensemble aus Tokyo an drei aufeinander folgenden Abenden im Opernhaus.

Die wesentlichen Merkmale von Makarovas Werkeinrichtung sind dramaturgische Straffungen, die Rekonstruktion des lange Zeit weggelassenen letzten Aktes nach dem Schattenreich sowie ein neues Arrangement und eine neue Instrumentierung der Musik von Léon Minkus durch John Lanchberry.

Die Handlung ist schnell erzählt: Die Tempeltänzerin Nikija und der Krieger Solor sind ein heimliches Liebespaar, dessen Stelldicheine der Fakir-Anführer Magdawaja arrangiert. Solor soll jedoch für seine Verdienste mit Gamsatti, der Tochter des Radschas verheiratet werden. Von deren Schönheit fühlt er sich magisch angezogen, kann jedoch Nikija nicht vergessen. Der Großbrahmane macht Niikija ebenfalls Anträge, wird jedoch von ihr mit Anspielung auf seine göttliche Funktion zurück gewiesen. Als er ihrer Verbindung mit Solor auf die Spur kommt, setzt er den Radscha darüber in Kenntnis und verlangt Solors Tod. Dieser wie auch seine Tochter, die versucht Nikija mit Juwelen zu erpressen und von ihr daraufhin attackiert wird, beschließen jedoch den Tod der Tempeltänzerin. Eine in einem angeblich von Solor geschickten Blumenkorb versteckte Giftschlange befördert sie ins Jenseits, nachdem sie das vom Großbrahmanen angebotene Gegengift ausgeschlagen hat.

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Perfekter Ensemble-Reigen im Schattenreich. Copyright: Ulrich Beuttenmüller

Solor verfällt in seiner Verzweiflung dem Opium-Konsum und halluziniert Nikija als Vision im Königreich der Schatten. Während der Heirats-Zeremonie taucht abermals ein Blumenkorb auf, der in Gamsatti Schuldgefühle aufflammen lässt. Als Solor im letzten Moment das Ja-Wort verweigert, entfachen die erzürnten Götter ein Erdbeben, der den Tempel zum Einsturz bringt und alle unter den Trümmern der hier auf einem Zwischenvorhang täuschend echt projiziert herunterfallenden Steinbrocken begräbt. Nur Nikija und Solor werden als Seelen in ewiger Liebe vereint.

Die ins buddhistische Indien entführende Geschichte verlangt weniger nach historischer Authenzität als nach genereller fernöstlicher Metaphorik. Ohne Lokal-Kolorit würde das Stück jedoch seine verlockenden Reize verlieren. Der Blick auf die üppig prospektierte Bühne (Pier Luigi Samaritani) mit den wechselnden Innen- und Außenszenen sowie die teils reich ornamentierten Kostüme in durchweg satten, aber geschmackvoll arrangierten Farben (Yolanda Sonnabend) bedarf zunächst der Gewöhnung. Der ganz spartanisch mit Licht (Takashi Kitamura) und einem zart im Dunkel angedeuteten blühenden Riesenzweig, hinter dem die Schatten zu ihrem berühmt gewordenen Reigen auf einer Rampe nach unten gleiten, gezauberte weiße Akt des Werkes ist von umso erhebenderer Kontrastwirkung.

Ungewohnt ist freilich auch die der Erzählung der Vorgänge dienende leicht pathetische Gebärdensprache, während der Tanz für die schmückenden Divertissements von Feuer-Beschwörung, Verlobungs-und Hochzeitsfeier sowie dem nächtlichen Schattenakt bestimmt ist. Ihre Berechtigung offenbart sich jedoch in der Geschlossenheit als Gesamtkunstwerk einer dem 19. Jahrhundert verpflichteten Tradition wie auch in der künstlerisch hochwertigen, stilistisch einfühlsamen Präsentation durch die Tokyoter Tänzer.

Allen voran die einerseits zart und feingliedrig ihre Bahnen ziehende und andererseits in den entscheidenden Momenten Kraft und Haltung demonstrierende Mizuka Ueno als Nikija. Im Leben setzt sie ganz klare entschiedene Akzente und besticht mit ausgeprägter musikalischer Verve, im Schattenreich führt sie den Reigen der 24 allesamt durchweg synchron ihre unendlichen Arabesques penchées zelebrierenden Gefährtinnen mit Grazie und schwebender Spitze an. Akimi Denda ist als Gamsatti eine Kontrahentin von etwas herber Schönheit und hinreichender Verführungskraft, gepaart mit akkurater Linie und gleichmäßig gestreckten Sprüngen. Makarova hatte ihre Rolle durch ein Solo und ein Pas d’action im wieder eingefügten letzten Akt ausgleichend aufgewertet. Zwischen diesen beiden gegensätzlichen Frauen behauptet sich der hübsche Dan Tsukamoto vor allem als technisch zuverlässiger, aus seinen eher geringen Körpermaßen dank erfreulich ergiebiger Sprung- und Drehkraft viel Potenzial und Ausdruck schöpfender Solor, weniger als stolze Krieger-Persönlichkeit.

Solistisch können sich ansonsten vor allem die drei Schatten-Variationen Miyuki Nakagawa, Yurika Mikumo und Kamako Nihei mit allesamt exquisiter Darbietung spezieller Küren sowie Arata Miyagawa als symbolisch starkes Goldenes Idol mit exzellenter Körperbeherrschung beweisen. Mao Morikawa (Großbrahmane), Kazuo Kimura (Radscha), Iori Nittono (Madgawaja) und Mai Yajima (als katzbuckelnde Dienerin Aija) gelingt es, unterstützt von ihren würdevollen Gewändern, mit rein pantomimischer Funktion, diesen Rollen Kontur zu geben.

Die im Zusammenhang mit dem Schattenakt bereits gewürdigten Ensemble-Leistungen betreffen auch das in den übrigen Gruppenszenen als Mönche, Fakire, Diener und Festgesellschaft geforderte männliche Corps de ballet –da zeigt sich eine einheitlich kongruent getrimmte Compagnie als ergebene Dienerin einer lebendig gehaltenen romantischen Ballett-Kunst.

Statt des mit großen Konzertvorbereitungen beschäftigten Staatsorchesters Stuttgart steuerte die Württembergische Philharmonie Reutlingen unter der äußerst feinfühlig mit den choreographischen Gegebenheiten kommunizierenden Leitung des erfahrenen Ballettspezialisten Valery Ovsyanikov die nur oberflächlich betrachtet banal angelegte Musik von Léon Minkus bei. Das vielseitig einsetzbare Symphonieorchester ließ dabei sowohl delikat ausgereizte Streicher- und Bläsersoli wie eine durch alle Stimmungen von Nachdenklichkeit bis zu eruptiven Situationen weitgehend geschlossene Klangqualität vernehmen.

Zumal in Stuttgart mag Ballett und Tanz mit mehr körperlich erzielter Emotionalität eine große Bedeutung haben und einen entsprechenden Maßstab bilden, dennoch vermochte der fernöstliche Ausstattungszauber in Verbindung mit der gut gepflegten Leistungsschau des Tokyo Ballett viele Ovationen auf offener Bühne und einen überaus anerkennend langen und begeisterten Schlussapplaus auszulösen.

Udo Klebes

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