Der Neue Merker

STUTTGART/ Foyer der Staatsoper: ITALIENISCHES LIEDERBUCH von Hugo Wolf. Lucia Richter/ Georg Nigl/ Gerard Wyss

  1. Liedkonzert der Staatsoper Stuttgart mit Hugo Wolfs „Italienischem Liederbuch“

DIE SEELE BERÜHRT

Liedkonzert mit Hugo Wolfs „Italienischem Liederbuch“ am 27. September 2017 im Foyer der Staatsoper/STUTTGART

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Georg Nigl. Copyright: Anita Schmid

Ich spüre verdächtige Anzeichen zum Komponieren in mir und erwarte jeden Augenblick eine Explosion…“ In seinen Briefen zeichnete Hugo Wolf den schöpferischen Entstehungsprozess minuziös nach. Auch beim „Italienischen Liederbuch“ nach einer Sammlung des Literaturnobelpreisträgers Paul Heyse triumphieren die subtilen Seelenschilderungen und die facettenreiche Chromatik. Das Pathos des Intimen herrscht hier vor, alles Rauschhafte im Sinne Wagners wirkt eher reduziert. Doch Anna Lucia Richter (Sopran), Georg Nigl (Bariton) und Gerard Wyss (Klavier) gestalteten bei diesem als Liebe getarnten Geschlechterkampf auch die ekstatischen Momente durchaus glaubwürdig, denn sie machten aus diesem sensiblen Liederzyklus eine kleine Oper. Lust, Verlangen, Eifersucht und Stolz erreichten hier eine enorme gesangliche Intensität und Ausdruckskraft. Der überaus souveräne pianistische Begleiter Gerard Wyss unterstützte die beiden Sänger  in vorbildlicher Weise. Die kurze Form der Rispetti zwang Hugo Wolf dabei zu äusserster Vortragskürze. Bei den einzelnen Liedern „Auch kleine Dinge können uns entzücken“, „Schweig einmal still“,Nun lass uns Frieden schließen“ oder „Wenn du, mein Liebster, steigst zum Himmel auf“ blitzte immer wieder ein mediterraner Zauber auf, den insbesondere Anna Lucia Richter in ausgezeichneter Weise beschwor. Und auch Georg Nigl unterstrich die dynamischen Kontraste und chromatische Verflüssigung der Dur-Moll-Tonalität hervorragend. So konnte sich die suggestive Gestaltung kleinster Textnuancen bestens entfalten. Dies machte Georg Nigl beispielsweise nicht nur bei „Was für ein Lied soll dir gesungen werden“ sehr überzeugend deutlich. Glanzvolle humoristische Akzente setzte Anna Lucia Richter beim Schlusslied „Ich hab in Penna einen Liebsten wohnen„, wo sich die Klangkaskaden immer weiter zu verflüchtigen schienen. Daran hatte auch Gerard Wyss einen bedeutenden Anteil. Seine souveräne Ruhe gab den beiden Gesangssolisten großen Halt und Sicherheit in der Intonation. Auch den Eselsschrei in „Schweig‘ einmal still, du garst’ger Schwätzer dort“ vermochte Anna Lucia Richter sehr erfrischend zu gestalten. Da blitzten zudem bei der Klavierbegleitung die Girlanden und Arabesken in reizvoller Weise auf. Bei Gerard Wyss wurde der Klavierpart aber durchaus zur Hauptstimme, wobei er die Sänger nie „zudeckte“. Das kam auch der Phrasenstruktur zugute, wobei die Singstimme oft endete, bevor das Klavier die Kadenz auf der Tonika abgeschlossen hatte. Vokale Linien erreichten so eine verströmende Fülle, die Anna Lucia Richter und Georg Nigl in vorzüglicher Weise betonten. Anna Lucia Richter zeigte etwa bei „Mein Liebster singt im Mondenscheine“ große Ausdrucksstärke bei der Darstellung des Kummers, wobei Gerard Wyss den Serenadencharakter am Klavier in eindringlicher Weise gestaltete. Und bei „Mein Liebster ist so klein“ zeichnete Anna Lucia Richter den Spottlied-Charakter mit bemerkenswerter Nonchalance nach.

Das Zarte und Sphärenhafte dieser Lieder wurde von Gerard Wyss mit einfühlsam arpeggierten Akkorden und perlenden Sechzehnteln zum Ausdruck gebracht. Und bei „Der Mond hat eine schwere Klag erhoben“ konnte sich Georg Nigl mit kernigem Timbre und gesanglichem Klangfarbenreichtum profilieren. Der Ces-Dur-Akkord demonstrierte dabei wahren Frieden, der sich zudem bei Liedern wie „Gesegnet sei, durch den die Welt entstund“ oder „Selig ihr Blinden“ in bedeutender Weise offenbarte. Die Seele wurde so unmittelbar berührt.

Es gab zu Recht begeisterten Schlussapplaus für diesen großartigen Liederabend in Zusammenarbeit mit der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart.

Alexander Walther

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