Der Neue Merker

STUTTGART: EUGEN ONEGIN – Wiederaufnahme. Seelenqualen mit der Polonaise

Wiederaufnahme „Eugen Onegin“ in der Staatsoper Stuttgart. SEELENQUALEN MIT DER POLONAISE

Tschaikowskys „Eugen Onegin“ als Wiederaufnahme in der Staatsoper am 18. Dezember 2016/STUTTGART

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Michael Nagl, Atalla Ayan. Copyright: Martin Sigmund

Die Regisseurin Waltraud Lehner inszeniert Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ als Seelendrama in einer imaginären Schneelandschaft. Es ist ein modernes, russisches Gesellschaftsporträt. Der kapitalistische Wandel verändert hier allmählich die Gesellschaft. Eine Clique junger Leute bewegt sich in einem abstrakten Grundraum. Man sieht Plakate mit unterschiedlichen sozialen Entwürfen, die jungen Menschen befinden sich in einer hoffnungslos überalterten Welt. Gelegentlich nimmt man aber auch ironische Vexierspiele wahr. So ist die Begegnung zwischen Tatjana und Eugen Onegin die Beziehung zwischen zwei Außenseitern. Die Konflikte werden zwischen den Figuren nicht ausgetragen, es wird nicht einmal miteinander kommuniziert. Dies zeigt auch Tatjanas berühmte Briefszene, die Waltraud Lehner psychologisch feinsinnig inszeniert. Es ist die Grenze zwischen Pubertät und Erwachsenwerden, die hier thematisiert wird. Tatjana ringt immer wieder fast verzweifelt um den richtigen Ausdruck, das besitzt einen hohen Grad von Bewusstheit. Sie findet im Gegensatz zu Onegin zur Freiheit ihrer Gefühlswelt. Diese Reise Tatjanas in die Welt der Erwachsenen als Gattin Gremins kommt bei der Inszenierung überzeugend zum Vorschein. Ihre Entwicklung verläuft anders als die Eugen Onegins, aber beide sind bemerkenswerte Einzelgänger. Darauf legt Waltraud Lehner großen Wert. Tatjana kommt durch die Stationen der sieben Szenen zu einem ähnlichen Ergebnis wie Eugen Onegin. Man versteht diese Ähnlichkeit zwischen den beiden Personen bei dieser Inszenierung bereits in der ersten Szene. Auch Olga, Larina, Filipjewna, Lenski und Gremin haben hier eine große Sehnsucht nach Liebe und Verständnis. Der „Kasten“ des Bühnenbilds von Kazuko Watanabe wirkt keineswegs naturalistisch, sondern ist ein psychischer Gedankenraum. Fragen und Assoziationen stellen sich dabei von selbst ein. Es ist eine Reflektion über das Verhältnis der Generationen. Lehners Inszenierung zeigt Menschen in einer sich rasant verändernden Welt. Es ist die Aura eines ehemals kommunistischen Staates, der sich zu einer Wirtschaftsweltmacht entwickelt. Putin lässt grüßen. Und es gibt Gewinner und Verlierer.

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Rebecca von Lipinski (Tatjana) und Torsten Hofmann (Triquet). Copyright: Martin Sigmund

Das Stück beginnt hier Mitte der 90er Jahre – und man sieht Menschen, die aus einem maroden Altbau entmietet werden. Die Besitzerin Larina möchte ihre Töchter auf dem Heiratsmarkt etablieren. Sie hat als Bauherrin ihren Schwiegersohn in die Planung ihrer Investitionen einbezogen. Im zweiten Akt sieht man in Waltraud Lehners komplexer und zuweilen auch recht statischer Inszenierung an Stelle der ehemaligen Mietskaserne luxuriöse Mehrfamilienhäuser. Und den dritten Akt beherrscht dann ein Wintersportgebiet mit Videoprojektionen von Judith Konnerth. Die Kostüme von Werner Pick passen sich dem Bühnenbild stark an. Neben einer Plakatwand gibt es auch eine fahrbare Schräge – und die Hotellandschaft gibt Hinweise auf die kapitalistische Ausbeutung. Baustelle und Skischanze gehen ineinander über. Eine völlig verarmte Provinz wird grell mit der reichen Stadt konfrontiert. Das ist die besonders Stärke von Waltraud Lehners Inszenierung, die nur wenige Schwachstellen aufweist. Im Moment der Wiederbegegnung nach Jahren geraten Tatjana und Eugen Onegin in einen wilden Schneesturm, der sie unmittelbar mitzureissen scheint. Räumliche Orientierungslosigkeit gerät so ins Zentrum des Geschehens. Die Gefahr des Erfrierens überträgt sich dabei auf den Zuschauer. Man leidet unmittelbar mit, besonders dann, wenn Onegin Tatjana zum letzten Mal anfleht, mit ihr zu fliehen. Sie erkärt zwar, dass sie ihn noch immer liebe, dafür aber ihre Ehe mit Gremin nicht aufgeben werde.

Und diese Schluss-Szene hinterlässt überhaupt den stärksten Eindruck bei dieser Aufführung, denn auch Rebecca von Lipinski als Tatjana und Nikolay Borchev als Eugen Onegin finden hier gesanglich ganz zusammen. Der Parlando-Ton wird immer wieder ausgekostet. Timo Handschuh zeichnet als feinsinniger Dirigent Tatjanas Liebesmotiv schon beim zarten Orchestervorspiel sensibel nach, überträgt so die kunstvolle Harmonik auf die Linienführung der Sängerinnen und Sänger. Verscherztes Glück und Wollust der Schmerzen erreichen einen glutvollen Höhepunkt. Manche Passagen werden überraschend verfremdet – so beispielsweise die Polonaise, die eigentlich ein gesellschaftliches Ereignis sein soll. Bei Waltraud Lehner jedoch erreichen Onegins Seelenqualen hier einen tragischen Höhepunkt. Ihn verfolgen die Gespenster des Duells mit Lenski, in dessen Verlauf Lenski tödlich verwundet wird. Die Aufführung zeigt auch drastisch, wie Olga sich Lenskis Besitzanspruch verweigert, was zur Katastrophe führt. Seelische und leidenschaftliche Stimmungsbilder werden dabei musikalisch durchaus packend umgesetzt, das zeigen außerdem die tänzerischen und folkloristischen Intermezzi. Das Werden und Reifen der Empfindung einer jungen Frau lässt Rebecca von Lipinski bei der Briefszene der Tatjana im zweiten Bild mit tragfähigem Timbre glanzvoll deutlich werden. Das geheimnisvolle Drängen findet hier im Orchester eine interessante harmonische Entsprechung, Timo Handschuh wählt mit dem Staatsorchester Stuttgart die passenden Tempi. Das Übermaß der seelischen Regungen lässt Rebecca von Lipinskis Stimme dabei ganz mit dem Orchester verschmelzen, was rein musikalisch gut gelingt. Der Walzer im zweiten Akt offenbart zahlreiche kapriziöse Bonmots, und auch die festlich rauschende Polonaise arbeitet Timo Handschuh in all ihren klangfarblichen Facetten nuancenreich heraus.

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Nikolai Borchev und Rebecca von Lipinski. Copyright: Martin Sigmund

Prachtvoll agiert hier wieder einmal der von Christoph Heil exzellent einstudierte Staatsopernchor. Torsten Hofmann kann Triquets Couplet schwungvolle Eleganz abgewinnen. Atalla Ayan brilliert als intonationsreiner Lenski bei seinem Abschied vom Leben („Wohin seid ihr entschwunden“). Das kanonische Duett der beiden Freunde gerät zu einem weiteren Höhepunkt der Aufführung. Adam Palka kann den Kantilenen seines Basses bei Gremins Arie „Ein jeder kennt die Lieb‘ auf Erden“ geschmeidige Legato-Bögen abgewinnen. In weiteren Rollen gefallen Sarah Pring als herrische Gutsbesitzerin Larina, Idunnu Münch als leidenschaftliche Olga, Jane Henschel als betuliche Amme Filipjewna, Michael Nagl als emotionaler Saretzki, Tommaso Hahn als lakonischer Hauptmann und Alexander Efanov als charismatischer Vorsänger. Musikalisch arbeitet Timo Handschuh die Nähe zu Tschaikowskys zeitgleich entstandener vierter Sinfonie plastisch heraus. Insbesondere die Streicherthemen besitzen bei dieser Aufführung eine warme Leuchtkraft, die nicht verglüht. Auch der melancholische Grundzug prägt sich tief ein. Der innere Diskurs korrespondiert poetisch reizvoll mit der kritisch-ironischen Darstellung Onegins. Andererseits lässt Waltraud Lehner die Natürlichkeit und Naturverbundenheit Tatjanas keineswegs außer Acht. Das zeigt sich auch bei der „alten Romanze“ von Olga und Tatjana. Beim sentimentalen Rückblick Mutter Larinas und der Kinderfrau an vergangene Liebe brechen plötzlich unvermittelt Lenski und Onegin herein und lösen damit eine Tragödie aus. Das macht Waltraud Lehner in ihrer Inszenierung sehr gut deutlich. Der Kontrast zwischen der friedlichen Alltäglichkeit und der für Tatjana zutiefst verletzenden Rede Onegins kommt bei der von Handschuh konträr interpretierten Musik überzeugend zum Vorschein. Und auch die Kränkung der Tatjana verdeutlicht Timo Handschuh mit dem Staatsorchester mit nie nachlassender Intensität. In den Chören der Bauern und der Pflückerinnen triumphiert das russische Idiom – und in der Melodik der Solostimmen und im Orchestersatz zeigen sich ebenfalls viele Facetten dieser Erkenntnis. Die dreimalig absteigende, markante Linie mit den engen chromatischen Intervallen besitzt bei dieser Aufführung eine bemerkenswerte Präzision und klangliche Klarheit. Die Abgrenzung der Figuren hinsichtlich unterschiedlicher Intonationssphären zeichnet Timo Handschuh mit dem klangschön musizierenden Staatsorchester dezent nach. Der kunstvollen Motivtechnik spürt Handschuh einfühlsam nach.

Die lyrischen Szenen und die Dramatik der Duellszene fesseln bei dieser Aufführung, die vom Publikum bejubelt wurde.

Alexander Walther

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