Der Neue Merker

STUTTGART: EUGEN ONEGIN – „Die Rache der Tatjana“

Stuttgart: EUGEN ONEGIN am 6.1.2017:   Die Rache der Tatjana

Dieser ‚Onegin‘ von Tschaikowky stellt sich in der Regie als eine post-sowjetische, postsozialistische Inszenierung dar, bei der der Schlußakt in einer Außenszene die Gesellschaft beim Skifahren zeigt. Die Regisseurin ist Waltraud Lehner in einer Arbeit aus dem Jahr 2008.

Am Anfang werden an an einem Wandprospekt mit Wohnblockanlagen Arbeiten vom Aufzug aus verrichtet, die der Fassadenverschönerung dienen. Tatjana geriert sich im Verklauf nach der Briefszene als ‚Opfer‘, das von ihren Gespielinnen auch verhöhnt wird. Ihre Liebeszeichen auf den Plakaten muß sie übernmalen und die Plakate abräumen. Der Dichter Lensky wird als konventionell-kommunikativer Typ dargestellt, der sich aber beim Duell selbst in die Schläfe schießt. Onegin kommt in diesen Episoden cool und hochnäsig herüber. Olga will sich richtig amüsieren, fällt aber nicht aus der Rolle. Die Menge verhält sich abwartend. In der Schneeszene blitzt nur kurz mal Liebe zwischen den beiden auf. Der Gremin ist aber auch ein fescher Kerl. Die Schlußszene ist ja auch relativ kurz, und insofern kann man auch von der Rache der Tatjana für die erhaltenen Demütigungen reden. Onegin geht an seiner eigenen Coolness zugrunde.

Den Vorsänger gibt Alexander Efanov vom Opernchor (gut eingestellt von Christoph Heil). Einen auch sehr hochnäsigen Hauptmann gibt Tommaso Heer. Michael Nagl singt mit glattem böse schwarzem Baß den Saretzki. Torsten Hofmann gibt Triquet mit abgetönt schneidigem Tenor. Bei Adam Palka merkt man, dass er als Pole einen guten Bezug zur ’slawischen Seele‘ hat. Sein Baß wirkt wie ein geschliffener Diamant, seine Arie ist ein Highlight. Als Lensky ist Atalla Ayan erst der super Kommunikative, was sich auch in seinem reichhaltigen, in alle Richtungen schön gebildeten Tenor widerspiegelt. Die beiden Mezzosoprani Sarah Pring/Larina und Jane Henschel (Filipjewna) sind als Frauen der unteren Mittelschicht gezeichnet und gute Chrakterdarstellerinnen. Als Olga kann Idunu Münch als agile  emotive Sängerin punkten. Die Tatjana der Rebecca von Lipinski ist ein eher querständiger Charakter  und holt aus der Rolle Einiges haraus, zuletzt als flotte Skifahrerin  mit blondem Kurzhaar. Ihr angenehm timbrierter Sopran kann in den Langhrasen großen Charme entwickeln. Nikolay Borchev wirkt mit Brille und komischer Frisur erst fast deppert, erspielt und ersingt sich im Verlauf aber einen Achtungserfolg.

Tim Handschuh leitet das  Staatsorchester in einer bewegten und stromlinienförmigen Wiedergabe.                                                                                                  

Friedeon Rosén

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