Der Neue Merker

STUTTGART: ELEKTRA – „Triumph trotz überfrachtetem Ende“

„ELEKTRA“ 4.2.2017 (WA-Premiere 22.1.) – „Triumph trotz überfrachtetem Ende“

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Immer noch königlich und mit viel Stimme:  Doris Soffel (Klytämnestra) mit Rebecca Teem (Elektra).
Copryright: Martin Sigmund

Peter Konwitschnys 2005 mit der Königlichen Oper Kopenhagen koproduzierte Inszenierung der Atriden-Tragödie hat auch bei der weiteren Neueinstudierung nichts von ihrer spannenden Grundhaltung eingebüßt, die in der handwerklichen Meisterschaft des Regisseurs, Personen zu führen und aufeinander reagieren zu lassen, gründet – beginnend mit der stummen Vorgeschichte, wenn Agamemon mit den drei Kindern spielt und vor deren Augen in der Badewanne erschlagen wird. Dass das Drama in einem Palast der Gegenwart mit Spiegelwänden, Security-Personal und Reinemachefrauen statt Mägden (Bühne und Kostüme: Hans Joachim Schlieker) angesiedelt ist, störte dabei abermals nicht, zum wiederholten Male allerdings der mit Kanonendonner, dröhnenden Gewehrsalven und einem Massenmord des gesamten (Hof)-Staates völlig überfrachtete und die ohnehin rauschhafte Musik ärgerlich überlagernde Schluss. Warum ein Regie-Könner mit musikalischem Sachverstand zu solchen Mitteln greift, bleibt ebenso unverständlich wie seine Idee, die Bühne am Ende durch die zuvor als bis zum Muttermord rückwärts laufenden Zeitmesser dienende Digitaluhranzeige beleuchtet zu lassen, anstatt sie mit dem letzten zupackenden Akkordschlag taktgenau ins Dunkel zu hüllen. Mit dem Ergebnis, dass das Publikum auch jetzt wieder irritiert abwartete, ob die Aufführung nun wirklich zu Ende ist und sehr verzögert und langsam mit dem Applaus einsetzte, der sich da naturgemäß sofort entladen müsste.

Doch zum Glück und mit vollem Recht sparten die Zeugen dieser Vorstellung dann nicht mit verdienten Ovationen für ein einheitlich starkes Frauentrio, ein gut zusammengestelltes Ensemble und nicht zuletzt für den Dirigenten, der an der durchgehenden Hochspannung des Abends wesentlichen Anteil hatte. Ulf Schirmer gelang es das Staatsorchester Stuttgart vom markant eröffnenden Agamemnon-Motiv bis zum emphatischen Ende und damit die musikalische Wiedergabe insgesamt unter Strom zu stellen, melodische Abschnitte zum Blühen zu bringen, die aufgetürmten Blechbläser-Kaskaden in klar strukturierter Form zu halten, einen Ausgleich zwischen spätromantischen und im dissonanten Grenzbereich liegenden Phasen zu schaffen und die Dynamik so unter Kontrolle zu halten, dass die Musik in ihrer orgiastischen Kraft nie über ihr Ziel in dröhnende Bereiche hinaus schoss.

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Im finalen Rausch des Massenmordes: Rebecca Teem (Elektra) und Simone Schneider (Chrysothemis). Copryright: Martin Sigmund

Rebecca Teem benötigte etwas Anlaufzeit, um ihre vor allem im oberen und im Spitzenbereich ergiebige Stimme zur vollen Entfaltung zu bringen und Töne sauber anzusetzen und einschwingen zu lassen. Bereits im Auftrittsmonolog wurde jedoch klar, welches dramatische Potential in ihr steckt, und spätestens in der Auseinandersetzung mit ihrer Mutter lief sie zu Hochform auf, förderte auch in der nicht so ergiebigen tieferen Lage ein hohes Maß an Expressivität zu Tage. Mit ihrer rundlichen Figur gab sie das Bild eines psychisch deformierten, phasenweise fast kindlich aufmüpfigen Wesens, das seine Rache selbst dann mit dem Beil noch nachholt, wenn die beiden Opfer bereits erschossen wurden. Danach steigert sie sich nochmals bis zur Emphase, ehe sie mit den herabstürzenden Orchesterschlägen in sich zusammenbricht. Nicht verschwiegen bleiben sollte auch ihr gleichmäßig getragen intonierter Wiedererkennungs-Gesang an Orest sowie die triumphal attackierten Höhepunkte.

Kaum weniger Stanima hat Simone Schneider mit ihrem immer noch üppiger werdenden, jugendlich dramatischen Sopran mit der apart dunklen Tönung aufzubieten. Intensiv und voller Leidenschaft wirft sie sich in die ängstliche und doch so viel Stärke mobilisierende Rolle der Chrysothemis und lässt dabei lyrische und dramatische Züge gleichermaßen glänzen und leuchten.

Für besonderes Staunen sorgte indes Doris Soffel, die nach langer Abstinenz endlich wieder an ihr einstiges Stammhaus zurück gekehrte Mezzosopranistin, stellte sie doch in Anbetracht ihres bald vollendeten siebten Lebensjahrzehnts eine würdige Standesperson auf die Bühne, die trotz allen Federlassens und dem Gezeichnetsein durch ihre Träume in Klytämnestra immer noch die Königin sichtbar macht und die Partie mit intakt gebliebener Stimme in jeder Konsequenz prachtvoll, farbenreich artikuliert aussingt anstatt wie manche Kollegin in den Sprechgesang zu flüchten.

Shigeo Ishino stattet Orest mit stoisch düsterem Ton und festem Bariton aus, Torsten Hofmann den Aegisth mit passablem Charaktertenor. Unter den von Catriona Smith als passend streng tönender Aufseherin geführten, allesamt vorzüglich klar deklamierenden Mägden ragten Maria Theresa Ullrich (3. Magd) und Esther Dierkes (4. Magd) besonders hervor. Kein Ausfall in den Stichwort gebenden, größtenteils aus dem Staatsopernchor besetzten Kleinstrollen, der nur für die finale Massenmeuchelei anrücken mußte. Er wird seine Freude daran haben!                                      

Udo Klebes