Der Neue Merker

STUTTGART: DON QUIJOTE – „Leider nur noch das halbe Traumpaar“

Stuttgarter Ballett

„DON QUIJOTE“ 26.12.2016 (WA 20.12.) – „Leider nur noch das halbe Traumpaar“

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Noch ein etwas ungleiches Paar: Elisa Badenes (Kitri) und Adhonay Soares Da Silva (Basilio). Copyright: Stuttgarter Ballett

Im Jahr 2000 hatte Maximiliano Guerra eine Verletzungspause genutzt, um das von ihm oft getanzte Ballett nach Miguel de Cervantes in einer eigenen Version auf Einladung des Stuttgarter Balletts heraus zu bringen. Diese stützt sich freilich wie fast alle klassischen Varianten im Wesentlichen auf Marius Petipa und kann die beabsichtigte Aufwertung des lediglich eine weitgehend pantomimische Nebenrolle spielenden Titelhelden letztlich trotz einer erweiterten Rahmenhandlung  nur wenig bewirken. Aufgrund aufwändiger Bühnenbilder konnte diese Produktion nur zwei Spielzeiten im Repertoire geführt werden. Erst 2012 entwarf Ramon B. Ivars ein vereinfachtes szenisches Interieur mit verschiebbaren Wandsegmenten, die aneinander gereiht Schriftzüge aus Cervantes Werken lesbar machen. Einzelne Buchstaben daraus ziehen wie nächtliche Gedanken erleuchtet über den dunklen Bühnenhintergrund. Geblieben sind die farbsatten und stilecht spanischen Kostüme, die vom neuen Lichtdesign allerdings nicht mehr ganz so strahlend sonnig in Szene gesetzt werden. Für alle Einschränkungen, die diese szenische Erschlankung mit sich brachte, entschädigten vor vier Jahren Elisa Badenes und Daniel Camargo als jugendlich temperamentvolles und technisch überlegenes Traumpaar  Kitri und Basilio, das das Publikum damals in eine selbst für Stuttgarter Verhältnisse dort lange nicht mehr erlebte Begeisterungs-Euphorie versetzte.

Es darf davon ausgegangen werden, dass  die beiden der Hauptanlass für die jetzt erfolgte Wiederaufnahme waren, doch leider ist die männliche Hälfte dieses Triumphes dem Stuttgarter Ballett im Frühjahr ganz überraschend abhanden gekommen. Ein schwerwiegender Verlust, der weiterhin nur Unverständnis und Kopfschütteln zurück lässt.

Immerhin ist Elisa Badenes erhalten geblieben und mit ihrer entwaffnend verspielten, kessen wie locker kokettierend hingelegten Kitri ein Hingucker in allem, was die kleine Spanierin auf die Bühne zaubert. Ihr Spitzentanz perlt dazu wie selbstverständlich, sicher akzentuiert bis in die Details. Weit und fließend gelingen die Grand Jétés, gleichmäßig rasant gesteigert die Endlos-Pirouetten. Ihre feine Musikalität besticht auch im Einsatz der Kastagnetten, die den Pfiff ihres Wirkens noch erhöhen. Als neuer Partner für diese rundum authentische Kitri war Solist Pablo von Sternenfels vorgesehen, doch der mit Rückenproblemen kämpfende Mexikaner musste vorerst von der Rolle zurück treten. Das bedeutete die große Stunde für einen schon mehrfach solistisch hervorgetretenen Gruppentänzer, der wohl bereits für spätere Aufführungen im Frühjahr vorgesehen gewesen sein dürfte. In der klassischen Vorzeige-Partie des Basilio galt es für den noch blutjungen Brasilianer Adhonay Soares Da Silva, der erst im Sommer 2015 seinen Abschluss an der Cranko-Schule machte, nun all sein Können zu mobilisieren, um diese sehr frühe Betrauung mit einer Virtuosen-Partie zu rechtfertigen. Von Beginn an zeigte er eine klare Haltung in Sprüngen und Schraubdrehungen und befreite sich bald aus rein akademischem Einsatz zu einer partner-bezogeneren Hingabe. Im Grand pas de deux drehte er dann so richtig auf, ließ seine Tours rond de jambe ausdauernd und genau zwischen Be- und Entschleunigung  ausschwingen und fand mit der Partnerin zu exakt sitzenden Fisch-Figuren zusammen. Defizite gibt es vor allem noch in den unterschiedlich oder kaum geglückten Hebungen, die ebenso am überwältigenden Charisma dieser Rolle ihren Anteil haben wie die  persönliche Ausstrahlung. Und da bleibt Da Silva zu reserviert, teilweise fast ernst statt herausfordernd gut gelaunt, ohne Esprit und Feuer, die der ursprünglich vorgesehene Kollege so reichlich gehabt hätte. Vielleicht kam die Rolle letztlich doch etwas früh in seiner noch erfahrungsmageren Tänzerlaufbahn. Es bleibt spannend, was sich da in zwei oder drei Jahren entwickeln wird.

Alle anderen Partien sind, so seltsam das klingen mag, nichts weiter als Staffage, teils in mehr tänzerischer, teils in spielerischer Funktion. Neben Myriam Simons fein, apart und locker servierter Straßentänzerin wirkt der zugegeben schwer zu treffende Charakter des Toreador in Gestalt von Roman Novitzky trotz Korrektheit hölzern und schwer. Rocio Aleman ist eine liebliche Königin der Dryaden mit ausgewogenen Spitzenbahnen, erstmals solistisch aus dem Corps de ballet hervortretend Alicia Garcia Torronteras eine recht noble und sauber balancierende Muse Dulcinea, Matteo Crockard-Villa ein gemütvoller Don Quijote ohne prägende Konturen, Louis Stiens der ihm rollenbedingt die Schau stehlende, Witz und Schläue drollig trefflich ausspielende Sancho Pansa, Angelina Zuccarini und Agnes Su in ihren Soli Potential für Kitri aufweisende Freundinnen, Fabio Adorisio  ein schnöselig wichtigtuender Wunschschwiegersohn Camacho und Rolando D’Alesio der köstlich gestikulierende Vater Kitris. Robert Robinson verrät in seinem Solo als Zigeunerprinz deutlich den Solisten, Jessica Fyfe ergänzt als Cupido in klassisch-tänzerischer Manier, Angelika Bulfinsky als Kitris Mutter auf der spielerischen Seite.

Das Corps de ballet zeigte quer durch die Bank, ob als Volk, als Freunde, Zigeuner oder Dryaden sehr gute, synchrone Leistungen.

Nachdem es im ersten Akt noch zu einigen Tempo-Unstimmigkeiten mit der Bühne gekommen war, rundete sich der Einsatz des Staatsorchesters Stuttgart unter der gewohnt animierenden und rhythmisch fordernden Leitung von Wolfgang Heinz zur musikalischen Einheit, sofern dies bei der zusammengestückelten Partitur aus mehr oder weniger einfallsreichen Kompositionen von Ludwig Minkus und Zeitgenossen überhaupt möglich ist.

Die Sensation von 2012 ereignete sich zwar nicht mehr, aber für mehr als sonst ausbrechende spontane Ovationen reichte es dennoch – zu Recht!

 Udo Klebes

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