Der Neue Merker

STUTTGART: „DON QUIJOTE“ – Abschiedsvorstellung für GEORGETTE TSINGUIRIDES

Stuttgarter Ballett

„DON QUIJOTE“ 8.7. 2017– Abschiedsvorstellung für GEORGETTE TSINGUIRIDES

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Abschied von einer Grande Dame: Georgette Tsinguirides. Copyright: Stuttgarter Ballett

72 Jahre beim Stuttgarter Ballett – ab Dezember 1945 als Tänzerin, seit 1961 unter John Cranko als Choreologin und Ballettmeisterin – das Wirken der in Stuttgart geborenen Deutsch-Griechin Georgette Tsinguirides ist einmalig in der Geschichte des Tanzes. Eine Institution, ohne die die Stuttgarter Compagnie nicht denkbar ist. Mehrere Generationen von TänzerInnen hat sie mit den Werken von John Cranko bis in kleinste Details, aber auch durch die Notation mit anderen Choreographen-Arbeiten vertraut gemacht. Von unschätzbarem Wert ist ihr Einsatz für die Aufrecht-Erhaltung dieser so flüchtigen und bei jeder Aufführung neu zu erfassenden Kunstform. Dass sie, für die das Stuttgarter Staatstheater und das Ballett das eigentliche Zuhause sind, nun ein Jahr vor der Vollendung ihres 90. Lebensjahres und ein Jahr vor dem Ende der Direktionsaera Reid Anderson Abschied nimmt, stimmt nicht nur traurig, mehr noch bedenklich und Besorgnis erregend, zumal sich bei einer in diesem Alter durchaus verständlich nachlassenden Schaffenskraft doch auch eine Reduzierung ihres Arbeitsvertrages angeboten hätte. Jedenfalls ist zu hoffen, dass nicht Veränderungen der ballett-internen Stimmung im Haus (zu denen ja auffallend viele Tänzerabgänge zählen) zu ihrem Rückzug geführt haben!

Wie auch immer, an diesem im Zusammenhang mit der Übertragung der Vorstellung auf eine Großleinwand im Schlossgarten für ein erweitertes Publikum sorgenden Abend, galt es gebührend von dieser körperlich so zierlichen, aber eisernen Grand Dame Abschied zu nehmen und in Form von tosendem Applaus und stehenden Ovationen DANKE zu sagen. In der ersten Pause gewährte sie den Zuschauern im Park ein Interview, in der zweiten Pause signierte sie im Foyer des 1. Ranges und nach der Vorstellung defilierten mit wenigen Ausnahmen die ganze Compagnie, viele Mitarbeiter und vor allem auch ehemalige Weggefährten wie Stuttgarts einstige Ballett-Ikonen Birgit Keil, Egon Madsen, Vladimir Klos und Sue Jin Kang mit einer roten Rose an ihr vorbei – eine Schlange, die so lang war, dass das Orchester mehrmals zu neuer Begleitmusik aus dem Stück des Abends ansetzen musste. Und einige derjenigen, die nicht kommen konnten, schickten persönliche Gruß- und Dankesworte, die in einer speziell zu diesem Anlass aufgelegten Festschrift mit vielen Erinnerungsfotos abgedruckt sind. Dazu kamen noch ein im Hintergrund herunter gelassener Prospekt mit Dankes- und Glückwünschen des Stuttgarter Balletts, bunte Luftschlangen und rot-weiße Luftballons in Herzform.

Jetzt aber zu den Aktiven auf der Bühne, die den für diesen heiß-schwülen Sommerabend passend unterhaltsamen und musikalisch spritzigen Klassiker in der Choreographie von Maximiliano Guerra auch für die Tausenden an Zuschauern im Park zu einem leicht zu goutierenden Ereignis werden ließen. Allen voran Elisa Badenes, der denkbar besten Besetzung der im Mittelpunkt stehenden Gastwirtstochter Kitri, weil da ausgehend von einer in jedem noch so schweren Moment sicherst beherrschten Technik alle spielerischen Details samt persönlicher Beigaben zu einer umwerfenden Gesamtwirkung zusammen fließen, Kunst und Natur so harmonisch ineinander übergehen, dass es schwerfällt sich ihrer verführerischen Kraft aus Temperament und Raffinesse zu entziehen. Im großen Pas de deux räumt sie regelrecht ab, fein hin ziselierte Diagonalen auf wechselnder Spitze machen ebenso staunen wie ihre rasant und gleichmäßig gedrehten Endlos-Pirouetten. Adhonay Soares Da Silva, der im Dezember sein Debut als Basilio gegeben hatte, konnte ihr zwar nicht das Wasser reichen, aber er ließ seit dem Winter eine erfreuliche Steigerung erkennen, indem er zu seiner schon damals auffallend ausgeprägten Technik ( blitzsaubere Tours en l’air, effektive Sprünge ) nun die Lockerheit der schauspielerischen Präsentation hinzufügt, und den Barbier mit sehr jugendlichen Zügen, einer ordentlichen Portion Charme und sichtbarem Spaß ausfüllt. Das trotz gelungener einarmiger Hebungen hin und wieder noch Schwächen erkennen lassende Partnern mag vielleicht auch auf seine für das klassische Fach eher geringe Körpergröße zurück zu führen sein. Hoffentlich kann der frisch gekürte Solist seine weitere Entwicklung sorgsam und nicht übereilt aufbauen.

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Abschied auch von Myriam Simon (als Dulcinea). Copyright: Stuttgarter Ballett

Besonders zu erwähnen ist Myriam Simon, die als Dulcinea und am Folgeabend alternativ als Mercedes ihre letzten Vorstellungen in Stuttgart tanzte, bevor sie ab der neuen Saison bei Les Ballets Canadiens de Montréal in ihrem Heimatland ein Engagement antreten wird. Die Erste Solistin, die leider zu Unrecht im Schatten ihrer Kolleginnen stand und kaum eine große Premiere zugestanden bekam, vereinte in diesen beiden so gegensätzlichen Abschiedspartien noch einmal das, was sie als auffallend aparte Künstlerin auszeichnet: lyrische Leuchtkraft und poesievolles Gestalten da, gut dosiertes Temperament und berührende Leidenschaft dort.

Im weiteren Ensemble glänzte Rocio Aleman als rassige Straßentänzerin Mercedes, neben der David Moore als Torero trotz gewissenhafter choreographischer Erfüllung zu hölzern wirkte. Ami Morita führte die Dryaden würdig königlich mit guter Balance an, Roman Novitzky bewies als aufgeblasener Camacho Sinn für feine Komödiantik, Louis Stiens als Sancho Pansa eine solche vermischt mit rührend melancholischen Zügen.

Die übrigen bei anderen Vorstellungen schon mehrfach gewürdigten Beteiligten mögen sich ebenso mit einem Pauschallob begnügen wie das launig mitmachende Corps de ballet. Beim Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von James Tuggle neigte durchaus vorhandener Schmiss immer wieder mal zum knalligen statt locker bleibenden Effekt.

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Ihr fliegen alle Herzen zu: Georgette Tsinguirides. Copyright: Stuttgarter Ballett
 
 Nächste Saison bietet die Abschluss-Gala der Festwoche anlässlich von Reid Andersons Intendanten-Ende am 22. Juli den passenden Rahmen für die dann zwölfte Ausgabe von „Ballett im Park“.

    Udo Klebes

 

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