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STUTTGART: DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG – Rollendebüts mit Highlights

STUTTGART / Ballett: „Der Widerspenstigen Zähmung“ am 08.12.2016 – Rollendebüts mit Highlights

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 Hyo-Jung Kang (Katharina) und Robert Robinson (Petrucchio): bereits beim Rollendebüt ein eingespieltes Paar. Foto: Stuttgarter Ballett

Vor Weihnachten erwartete das Stuttgarter Ballettpublikum mit Spannung die letzte Neubesetzung des Hauptpaares in Crankos allzeit beliebter Ballettkomödie „Der Widerspenstigen Zähmung“, einer Besetzung die sich zusammen mit zwei weiteren Rollendebüts als Glücksgriff erwies.
Bevor die Hauptdarsteller die Bühne betraten, versetzten jedoch Biancas Freier das Publikum bereits in der ersten Szene vor Baptistas Haus in die richtige Stimmung: Fabio Adorisio, der erst Mitte Oktober sein Rollendebüt als Hortensio gab, hat nun anfängliche Nervosität und Schüchternheit in der Rolle abgelegt und eröffnet den Abend mit sicheren Schritten, eleganten Bewegungen und akkuraten Arabesquedrehungen. Ob in der Folgeszene in der Taverne als Angeschlagener oder beim Flirten mit Bianca verkleidet als Gesangslehrer – langsam verleiht er der Rolle den nötigen Ausdruck.
Auch der als Gremio debütierende Roger Cuadrado konnte schon in der ersten Szene die richtigen Akzente setzen – köstlich tollpatschig da sein Spiel mit der Mandoline zwischen den Beinen und mit dem Mantel auf dessen Griff – ist diese Rolle alleine durch die lustige Choreographie sicher die dankbarste von den drei Freiern. Die Rolle des Studenten Hortensio, dem es (auch mit Hilfe einiger Tricks) gelingt, Biancas Herz zu gewinnen und sie zu heiraten, ist hingegen die anspruchsvollste davon und verlangt etwas mehr Charakter (vor allem in den Kampfszenen mit Katharina oder als Verschwörer in der Taverne) als Roman Novitzky darin auszudrücken vermag. Der Erste Solist debütierte darin jedoch erst Mitte Oktober, nachdem er im gleichen Stück zuvor die Rolle des Hortensio getanzt hatte, ein Übergang der vermutlich nicht ganz einfach ist. Am meisten überzeugt er als Verliebter im Pas de deux mit einer wunderbaren Rocio Aleman (Rollendebüt) als Bianca. Der jungen Mexikanerin gelang dabei der Spagat des Charakters zwischen dem grazilen Mädchen und der begehrenden jungen Frau, die mit ihren Freiern kokettiert, wobei die verschreckte Schwester in Katharinas Anwesenheit auch nicht zu kurz blieb.       

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Harmonisches Paar: Rocio Aleman als Bianca und Roman Novitzky als Lucentio. Foto: Stuttgarter Ballett

Bereits im ersten Solo in der Szene in der Taverne ließ Robert Robinson über seine atemberaubend hohen Spreizsprünge staunen und setzte dadurch seinem Rollendebüt als Petrucchio den Stempel auf. Anfangs etwas zu sehr um Technik bemüht, lässt er sich danach im „betrunkenen Solo“ von Crankos genialer Choreographie führen, die von alleine schon dazu bringt, sich betrunken aufzuführen. Von da an wächst er immer mehr in die Rolle, vom von sich überzeugten Eroberer, über den verächtlichen Bräutigam, der sich seiner Beute schon sicher ist, bis hin zum verliebten Ehemann, der seine gleichgesinnte, ihm ebenbürtige Frau erkannt und gezähmt hat. Erstaunlich sicher meistert er auch die meisten waghalsigen Hebefiguren mit Katharina, bis auf das Ende des zweiten Aktes, wo ihm dazu etwas die Kraft auszugehen schien – kein Wunder, ist doch diese Rolle, in der es über beide Akte hinweg kaum eine Pause gibt, eine der anstrengendsten, bei der neben der enormen Kraft für die vielen Hebefiguren die Ausdauer die noch größere Herausforderung darstellt. Umso mehr erstaunt es, dass Robinson im letzten Solo wieder mit hohen Sprüngen im Kreis glänzt, bevor er sich in der Schlussszene mit seiner Katarina zu Boden fallen lassen kann.

Sieht man Hyo-Jung Kangs Rollendebüt als Katharina, fragt man sich, wieso sie diese Rolle nicht schon viel früher tanzen durfte. Sie bezaubert von Anfang bis zum Ende und vermag es, die ganze Bandbreite der Rolle spielerisch so zu interpretieren, so dass der Zuschauer die Schwierigkeiten und die Akrobatik der Rolle kaum wahrnimmt. Wie furchtlos wirft sie sich in manch‘ Hebefiguren, was auch dem sicheren Partnering mit Robinson zu verdanken ist, das scheinbar auf Anhieb zu klappen schien (unvergesslich: die lautstarke Ohrfeige für Petrucchio im ersten Akt, die das Publikum zittern ließ, sowie die Überschläge in den Kampfszenen). Neben perfekter Technik und Akrobatik ist jedoch ihre charakterliche Interpretation am überzeugendsten, denn sie scheint es wie kaum eine andere aktuelle Darstellerin der Rolle in Stuttgart verstanden zu haben, dass man diese Rolle ernst nehmen muss, um den Charakter der Katharina darzustellen, da man nur so die richtige Komik erreicht und überzeugt, ohne künstlich zu wirken.

Schwungvoll begleitet durch das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Wolfgang Heinz, führten Kang und Robinson die gesamte Compagnie zu Höchstleistungen, so dass man immer wieder auch auf die kleineren Details der Nebenrollen aufmerksam wurde, steckt diese Choreographie ja voller Schätze, die immer wieder neu entdeckt werden wollen. Ein Ballettabend, den man sich nicht entgehen lassen sollte!!!      

 Dana Marta        

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