Der Neue Merker

STUTTGART: „DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ – mit geschickt genützten Freiräumen

Stuttgarter Ballett

„DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ 27.11. 2016– mit geschickt genützten Freiräumen

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Mit temperamentvollem Impuls: Pablo von Sternenfels als Petrucchio. Copyright: Stuttgarter Ballett

Leichte Handicaps müssen nicht unbedingt ein Nachteil sein, sie können auch in äußerst befruchtende Details umgemünzt werden. Stuttgarts neuer Petrucchio, der Mexikaner Pablo von Sternenfels, hat es jetzt nachdrücklich bewiesen, dass der Katharina mit ihren eigenen Waffen schlagende Edelmann nicht zwingend ein alles toppender Überflieger sein muss, sondern mit Charakterfestigkeit und durchweg spürbarer Lust und Emphase (speziell auch in rasanten Drehungen) an diesem experimentellen Spiel genauso trefflich erfüllt werden kann.

Mit Rücksicht auf Rückenprobleme vermochte der Solist nicht seine sonst mögliche Sprungeffizienz auszuschöpfen, schonte sich vor allem im ersten Akt bei seinen zugkräftigen Soli, glich aber den dadurch entstandenen Eindruck einer gewissen Schwerfälligkeit intuitiv durch den Einfluss variierter Wendungen wie z.B. eine andere Endpose aus. Diese blieben jedoch alle im Rahmen einer choreographisch-interpretatorischen Freiheit und bewiesen letztlich auch, über welche Kapazitäten der schnelle Aufsteiger in der Kombination von bewegungs-technischem Impuls mit schauspielerischem Geschick verfügt. Sein Petrucchio ist kumpelhaft, durchtrieben und weist so viel Charakterstärke auf, dass er nicht zu Zeichen der Eitelkeit und des extra heraus gestellten Angebens greifen muss. Da wirkt alles so geerdet, dass Schein und Sein natürlich ineinander fließen.

Mit der jetzt schon fraulicher gewordenen und wissender nuancierenden Katharina von Elisa Badenes, deren Technik alle Kniffe, jede Drehung und Wendung wie selbstverständlich erscheinen lässt, bildet er eine bärig gute, aus Vertrauen und Verständnis geprägte Partnerschaft voller überraschender Situationskomik und mit spannenden Pas de deux-Konfrontationen. Dass er sie aus erwähnten Schongründen am Ende des ersten Aktes nicht Huckepack von der im Chaos endenden Hochzeit entführte, fiel da keineswegs zum Nachteil auf. Trotz des erfreulichen Gesamteindrucks ist da noch einige Luft nach oben, zumal seiner tänzerischen Form, offen, so dass berechtigt verstärkte Vorfreude auf künftige Einsätze besteht.

Ein auch im Kontrast aus jugendlicher Reife und noch kindlicher Physis, weil technisch ebenbürtiges und harmonisches Paar bildeten wieder Jessica Fyfe als Bianca und Adhonay Soares Da Silva als Lucentio. Ein Vergnügen für sich ist der schrullig originelle Gremio von Adam Russell-Jones, neben dem Fabio Adorisios eitler Hortensio etwas glatt daher kommt.

Magdalena Dziegielewska und Rocio Aleman sind zwei gleichwertig durchtriebene Freudenmädchen und das Corps de ballet zeigte sich so spritzig und motiviert, wie Wolfgang Heinz das Staatsorchester Stuttgart mit herzhaft frischen Akzenten durch diese geniale Cranko-Komödie steuerte.

Udo Klebes

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