Der Neue Merker

STUTTGART: Crankos ONEGIN – Auslöser eines Ballettwunders

Stuttgarter Ballett

50 Jahre John Crankos „ONEGIN“Auslöser eines Ballettwunders

 Die Urfassung von John Crankos Puschkin-Klassiker hatte zwar schon 1965 eine wenig erfolgreiche Premiere, doch gefeiert wird nun das Jubiläum der überarbeiteten Version (u.a. fiel der Prolog weg), die zwei Jahre später erstmals zur Aufführung kam und wiederum zwei Jahre später bei einer USA-Tournee der Stuttgarter Compagnie  bei der dortigen Presse zur Bezeichnung „Ballettwunder“ verhalf. Dass es gerade dieses Stück und nicht die beim breiten Publikum noch berühmteren Shakespeare-Adaptionen waren, die zu dieser folgenreichen Begeisterung geführt haben, liegt bei genauerer bzw. langjähriger Betrachtung auf der Hand. Die Choreographie ist in ihrer Struktur, ihrer Dramaturgie, ihrer musikalischen Treffsicherheit und Atmosphäre wie auch ihrer psychologischen Rollen-Ausprägungen eine so glückliche Vereinigung aller entscheidenden Komponenten und nicht zuletzt in ihrer Knappheit von 90 Minuten Spieldauer (im Vergleich dazu benötigte Tschaikowsky für seine Oper eine ganze Stunde mehr) ein auf das Wesentliche konzentriertes Literaturballett aller erster Güte. Vor allem die Hauptpartien sind so präzise ausgearbeitet und charakterlich durch den Tanz geprägt, dass sie zu den begehrtesten Endzielen vieler Tänzer gehören, sowohl als Höhepunkt einer Karriere wie auch als gern gewählte Abschieds-Gelegenheiten. Zur bewundernswerten Gesamtheit dieses Klassikers gehören auch die hoch-ästhetische Ausstattung und Kostüme von Jürgen Rose, der zudem anlässlich seines 80. Geburtstages ein öffentliches Interview gab. Getanzt wird das Stück inzwischen weltweit von allen großen Compagnien , doch in anderen, nicht so geschmackvollen Dekors von Elizabeth Dalton. Somit gibt es immer noch einen Grund, für eine Aufführung nach Stuttgart zu kommen. Kaum zu glauben, dass dieser Welterfolg bis heute nicht für DVD festgehalten wurde und erst jetzt anlässlich dieses Jubiläums eine Aufzeichnung erfolgt. Leider nicht mit der einen oder anderen Besetzung, die in den letzten 10 Jahren für charakter-darstellerische Maßstäbe gesorgt haben. Doch auch die beiden Alternativ-Ensembles, die nun zur Feier des Tages an zwei aufeinander folgenden Abenden (in der sage und schreibe 621. und 622. Vorstellung!)  in die Rollen von Onegin und Tatjana, von Lenski und Olga sowie Fürst Gremin schlüpften, sichern Crankos Geniestreich ein hohes Niveau gestalterischen und technischen Zuschnitts.

ONEGIN Paixa 28.10.17 DSC_0565
Junger Lenski-Debutant mit bemerkenswertem Tiefgang: Marti Fernandez Paixa. Copyright: Stuttgarter Ballett

28.10.2017: Nicht das vielfach bewährte Hauptpaar (wenn auch bisher mit anderen Partnern), sondern der neue Lenski stand im Mittelpunkt dieser Jubiläums-Vorstellung. Und dies völlig zu Recht, denn was der frisch gebackene Solist Marti Fernandez Paixa nach gerade einmal drei Jahren seit seinem Ausbildungs-Abschluss aus dieser anspruchsvollen Partie heraus holte, wie er vom ersten Auftritt an einen klaren interpretatorischen Willen spürbar machte und in dieser unbeirrbaren Zielverfolgung intuitiv das Richtige tat, gehört selbst beim  stark auf die darstellerische Ausdruckskraft hinarbeitenden Stuttgarter Ballett nicht zu den Selbstverständlichkeiten. Außer einigen technisch noch etwas vorsichtig angegangenen aber gut bestandenen Balance-Akten im Pas de deux mit Olga ging der charmante Katalane mit Temperament und sichtbarem Vergnügen aufs Ganze, steigerte die Eifersuchtsszene auf Tatjanas Geburtstagsfest zur bewegenden Studie körperlicher wie innerlicher Erregung und versenkte sich mit durchgehender Spannung in das von schmerzlicher Sehnsucht nach dem vergangenen Liebesglück erfüllte Solo vor dem Duell. Leider bleibt es vorerst bei dieser einen Vorstellung, so dass er sein Dichter-Portrait vorläufig nicht weiter ausbauen, verfeinern und festigen kann.

ONEGIN Zuccarini,Haydée 28.10.17 DSC_9708
Spätes Überraschungs-Debut als Amme: Marcia Haydée (mit Angelina Zuccarini als Olga). Copyright: Stuttgarter Ballett

Neben seiner durchdringenden Präsenz blieb die Olga von Angelina Zuccarini nach ihrer verletzungsbedingten Pause noch etwas unprofiliert, bestach aber durch eine tadellose, sehr sichere Spitzentechnik.

ONEGIN Kang,Reilly 28.10.17 DSC_1123
Schmerzzerrissene Wiederbegegnung: Hyo Jung Kang und Jason Reilly. Copyright: Stuttgarter Ballett

 

Wem gebührt der Vortritt beim Hauptpaar? Onegin ist der Titel(Nicht-)held, Tatjana allerdings diejenige, die die größere Entwicklung durchmacht und am Schluss vor einer folgenschweren Entscheidung steht. Und auch gemäß dem Prinzip „Ladies first“ sei Hyo Jung Kang zuerst gewürdigt – für eine mit viel mimischer Strahlkraft und beseelter Hingabe wirkende junge Frau, deren leuchtende Augen das Schwärmen für Onegin ebenso greifbar machen, wie sie als Gattin des Fürsten Gremin (der solide, aber etwas unpersönlich partnernde Roman Novitzky) zunächst geerdete Haltung zeigt und sich dann in einen aufwühlenden Kampf des Hin- und Hergerissenseins für oder wider Onegin stürzt. Da sitzt dann auch die partnerschaftliche Führung durch Jason Reilly, der gemessen an seiner gerühmten Instanz als hoch zuverlässiger Partner im Spiegel-Pas de deux gelegentlich noch etwas nachlässig agiert und deshalb einige der Hebungen und Fallwürfe nicht so leicht und fließend aussehen lässt. Ansonsten hat Reilly im nun deutlich gereiften Tänzer-Alter den hochmütigen Onegin so verinnerlicht, dass die einzelnen Stationen der Handlung das immanente Gewicht erhalten. Zuletzt legte er im Rückgewinnungsversuch Tatjanas noch mehr Leidenschaft als sonst an den Tag und ließ sich wohl zusätzlich durch Kangs Impetus in die stürmischen Gefühlswallungen der letzten Begegnung fallen.

Als Überraschung gab Marcia Haydée, die erste Tatjana beider Fassungen, ein spätes Debut als Amme und wackelte zugegeben sehr freizügig nach Cranko durch die Tanzszenen der Geburtstagsfeier, während ihre Bühnenausstrahlung nach wie vor erhalten ist.

Das Corps de ballet zeigte vor allem in der Polonaise im 3.Akt große Geschlossenheit, das Staatsorchester Stuttgart spielte unter James Tuggles gelegentlich etwas grober Leitung vielleicht im Vorfeld der Aufzeichnung der nächsten drei Vorstellungen sauberer und klangschöner als gewohnt.

Alles in allem also eine hochwertige Wiedergabe mit wenigen Einschränkungen, die nach dem emotional über die Rampe gebrachten Final-Pas de deux keine Rolle mehr spielten.

Udo Klebes

 

 

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