Der Neue Merker

STUTTGART: BERENIKE, KÖNIGIN VON ARMENIEN von Niccolo Jomelli. Premiere

Premiere „Berenike, Königin von Armenien“ von Jommelli in der Staatsoper Stuttgart

TRÜMMER DER GESCHICHTE

Premiere von Jommellis Oper „Berenike, Königin von Armenien“ in der Staatsoper am 15. Februar 2015/STUTTGART

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Sophie Marrilley, Ana Durlovski. Foto: A.T.Schaefer

Zum ersten Mal seit knapp 250 Jahren steht Niccolo Jommellis Oper „Berenike, Königin von Armenien“ („Il Vologeso“) wieder auf der Opernbühne. Die Uraufführung dieses Werkes fand im Jahre 1766 in Ludwigsburg statt. Der weltberühmte Komponist war zu dieser Zeit bereits seit 13 Jahren Hofkpellmeister am Hof Herzog Carl Eugens von Württemberg und hatte Stuttgart zu einem Zentrum der Opernreformen im Bereich der Opera seria gemacht. Jossi Wieler und Sergio Morabito haben dieses musikalisch höchst interessante und geradezu revolutionäre Werk zusammen mit der Bühnenbildnerin Anna Viebrock (die auch für die Kostüme zuständig ist) nicht als naturalistisches Abbild des Krieges inszeniert, sondern mit Hilfe eines fragmentierten Raumes, in dem die Trümmer der Geschichte fahl hervorragen. Es wird hier mit Prospekten und Montage-Ästhetik gearbeitet. Der Krieg und die Zerstörung werden assoziativ dargestellt. Das Bühnenbild schwankt zwischen römischer Antike, Rokoko und Gegenwart. So sieht man Häuserfassaden im modernen Outfit. Dazwischen ragen Gemälde von Tintoretto hervor, die unter anderem eine „Fußwaschung“ zeigen. Ein Treppenaufgang führt zu großen Säulen, die sich sogar bewegen lassen. Die Handlung ist schnell erzählt: Lucio Vero (mit beweglichen Koloraturen brillierend: Sebastian Kohlhepp), Mitregent des römischen Kaisers Marc Aurel, hat sich auf dem Feldzug gegen die Parther in Berenice (mit strahlkräftigen Spitzentönen: Ana Durlovski) verliebt. Sie ist Königin von Armenien und Braut seines totgeglaubten Gegners Vologeso (mit klangfarbenreichem Timbre: Sophie Marilley). Doch zu aller Überraschung lebt Vologeso. Und auch die von Helene Schneiderman mit souveräner Ausdruckskraft verkörperte Kaisertochter Lucilla ist nicht bereit, ihren Anspruch auf die Hand ihres Verlobten Lucio Vero aufzugeben. Zuletzt kommen Berenice und Vologeso wieder zusammen. Alle verkünden versöhnlich: „Für immer führe mich weit fort von euch ein freundliches Schicksal, barmherzige Liebe.“ Rätsel gibt das Schlussbild auf, in dem die handelnden Personen nicht so recht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Da hatten dann auch vereinzelte Zuschauer ihre Probleme.

Was Gabriele Ferro mit dem an diesem Abend hochkonzentriert musizierenden Staatsorchester Stuttgart hervorzaubert, wirkt aufregend, denn die Partitur ist reich an orchesterbegleiteten Rezitativen: Die Seele der Akteure wird so intensiv beleuchtet. Der kontrapunktisch und motivisch verdichtete Orchestersatz sticht immer wieder grell hervor – und Gabriele Ferro unterstreicht auch die reizvollen chromatischen Figurationen. Durch Schaffung von drei kleinen Streichergruppen wird der Klangreichtum bei der Aufführung in Stuttgart dank Gabriele Ferro aufgefächert. Das erste dieser kleinen „Streichorchester“ setzt sich aus drei ersten und drei zweiten Geigen, drei Bratschen, zwei Celli und einem Kontrabass zusammen und sitzt links. Das zweite Orchester besteht hier aus zwei ersten und zwei zweiten Geigen, zwei Bratschen, einem Cello und einem Kontrabass und ist rechts postiert. Und das dritte ist ein klassisches Streichquartett mit zwei Geigen, Bratsche, Cello und befindet sich leicht erhöht in der Mitte. Überhaupt ragt das Orchesterbett fast schon in den Zuschauerraum – und die Handlung wird einmal sogar in den Orchestergraben verlegt, was von recht origineller Wirkungskraft ist. Die drei Streichergruppen spielen sich das motivische Material unter Ferros suggestiver Leitung auch räumlich gegenseitig zu. Es ist ein interessanter akustischer Effekt nach dem Prinzip der venezianischen Mehrchörigkeit des 16. Jahrhunderts. Der Fluss der Arien (der von allen Sängern sehr schön dargestellt wird) wird von Jommelli durch rezitativische Orchestergesten und ausdrucksvolle Rhetorik unterbrochen. Zwischen Ritardandi und Fermaten entwickelt sich eine subtile Dynamik. Als treibende Kraft der Handlung entpuppt sich Lucio Vero. Sergio Morabito und Jossi Wieler haben bei ihrer insgesamt spannungsvollen Inszenierung die unverwechselbare künstlerische Individualität Niccolo Jommellis unangetastet gelassen, was von großer Bedeutung ist. Und Gabriele Ferro greift die antreibende Kraft dieser inszenierung musikalisch einfühlsam auf, es kommt zu rasanten Steigerungen und einem wahren Koloraturfeuerwerk, das die Sängerinnen und Sänger dabei immer wieder neu abbrennen.

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Ana Durlovsky, Sebastian Kohlhepp, Helene Schneiderman. Foto: A.T.Schaefer 

Dies zeigt sich auch bei der dramatischen Spannung im ersten Akt in den Räumen des „Kaisersaals“. Die schauspielerische Differenzierungkunst gefällt bei Sophie Marilley in der anspruchsvollen Rolle des Vologeso. Ihr gelingt es auch beklemmend, Vologeso bei seiner überraschenden Rückkehr als körperliches und seelisches Wrack darzustellen. Im heroischen Tonfall wendet sich Vologeso an Lucio Vero, während sein pathetischer Part Berenice als Gegenüber besitzt. So entstehen klanglich ansprechende Passagen, die sich verdichten. Opera-buffa-Effekte blitzen bei Berenices Arie angesichts der Freude von Vologesos Überleben auf. Ein tänzerischer Impuls wird hierbei auch vom Staatsorchester Stuttgart überzeugend herausgestellt. Die handlungs- und situationsorientierte Gestaltung dominiert bei dieser abwechslungsreichen Inszenierung, die nie Langeweile aufkommen lässt. Man fühlt und leidet mit den handelnden Personen mit – und dies vor allem angesichts des von Sophie Marilley eindringlich als Schmerzensmann verkörperten Vologeso. Der Oper liegt ein Libretto von Apostolo Zeno zugrunde – nämlich dessen „Lucio Vero“  aus dem Jahre 1700. Im Stuttgarter Libretto ist der zweite Akt verschlankt. Ein schwärmerisch-lyrischer Ton beherrscht beispielsweise Vologesos an Berenice gerichtete „Aria dialogica“, die Sophie Marilley nie maniriert oder gekünstelt, sondern so natürlich wie möglich darbietet. Der schwierig zu gestaltenden Körperlichkeit von Lucio Veros Kavatine wird Sebastian Kohlhepp ebenfalls ausgezeichnet gerecht. Auch die elektrisierend gestaltete Konfrontation von Lucio, Vologeso und Berenice gerät schließlich zu einem musikdramatischen Höhepunkt. Einmal wird Lucio Vero in einem gewaltigen Orchester-Crescendo von seinen unkontrollierten Gefühlen überwältigt. Es ist ein faszinierender gesanglicher Augenblick, den Sebastian Kohlhepp ebenfalls hervorragend herausarbeitet. In weiteren Rollen gefallen Catriona Smith als Flavio, Igor Durlovski als Aniceto sowie Thembinkosi Mgetyengana und Thomas Elwin als kaiserliche Diener. Bis in die 1740er Jahre hinein ging der Schlussszene des „Lucio Vero“ ein Selbstmordversuch Berenices voraus. Bei Zeno wurde zudem auch noch der Intrigant Aniceto durch Vologeso getötet. Diese beiden Passagen wurden dann bei den späteren Reduktionen gestrichen. Die drohende Absetzung des Kaisers wird aber beibehalten. Gabriele Ferro betont als vom Publikum bejubelter Dirigent die geschmeidig-lyrischen Melodiebildungen und Verzierungen sehr sorgfältig. Er nimmt die Themen nicht zu schnell, wodurch die Durchhörbarkeit von Themeneinsätzen und Engführungen nicht beeinträchtigt wird. Dadurch entsteht immer wieder harmonische Vielfalt und  große formale Geschlossenheit. Das Continuo bestreiten sensibel musizierend Michael Groß (Violoncello) und Alan Hamilton (Hammerklavier). Jossi Wieler und Sergio Morabito ist bei ihrer eindrucksvollen Reise durch verschiedene Jahrhunderte jedenfalls ein großer Wurf gelungen, wobei manche Details in der Personenführung noch verfeinert werden könnten. Fazit: Diese Produktion ist ein „Muss“ für jeden Opernfreund. 

 Alexander Walther

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