Der Neue Merker

STUTTGART/ Ballett: VERFÜHRUNG – assoziationsreiche Betrachtungen

Stuttgarter Ballett

„VERFÜHRUNG!“ 10.2.2017 – Assoziationsreiche Betrachtungen

Auch wenn die Eindrücke in der persönlichen Betrachtung und Empfindung divergierend ausfallen kann dieser neuen Programm-Zusammenstellung des Stuttgarter Balletts gemäß dem verlockenden Übertitel verführerisches Potential nicht abgesprochen werden. Die Sinne werden jedenfalls unabhängig von der jeweiligen Interpretation auf ganz unterschiedliche Art angesprochen. Der Zugang zu Katarzyna Kozielskas erster Arbeit im Opernhaus und mit Live-Orchester fällt im Vergleich zu den anderen drei Stücken schon deshalb schwerer aus, weil sie auf einer mehr psychologischen Ebene arbeitet, die sich auch in der gleichnamigen Auftragskomposition „DARK GLOW“ von Gabriel Prokofiev mit ihren elektronischen Verfremdungen und gegeneinander geschichteten  Impulsen widerspiegelt. Bei der zweiten Begegnung fällt auf, dass ein Teil ihrer variantenreichen und manchmal auch virtuosen Verarbeitung des klassischen Spitzentanzes hier noch besser zur Geltung kommen könnte, wenn die durchweg auf Hell-Dunkel-Abgrenzungen sorgende Lichtgestaltung nicht manches der mit den Mechanismen unserer technisierten Welt spielenden Choreographie im Diffusen erscheinen lassen würde. Dies macht den Einstieg in den Abend optisch etwas anstrengend und verlangt erhöhte Konzentration auf die Einsätze des Hauptpaares, dem in nun veränderter Besetzung auch Hyo Jung Kang und Pablo von Sternenfels eine leidenschaftliche Note und bravouröse Details abgewinnen. Ami Morita legt die Solorolle feingliedriger und lyrischer an als ihre Premierenkollegin, weshalb manche Abschnitte ihres Parts etwas an Körperprofil einbüssen. Drei weitere Paare, unter denen sich  Marti Fernandez Paixa in einer kurzen Sequenz als geschickter Partner von Morita erweist, wirkten noch nicht so ganz fertig einstudiert wie das weibliche Corps der Masse.

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Faszinierende Körpererkundung in „Faun“: Elisa Badenes und Adam Russell-Jones. Copyright: Stuttgarter Ballett

So zwiespältig vor zwei Jahren sein „Feuervogel“ aufgenommen wurde, so einhellig fällt jetzt die Begeisterung für Sidi Larbi Cherkaouis in der Tat animalisch verführerische Version des „FAUN“ aus. Das körperliche Erkundungsspiel des Parallelen zu Adam und Eva weckenden, nur leicht verhüllt in einer Waldlichtung zusammenfindenden Paares funktioniert wie bei dieser alternativen Besetzung auch mit völlig anderen Typen. Hauptvoraussetzung sind eine fast schlangenartig gliederlos scheinende Bewegungsqualität sowie ein gewisses Quantum an persönlicher Note. Dass Elisa Badenes mit beidem zur Genüge aufwarten kann, war zu erwarten, so dass der immer mehr solistisch hervortretende Gruppentänzer Adam Russell Jones zur erfreulichen Überraschung wurde. Der blonde Tänzer ist das komplette Gegenbild zur Erstbesetzung, fasziniert aber mit der gleichfalls verblüffenden Fähigkeit viele vom Boden abhebende Windungen, Aufbäumungen und wieder Zusammenfallen als fließendes Ganzes erscheinen zu lassen und mit der Partnerin die Neugier der Selbsterkundung spürbar zu machen. Obwohl der Choreograph hier einen ganz anderen Weg einschlägt als das Original der Ballets-russes, korrespondiert dieser stimmungsmäßig genau mit Debussys Musik einschließlich der ergänzten Klangeinschübe fremder Kulturen.

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Präzis skurriler Goecke-Stilist:  Louis Stiens in „Le spectre de la rose“. Copyright: Stuttgarter Ballett

In diesem direkten Vergleich wird im nachfolgenden „LE SPECTRE DE LA ROSE“ der harte Bruch zwischen Carl Maria von Webers klar und rhythmisch genau definierter Musik und dem dauernervösen Stil von Marco Goecke besonders deutlich. Beides will hier einfach nicht zusammenpassen, so dass das unerschöpflich scheinende und immer wieder beeindruckende Mäandern seiner Handschrift als Qualität für sich stehen bleibt. Zumal wenn sie so prägnant, mit einem Zug zur skurrilen Poesie, ausgefüllt wird wie von Louis Stiens, als ob sie ihm auf den Leib kreiert worden wäre. Neben ihm fehlt es Fernanda De Souza Lopes noch an durchgängiger Konsequenz.

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Reifer und wissender Bolero-Interpret: Jason Reilly. Copyright: Stuttgarter Ballett

Auf dem roten „BOLERO“-Tisch stand jetzt Jason Reilly, der an diesem Abend nach längerem Ausfall zum ersten Mal wieder ins Rampenlicht trat und den konditionell fordernden Part nach noch etwas zögerlichem Beginn so richtig an sich riss und bis zum ekstatischen Ende mächtig steigerte. Der äußerst athletische, nun richtig ausgereifte Erste Solist, greift die Melodie mit seinem Körper nicht so total entspannt und in einem beständigen Fluss auf, setzt dafür mehr einzelne deutliche Akzente und bleibt dadurch direkter, lebensnaher, weniger in Trance. Der Jubel war nicht nur ihm, auch dem Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Wolfgang Heinz sicher, obwohl die Intonation der Bläser phasenweise klapperte. Nicht nur Béjarts Choreographie, auch Ravels Musik har es in sich.

Udo Klebes

 

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