Der Neue Merker

STUTTGART/ Ballett: ROMEO UND JULIA – tief empfunden

Stuttgarter Ballett

„ROMEO UND JULIA“ 13.6.2017 – Tief empfunden

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Ein hingebungsvolles und sensibles Paar: Hyo Jung Kang und Jason Reilly. Copyright: Stuttgarter Ballett

Im Februar ließ sein Comeback in der Hauptrolle von Béjarts „Bolero“ nach einer längeren Verletzungspause noch darum bangen, ob Kammertänzer Jason Reilly seine gewohnte Form und Kondition wieder erreichen würde. Umso erleichterter ist nun sein Wiedereinstieg in die von ihm bereits sehr oft und vor allem mit zahlreichen Partnerinnen verkörperte Partie des Romeo zu registrieren. Die im Februar deutlich wahrgenommene Reife des Tänzers trat jetzt bei der Liebhaberrolle schlechthin nur in der spürbar gesetzten Erfahrung im Umgang mit Julia zutage – seine Ausstrahlung ist dagegen immer noch jugendlich und das Ausleben der unterschiedlichsten Gefühle unvermindert frisch in den Spielszenen und leidenschaftlich in den Pas de deux mit der Geliebten. Und obendrein zeigte er in den Schraubdrehungen und Rondes des jambes die von ihm gewohnte Mischung aus Spannkraft und Leichtigkeit. Im inzwischen ausgedünnten männlichen Solisten-Ensemble kann also glücklicherweise weiterhin auf ihn gezählt werden.

Mit diesem rundum stimmigen und emotional durchdrungenen Katalysator konnte auch Hyo Jung Kangs Julia nur ins Volle treffen. Von anfangs mädchenhafter Neugier auf das Ballkleid und den noch unbekannten Verlobten über das Kribbeln der ersten Stunden mit Romeo bis zu ihrer den ganzen Körper bewegenden und erschütternden Verzweiflung, erneut erwachender Hoffnung durch den Schlaftrunk und die zuletzt übrig bleibende Konsequenz einer Vereinigung im Tod lebt die Koreanerin die Capulet-Tochter mit Hingabe und ebenso tiefer Empfindung aus. Ihre mal leuchtenden, mal traurigen Augen spiegeln all diese Stadien reichhaltig und lebendig wider. Eine durchgängig sichere Technik, die sie auf Spitze sehr flexibel wirken lässt, ermöglicht es dem Zuschauer zudem sich mit ihr in alle Situationen so richtig fallen lassen zu können.

Marti Fernandez Paixa hat sich den Mercutio bereits in dieser zweiten Aufführungsserie so zielsicher wie selbstverständlich mit einer persönlichen Note zu eigen gemacht, dass seine zunehmend leichter und ausgewogener absolvierten Drehungen (nur) als eine erfreuliche Draufgabe erscheinen. Adhonay Soares Da Silva komplettierte als Benvolio das Freundestrio wieder technisch brillant und jungenhaft spritzig. Matteo Crockard-Villa stand ihnen als bärbeißig fieser Tybalt gegenüber, Roman Novitzky als schlichter und recht einfühlsamer Graf Paris.

Kevin Rhodes (als erneuter Gastdirigent ein Anwärter auf die vielleicht zum Intendantenwechsel 2018 frei werdende Position des Musikdirektors??) leitete das nicht immer ganz konzentriert wirkende Staatsorchester Stuttgart (Bläser) mit handwerklicher Routine und phasenweiser Bemühung um eigenständige Farb-Akzente.

                                                                                                                      Udo Klebes

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