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STUTTGART/ Ballett: „ROMEO UND JULIA“ 2.5. – zum 80. Geburtstag von MARCIA HAYDÉE!

Stuttgarter Ballett

„ROMEO UND JULIA“ 2.5.2017 – zum 80. Geburtstag von MARCIA HAYDÉE!

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Marcia Haydée. Copyright: Stuttgarter Ballett

Wie gratuliert eine Ballett-Compagnie ihrer einstigen Primaballerina und Ballettdirektorin zum 80. Geburtstag? Mit einer Gala garniert mit ausgewählten Ausschnitten aus Stücken, die sie selbst oft getanzt hatte? Nein – Galas hatte das Stuttgarter Ballett bereits aus den verschiedensten Feier-Anlässen auf die Beine gestellt. Marcia Haydée ist noch viel zu aktiv und nach wie vor unermüdlich, um bloße Zuschauerin einer Hommage zu sein, und so verkörperte sie selbst für drei Vorstellungen die Amme in Crankos erstem Welterfolg, bei dessen Stuttgarter Premiere 1962 sie als Julia mit dazu und obendrein zum Beginn des Stuttgarter Ballettwunders beigetragen hat. Außerdem sind ihr alle Vorstellungen dieses Klassikers  im laufenden Jahr gewidmet. So wie sie sich immer mit hundertprozentiger Identifikation in ihre Rollen gestürzt hat, füllte sie nun auch die gar nicht so klein bemessene Partie der Amme aus: mit einer solchen Hingabe und Liebe, dass sie für Julia nicht nur Vertraute, sondern auch die bessere Mutter ist. Ein leicht hatschender Wackelgang und eine Mimik zwischen ernsthafter Sorge und heiterem Gemüt lassen auch den zu ihr gehörenden Humor nicht zu kurz kommen. Die so köstlich umständlich angelegte Übergabeszene des Briefes an Romeo z.B. versieht sie mit ungeahnt neuen und spontan gesetzten Nuancen. Sie schont sich auch nicht, wenn Julia ihr vor Freude auf den Rücken springt oder Romeo sie angesichts der freudigen Nachricht kreisend auf Händen trägt. Als lebende Legende ist so viel über die Jubilarin geschrieben worden, dass es hier keiner Wiederholungen ihrer reichen Vita und Verdienste bedarf. Möge sie die noch bestehende Funktion als Ballettdirektorin in Santiago de Chile mit unverändertem Tatendrang noch einige Jahre wahrnehmen und sich während ihrer jährlichen Aufenthaltsperioden in Stuttgart am Tänzer-Nachwuchs erfreuen, der ihr nach wie vor am Herzen liegt. Dazu dürfte sie bei dieser Geburtstags-Besetzung viele gute Gründe gehabt haben.

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David Moore, Elisa Badenes, Egon Madsen. Copyright: Stuttgarter Ballett

Da ist zunächst einmal die jugendlich frische, in allen Belangen unverkünstelt normale und spontan wirkende Elisa Badenes als Julia, bei der alle Positionen einen federleichten Eindruck hinterlassen und alle darstellerischen Akzente intuitiv gesetzt scheinen. Diese komplette Rollendeckung weist David Moore  bei seinem Stuttgarter Debut als Romeo noch nicht auf, die Grundvorrausetzungen sind indes sichtbar bzw. spürbar vorhanden. Zum einen die tiefe Einfühlsamkeit, mit der Romeo vor allem seiner Liebe Ausdruck verleiht, andererseits eine durch lange Beine begünstigt noble Haltung, die auch dort den technisch fordernden Teilen zugute kommt, wo es z.B. in den Drehungen (Pas de trois) noch an Fluss und Leichtigkeit mangelt. Als Partner zeigt er sich versiert, nur als Gesamtcharakter muss er (verständlicherweise) noch wachsen.

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Elisa Badenes, David Moore. Copyright: Stuttgarter Ballett

Um beim Pas de trois zu bleiben: das Benvolio-Debut  musste für den neu gekürten Solisten Adhonay Soares Da Silva  nach dem wesentlich fordernderen Basilio in „Don Quijote“ ein Klacks sein, so dass er seinen beiden Kollegen mit rasanten, blitzsauberen und auf den Punkt beendeten Drehungen hier regelrecht die Show stiehlt und im übrigen mit sehr jugendlicher Ausstrahlung munter Anteil nehmend mitmischte.

Noch mehr Aufmerksamkeit gehörte rollenbedingt Marti Fernandez Paixa, der nun von Benvolio zum Mercutio aufgestiegen ist und um es kurz zu sagen, ein auf Anhieb im Wesentlichen voll erfasstes Portrait des tragikomischen Charakters zeichnete. Mit Charme und Küsschen becirct er seine Freunde und gestaltet eine ergreifend realistische Sterbeszene, und dort, wo er technisch richtig Farbe bekennen muss, beweist er Ausgewogenheit zwischen Sprüngen und Drehungen.

Robert Robinson umreißt bereits mit seiner bloßen Präsenz die Gefährlichkeit des ehrversessenen Tybalt, verursacht alleine mit einem süffisanten Lächeln nach der vorerst vollzogenen Schlichtung durch Graf Capulet Gänsehaut, und stirbt nach individuell angelegten Aufbäum-Attacken, als ob er selbst da den Kampf gegen die verhassten Montagues nicht aufgeben wollte. Roman Novitzky legt mit passender Schlichtheit und eher braver Noblesse den blassen Charakter des Grafen Paris an.

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Reid Anderson. Copyright: Stuttgarter Ballett

Als besondere Garnierung der Besetzung gab sich Haydées enger Kollege aus Cranko-Zeiten Egon Madsen die Ehre als Pater Lorenzo und unterstrich wie prägnant Cranko selbst kleinsten Rollen ein Profil gab. Ballettintendant Reid Anderson ließ es sich nicht nehmen, bei dieser Gelegenheit noch einmal auf die Bühne zurück zu kehren und präzisierte mit minimalen Mitteln aus Haltung, Gestik und Mimik die Autorität von Julias Vater.

Alle anderen rollenerprobten und anlässlich früherer Vorstellungen gewürdigten Beteiligten trugen ebenso wie das Corps de ballet zum unvermindert sprühend lebendigen Erfolg dieses Dauerbrenners bei, das auch ein an diesem Abend weniger gut disponiertes Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von James Tuggle nicht trüben konnte.

Alle drei Vorstellungen wurden aufgezeichnet und lassen hoffen, dass auch das Stuttgarter Ballett beginnt nach und nach seine Schätze aus neuerer Zeit auf DVD zu veröffentlichen.

 Udo Klebes

 

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